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Spielwaren : Märklin macht Tempo und wird teurer

Kleine Züge: Steigende Material- und Logistikkosten verteuern den Kauf. Bild: dpa

In der Pandemie fahren mehr Modelleisenbahnen. Der Hersteller schafft damit einen Wachstumssprung. Doch teure Rohstoffe und eine teure Logistik führen zu größeren Preisen für die kleinen Loks.

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          Hochgeschwindigkeitszug statt Dampflok – die Rangliste, welche Miniaturen Modellbahnliebhaber besonders begehren, lieferte zuletzt ein klares Bild. „Der neue ICE 4 war der absolute Renner“, sagt Florian Sieber, der Chef des Modellbahnherstellers Märklin. Das Unternehmen hatte den Zug, mit dem auch die große Bahn gerade ihre Flotte verstärkt, ins Programm genommen – wahlweise mit durchgehend rotem Seitenstreifen oder mit grüner Linie, mit der die große Bahn für ihren Klimaschutzbeitrag wirbt.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          749 Euro ruft Märklin als Kaufpreis für das Grundset mit fünf Wagen auf – auch anderswo in Online-Shops im Netz-Preiswettkampf ist es kaum für weniger als 650 Euro zu bekommen. Der Hochgeschwindigkeitszug nahm damit eine Rolle als Umsatz-Turbo ein, schließlich gibt es noch Verlängerungssets für Modellbahner, die auf ihren Heimanlagen mehr Wagen an kleinen Bahnsteigkanten halten lassen können.

          Im laufenden Geschäftsjahr, das bis Ende April läuft, soll der Umsatz auf mindestens 130 Millionen Euro steigen – nach einem großen Sprung im Vorjahr. Da hatte Märklin von 112 Millionen Euro Umsatz auf 128 Millionen Euro zugelegt. Als Sieber zusammen mit seinem Vater den zuvor insolventen Modellbahnhersteller kaufte, lagen die Umsätze rund um 100 Millionen Euro. „Die Umsatzsteigerungen zeigen, dass wieder mehr Menschen angefangen haben, mit Modelleisenbahnen zu spielen“, sagt der 36 Jahre alte Sieber.

          Nachwuchs für kleine Züge

          In der Corona-Pandemie hatten zunächst Lockdown-Phasen gebremst, die auch die Fertigung im Märklin-Werk in Ungarn erschwerten. Doch dann wirkte sich die Pandemie fördernde aufs Geschäft aus, da alte und neue Liebhaber den Bahnbetrieb daheim Aktivitäten in der Öffentlichkeit vorgezogen haben dürften. Neu produzierte Loks und Wagen mussten Anfang 2021 – obwohl das Weihnachtsgeschäft gerade vorüber war – nicht in großem Maße eingelagert werden, sondern hätten direkt Abnehmer gefunden.

          Ob tatsächlich junger Nachwuchs für das Spielzeug gewonnen wird, das in der Vergangenheit in den Ruf eines Ruheständlerhobbys geraten war, lässt sich allerdings nicht so klar sagen. Märklin stemmt sich dagegen, bewirbt kleine Loks mit Filmchen auf Youtube und Bildern auf Instagram. Das Durchschnittsalter der Käufer sei gesunken, die meisten Kunden seien aber weiterhin älter als 45 Jahre. Das könne auch daran liegen, dass Väter mit ihren Kindern an kleinen Bahnen bauten, sagt Sieber.

          Verzögerungen im Betriebsablauf

          Trotz des Umsatzsprungs meldet Märklin auch eine Menge an Verzögerungen im Betriebsablauf. Die Produktlinie für Vorschulkinder, Märklin My World, die gerade den ersehnten besonders jungen Nachwuchs holen soll, trug nämlich nicht zum Wachstum bei. „Das lag aber nicht an der Nachfrage, sondern an verzögert angekommenen Waren. Lieferungen haben wir zum Teil erst nach Weihnachten bekommen“, sagt Sieber. Märklin hatten ein Fernost einen Auftragsfertiger gewechselt, und der neue hatte seine Nöte mit der erschwerten Rohstoffbeschaffung und Engpässen in der Logistik.

