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Gescheiterter U-Boot-Auftrag : „Vielleicht gab es Andeutungen, die wir nicht kennen“

Thyssen-Krupp-Bereichsvorstand Hans Atzpodien: „Wir werden erst noch von der australischen Regierung über die Hintergründe informiert werden.“ Bild: dpa

Thyssen-Krupp hat einen milliardenschweren U-Boot-Auftrag für Australien verpasst. Woran lag es? Der Konzernchef vermutet technische Gründe, doch anderes ist denkbar.

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          Als alles vorbei war, kam der Anruf von Thyssen-Krupp-Konzernchef Heinrich Hiesinger, der der Mannschaft seiner Marinewerft in Melbourne Mut machen wollte. Denn die hatte gerade den größten Rüstungsauftrag der deutschen Geschichte an Frankreich verloren: Weder Fregatten noch Patrouillenboote, noch die prestigeträchtigen Unterseeboote der Australier wird Thyssen-Krupp Marine Services (TKMS) bauen. Der Auftrag von rund 50 Milliarden Dollar für letztere geht an Frankreichs Staatswerft DCNS.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Woran hat es gelegen? Der offensichtlichste Unterschied liegt im Antrieb der Boote: DCNS baut Atom-Unterseeboote, TKMS Boote mit konventionellem Antrieb – wie die Australier sie wollen. „Vielleicht gibt es auch zusätzliche Andeutungen der Franzosen, die wir nicht kennen“, sagt Thyssen-Krupp-Bereichsvorstand Hans Christoph Atzpodien im Gespräch mit der F.A.Z.

          „Natürlich ist es theoretisch denkbar, ein auf das Konventionelle abgespeckte Boot nach der Auslieferung von zwei oder drei Schiffen auf Nuklearantrieb bei den folgenden Booten hochzurüsten. Dazu müsste der politische Wille der Australier in den nächsten Jahren vorliegen.“ Zugleich machen in Canberra Vermutungen die Runde, die Franzosen hätten mit ihrem Staatskonzern Areva den Australiern auch eine hier derzeit diskutierte Aufarbeitung ziviler Brennstoffe angeboten.

          Rüstungsexporte sind Schiff-Sache Bild: FAZ.NET / Statista - Lizenz: CC BY-ND 3.0

          „Wir werden erst noch von der australischen Regierung über die Hintergründe informiert werden“, sagt Atzpodien am Tag der Niederlage. „Ich kann mir vorstellen, die U-Boot-Entscheidung geht auf technische Details zurück. Da ist zum Beispiel die Erweiterung des Druckkörpers, der ,Zigarre‘. Mag sein, dass die Australier uns das nicht zutrauten, denn wir hätten erstmals ein größeres Boot bauen müssen.“ Auch bei ihrem Preisangebot, auf das sie sich viel einbildeten, gingen die Deutschen ungewöhnlich vor: „Wir haben einen Festpreis geboten und hätten auch so liefern können. Dies hinzubekommen bei einem solchen Auftragsvolumen mag man uns aber nicht geglaubt haben.“

          Politisches Pfund genutzt

          Klar jedenfalls ist, dass der französische Staatskonzern sein politisches Pfund genutzt hat. Kann ein Privatunternehmen überhaupt mit einer Staatswerft konkurrieren? „Wir tun das ja dauernd, derzeit auch in Indien um einen Auftrag mit bis zu zwölf U-Booten und in Norwegen um bis zu sechs Boote“, sagt Atzpodien.

          „Aber natürlich hat ein Staatsunternehmen ein ganz anderes Herangehen. Wir haben zwar jede politische Unterstützung der Bundesregierung genossen. Aber die Franzosen sind doch mit einer ganzen Riege von Ministern und dem Präsidenten für 22 Stunden nach Australien geflogen. Das nimmt man in Canberra eben doch auch wahr.“

          Seit dem Besuch der Kanzlerin im Herbst 2014 habe kein deutscher Minister – mit Ausnahme des Landwirtschaftsministers – mehr Australien besucht. „Das hätten wir uns natürlich anders gewünscht.“ Im politischen Berlin wird dagegen in die andere Richtung geblickt: Dort gibt es Stimmen, TKMS sei mit den Amerikanern, die die Unterseeboote mit Waffen ausstatten werden, nicht zurechtgekommen.

          „Da sind Gerüchte gestreut worden“

          Dem tritt der TKMS-Chef deutlich entgegen: „Das stimmt nicht. Da sind in Australien eine Zeitlang Gerüchte gestreut worden, die wir aber im engen Kontakt mit den Amerikanern widerlegen konnten und denen die Amerikaner auch öffentlich widersprochen haben.“

          Dennoch gibt es auch Kritik am Unternehmen: Es habe seine Position in Australien nicht deutlich genug vertreten, heißt es in Canberra. Und Thyssen-Vorstandschef Heinrich Hiesinger habe selbst nur im Rahmen einer Asien-Reise einen Abstecher nach Canberra gemacht und dies zu genau der Zeit, in der in Australien die Spitzenpolitiker keine Zeit für ihn hatten.

          Regelmäßige Gespräche zwischen Ministern

          Die immer wieder keimenden Offerten, mit DCNS gemeinsame Sache zu machen, lehnt Atzpodien ab. „Das sind ganz unterschiedliche Kulturen. Wir würden damit nur Wettbewerb von dritter Seite hervorrufen.“ TKMS und sein Partner Siemens hatten sich bemüht, in Australien eine Stimmung zu Gunsten der deutschen Wirtschaft zu erzeugen. So gibt es nun regelmäßig Gespräche zwischen den Wirtschafts- und Außenministern (2 plus 2). Die Planungen gingen bis hin zur Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft 2018. Geholfen hat all dies nicht.

          TKMS aber will noch nicht alle Hoffnung aufgeben: Zum einen bewerben sich die Deutschen mit ihrem mittelständischen Partner Fassmer um den 3-Milliarden-Dollar-Auftrag für Patrouillenboote. Zum anderen sind die 60 TKMS-Mitarbeiter in Melbourne noch ausgelastet. „Und solche Marine-Aufträge laufen viele Jahre. Man weiß nie, was sich unter sich ändernden politischen Vorzeichen ergibt“, sagt Atzpodien. An diesem Dienstag in Australien klingt das so, als wolle sich der Vorstand selbst Mut machen.

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