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Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

Reges Treiben in der Londoner U-Bahn Bild: AFP

Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.

          3 Min.

          Ihre Durchsage „Mind the Gap“ ist legendär, Millionen Pendler und Besucher in der britischen Hauptstadt nutzen sie: Londons U-Bahn. Nun steckt die mehr als 150 Jahre alte Underground jedoch in einer ihrer tiefsten Krisen. Die kommunale Verkehrsgesellschaft Transport for London (TfL), die U-Bahnen, Busse und sonstige Bahnen betreibt, braucht inmitten der Corona-Krise dringend frisches Geld, sonst droht ihr die Pleite. Aktuell fordert die TfL-Führung ein abermaliges Hilfspaket im Volumen von 5,7 Milliarden Pfund (6,3 Milliarden Euro), um die Fahrdienste für achtzehn Monate finanzieren zu können.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind die Fahrgastzahlen – zuvor fast 5 Millionen täglich – eingebrochen, im April um bis zu 90 Prozent. Inzwischen haben sie sich zwar wieder zum Teil erholt, auf gut 1,5 Millionen je Tag Anfang Oktober, doch liegt das noch weit unter dem Vorkrisenniveau. Und seit diesem Wochenende gelten neue Corona-Einschränkungen in London. Die Hauptstadt ist in die Gefahrenstufe 2 aufgerückt – das heißt, dass die Bürger alle nicht unbedingt nötigen Fahrten mit der „Tube“ und mit Bussen unterlassen sollen.

          Die „kritische nationale Infrastruktur“ retten

          TfL fährt in diesem Jahr ein Milliardendefizit ein. In der Corona-Zeit sind die Ticketeinnahmen auf einen Bruchteil gesunken, der größte Teil der Kosten läuft aber weiter. Das Verkehrsunternehmen muss seine mehr als 27.000 Angestellten bezahlen. Laut TfL-Kommissar Andy Byford sind die wöchentlichen Einnahmen um 45 Millionen Pfund niedriger als im vorigen Jahr. Im Mai erhielt TfL ein Rettungspaket von 1,6 Milliarden Pfund (1,8 Milliarden Euro), an diesem Wochenende lief es aus. Verhandlungen zwischen der Verkehrsgesellschaft, die Bürgermeister Sadiq Khan (Labour) untersteht, und der konservativen Staatsregierung von Boris Johnson gestalten sich zäh.

          Sogar eine Schließung von U-Bahnen und Busdiensten an diesem Wochenende stand als Drohung im Raum. In letzter Minute wurde das Hilfspaket um zwei Wochen verlängert, bis Ende Oktober, doch dann könnte es zum Showdown kommen. Die Chefs von 34 Großunternehmen, darunter der Flughafen Heathrow sowie die Immobilienkonzerne British Land und Canary Wharf Group, appellierten jüngst in einem Brief an die Regierung, die „kritische nationale Infrastruktur“ zu retten.

          Das Verkehrsministerium unter Grant Shapps ist bereit zu einem weiteren Rettungspaket über eine Milliarde Pfund, es verlangt jedoch Gegenleistungen von der Stadt. Johnson, früherer Bürgermeister von London, unterstellt seinem Nachfolger Khan Misswirtschaft: „Es tut mir leid, es zu sagen, aber der gegenwärtige Bürgermeister hat die Finanzen von TfL mit einem unverantwortlichen Fahrpreis-Paket in die Luft gejagt.“ Auch der konservative Bürgermeisterkandidat Shaun Bailey, dessen Wahlkampf durch Corona auf Eis gelegt wurde, klagt Khan an: Er habe Transport for London fast in den Bankrott gehen lassen und ein „Geschlossen“-Schild über die ganze Stadt gehängt.

          Khans Bürgermeisteramt verteidigt seine Bilanz. Er habe die TfL-Defizite deutlich gesenkt, betonte eine Sprecherin. Im Gegenzug für einen neuen „Bail-out“ verlange die Regierung eine Ausweitung der Zone, in der die Stadtmaut („Congestion Charge“) von 15 Pfund am Tag gezahlt werden muss, auf Regionen im nördlichen und südlichen Stadtgebiet. Außerdem soll die kostenlose Beförderung von Kindern und Senioren enden. Eine Ausweitung der Mautgebühr auf weitere Stadtgebiete bezeichnet auch der Tory-Bürgermeisterkandidat als verhängnisvoll und als „Sargnagel“ für die ohnehin angeschlagene Stadtwirtschaft.

          Wenn sich die Regierung und der Bürgermeister nicht auf Bedingungen für ein neues Rettungspaket einigen, müsste TfL Zahlungsunfähigkeit anmelden. Dann würde eine Ausgabensperre greifen und könnte tatsächlich der Bahn- und Busverkehr in London zum Erliegen kommen. Nach einem fast zweihundert Jahre alten Gesetz müsste TfL nur eine einzige kleine Fähre, die Woolwich Ferry, weiterbetreiben, zudem würden Schulbusse fahren – sonst nichts. Ein temporärer Shutdown des gesamten öffentlichen Nahverkehrs wäre für die Hauptstadt ein Albtraum. Höchstwahrscheinlich kommt es nicht dazu. Premierminister Johnson will wohl nur die Gelegenheit nutzen, Khan und die angeblich ineffiziente TfL vorzuführen. Das Unternehmen müsse dringend modernisiert werden, sagt er. Dazu zählt er unter anderem, in der Zukunft fahrerlose Züge einzusetzen.

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