          Auch die weitere Fahrt wird schwieriger. Auf der Suche nach Fachkräften für einen Ausbau der Fertigungskapazitäten wird Märklin kaum noch fündig, am Werk in Ungarn steht man in der Beschäftigtensuche zudem in Konkurrenz mit der dortigen Autoindustrie. Zudem sind Metall, Kunststoff, Kartons – eigentlich alle Rohstoffe und Vorprodukte, die Märklin benötigt, teurer geworden. „Die gestiegenen Beschaffungskosten sind noch nicht in den Produktpreisen angekommen“, sagt Sieber. Es steht als eine Fahrpreiserhöhung für die Mini-Bahnen an, die den jüngsten Aufschlag beim großen deutschen Vorbild übertrifft. Kleine Loks und Gleise müssten 2022 um mindestens 4 bis 5 Prozent teurer werden, sagt Sieber. Die Aufschläge sollen von April oder Mai an wirksam werden.

          Bis zu 20 Prozent teurer

          Preiserhöhungen werden das Spiel 2022 bestimmen. Sieber, der nach der Übernahme von seinem Vater auch an der Spitze des Fürther Spielwarenherstellers Simba-Dickie steht, sieht sie nahezu im gesamten Sortiment Aufschläge als unvermeidbar an. Die Produktpalette des Unternehmens reicht von Eichhorn-Holzspielzeug über Smoby-Spielküchen und Noris-Brettspiele bis hin zum Kleinkind-Rutschauto Bobby Car. Für Plüschtiere sieht er im Jahresvergleich Aufschläge von 10 Prozent als nötig an, für Fernlenkautos sogar von bis zu 20 Prozent.

          Ein Problem wird sein, dass Spielwarenpreise sich bislang an Beträgen wie 19,99 Euro oder 49,99 Euro orientierten. „Diese psychologisch wichtigen Marken werden gerissen werden“, sagte Sieber. Für die gesamte Branche unklar ist, ob das zur Kaufzurückhaltung bei Eltern und Großeltern führen wird. Ebenso unsicher ist, ob sich die von Herstellern angestrebten Aufschläge auch im wettbewerbsintensiven Online-Handel durchhalten lassen. „Die erheblichen Verteuerungen bei Rohstoffen und Frachtraten waren bislang nicht am Markt in voller Höhe durchsetzbar. Das wird 2022 und auch 2023 Margendruck auslösen“, sagte Simba-Dickie-Finanzchef Manfred Duschl.

          Im vergangenen Jahr stiegen die Einnahmen der Gruppe um 5,5 Prozent auf 754,1 Millionen Euro. Für das begonnene Jahr wird ein weiterer Umsatzsprung in ähnlicher Größenordnung auf 798 Millionen Euro angepeilt. Der dürfte allerdings fast ausschließlich auf Preiserhöhungen und kaum auf erhöhte Verkaufsmengen zurückzuführen sein. „Wir legen uns mehr Waren ins Lager, und gehen damit auch ein Risiko ein. Aber wenn die Nachfrage gut bleibt, können wir unsere konservative Prognose übertreffen.“

          Mehr Lagerhaltung wird in der Spielwarenbranche auch deshalb nötig, um abermalige Lieferengpässe im wichtigen Weihnachtsgeschäft zu vermeiden. Die Kosten für den Containertransport auf Fernost sind in die Höhe geschnellt. Ein Ausweichen auf den Transport per Flugzeug ist nach Angaben Siebers für viele Spielwaren keine wirtschaftliche Alternative. Die Transportkosten dafür ließen sich kaum auf Verkaufspreise umschlagen – zumal beispielsweise Kuscheltiere trotz ihres geringen Gewichts viel Platz in Frachträumen beanspruchten.

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