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Frankfurter Aktienmarkt : Das Jahr der Börsengänge

Bulle im Blick: An der Frankfurter Börse gehen in diesem Jahr viele Unternehmen den Sprung aufs Parkett. Bild: Hannah Aders

Im ersten Halbjahr gab es in Frankfurt ungewöhnlich viele Börsengänge – und weitere zeichnen sich ab. Kurz vor der Sommerpause rollt der Autozulieferer Novem allerdings nur mit Mühe aufs Parkett.

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          Vor der Sommerpause hat der jüngste Börsengang in Frankfurt enttäuscht. Nach den ungewöhnlich vielen Neuzugängen im ersten Halbjahr schaffte es der Autozulieferer Novem mit Mühe aufs Parkett. Es bedurfte einer besonderen Maßnahme, um das Vorhaben durchzupeitschen. Beinahe ein Drittel der vorab angebotenen Aktien ging von der linken in die rechte Tasche: Novem nämlich gehört seit zehn Jahren mehrheitlich der Beteiligungsgesellschaft Bregal, hinter der die niederländisch-deutsche Familie Brenninkmeijer (C&A) steht. 4,4 Millionen der knapp 15 Millionen platzierten Aktien entfielen auf eine Order der Familienholding Cofra.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am Montag legte Novem den absehbar holprigen Start auf das Börsenparkett hin. Die Aktien eröffneten mit 16,50 Euro und damit auf der Höhe des Ausgabepreises, der schon am unteren Rande der ursprünglich definierten Spanne festgelegt worden war. Am frühen Nachmittag notierte das Papier etwa 2 Prozent darunter, wobei allerdings auch der Gesamtmarkt schwach tendierte. Zwischenzeitlich hatte das ganze Vorhaben gewankt, weil dem Vernehmen nach Investoren überraschend wenige Anteilsscheine gezeichnet hatten.

          Neulinge kommen aus breitem Branchenspektrum

          Novem war nach der Finanzkrise von Private Equity in die Hände von Kreditgebern gegangen und dann an Bregal verkauft worden. Das Unternehmen stellt Zierteile aus Holz, Aluminium, Karbon und Kunststoff her, von Armaturenbrettern, Mittelkonsolen bis zu Türverkleidungen. Globale Koordinatoren und Buchführer waren neben J.P. Morgan Berenberg und die Commerzbank; Jefferies und UniCredit agierten als weitere Buchführer.

          Der Börsengang folgt auf ein ungewöhnlich reges erstes Halbjahr im Geschäft mit Börsengängen (Initial Public Offerings, IPOs) in Frankfurt. Aus Anlegersicht waren sie überwiegend ein gutes Geschäft. Vor Novem hatte es 16 Börsenneulinge gegeben mit mehr als 9 Milliarden Euro addiertem Emissionsvolumen, und zehn von ihnen lagen nach Zählung von Reuters vergangene Woche mit ihren Aktienkursen im Plus.

          Die Neulinge kommen aus einem breiten Spektrum von Branchen: Vodafone brachte seine Funkturmtochter Vantage Towers an den Markt – im bisher größten Projekt des Jahres. Auto1 ist ein Online-autohändler, Bike24 im Fahrradmarkt unterwegs. Synlab betreibt Labore, Mister Spex verkauft Brillen, Suse Software. Einen Rückzieher machten zwei Kandidaten: der Onlineautohändler MeinAuto und der Solar- und Windparkbetreiber Blue Elephant Energy.

          Als Innovation gegenüber vorherigen Jahren sind in diesem Jahr SPACs auf den Plan getreten, spezielle Übernahmegesellschaften (Special Purpose Acquisition Companies), die leer an der Börse starten und dann binnen zwei Jahren Übernahmen tätigen sollen. Drei solche Börsenmäntel sind jetzt in Frankfurt notiert, zwei von ihnen haben schon Übernahmekandidaten gefunden, die auf diesem Umweg auf dem Kurszettel landen sollen.

          „Die Pipeline sieht sehr gut aus“

          So zeichnet sich das munterste Jahr seit der Hochkonjunktur des Neuen Markts vor 20 Jahren ab. Messlatte seitdem ist das Jahr 2018, als 18 Unternehmen mit einem kumulierten Emissionsvolumen von 11,3 Milliarden Euro an die Frankfurter Börse gingen – beide Marken sind schon jetzt nicht mehr weit entfernt. Und Investmentbanker sprechen von einem beachtlichen Vorrat – im Fachjargon „Pipeline“ – weiterer Frankfurter IPOs. „Die Pipeline mit weiteren möglichen Börsengängen deutscher Unternehmen bleibt vielversprechend“, befindet J.P. Morgans nordeuropäischer Kapitalmarktchef Stefan Weiner. „Die Aktivität speist sich in diesem Jahr bisher vor allem aus Wachstumsunternehmen mit Technologieansatz.“ Sein Pendant bei Credit Suisse, Joachim von der Goltz, sagt: „Die Pipeline sieht sehr gut aus.“ Die Bank of America (BofA) wird konkret: Ihr Kapitalmarktleiter für Deutschland, Österreich und die Schweiz, Thorsten Pauli, sieht nach eigenem Bekunden für das zweite Halbjahr noch mindestens zehn IPOs in der Pipeline.

          Wichtige Faktoren dürften sein, ob das IPO-Geschäft weiterhin von der extrem laxen Geldpolitik der Notenbanken profitiert – und ob anziehende Inflation Druck auf die Börsen bringt. Kandidaten gibt es genug, ob in diesem oder im kommenden Jahr. Dazu gehören Großprojekte in der Automobilindustrie: Der Zulieferer Continental will seine Antriebssparte Vitesco per Abspaltung auf den Markt bringen, Continental-Aktionäre bekommen dann Vitesco-Papiere ins Depot gebucht. Daimler plant auf dem gleichen Wege das Lastwagen- und Busgeschäft abzutrennen. BASF bringt seine Öl- und Gassparte Wintershall Dea an den Markt, hat den eigentlich für die zweite Jahreshälfte vorgesehenen Schritt aber auf kommendes Jahr verschoben. Den September peilt dem Vernehmen nach BMZ aus Karlstein an, das Batterien für Autos, Laster, E-Fahrräder, Werkzeuge und medizinische Geräte herstellt. Eine kleinere Dimension hat der Börsenplan von Lesson Nine mit dem Fremdsprachenlernsystem Babbel.

          Auch international brummt das Geschäft: Nach Berechnung des Datendienstleisters Refinitiv summierte sich das Ausgabevolumen auf aller Welt – SPACs nicht eingerechnet – in den ersten sechs Monaten auf 209 Milliarden Dollar, was das stärkste erste Halbjahr seit Beginn der Aufzeichnungen 1980 bedeutet. In New York will der Wertpapier-Broker Robinhood bis zu 2,3 Milliarden Dollar einnehmen und mit 35 Milliarden Dollar bewertet werden, wie am Montag bekannt wurde.

          Das Deutsche Aktieninstitut äußerte sich kürzlich besorgt, dass wachstumsstarke deutsche Jungunternehmen den US-Markt bevorzugten. Emissionsbanken und Analysten konzentrierten ihr Geschäft weitgehend auf größere Unternehmen, da sich bei kleineren Börsengängen der Aufwand für sie nicht lohne.

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