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Warenhaus-Kette in Not : Karstadt und seine Retter: Wer lügt am schönsten?

Nicolas Berggruen gilt längst als Blender, zu Beginn wurde er als großer Hoffnungsträger gefeiert. Bild: AFP

Schon wieder hat Karstadt einen Chef verloren. Von der Hoffnung bleibt nichts - außer leeren Sprüchen.

          1. „Karstadt ist gerettet“: Wie oft wurde der Spruch hinausposaunt: Karstadt ist gerettet! Am lautesten war dabei Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff im April 2005. Ohne ihn, so tönte der ehemalige Bertelsmann-Manager, sei mit der Warenhauskette im Jahr zuvor Schluss gewesen. Gut, dass man ihn geholt hat. Middelhoff hat nach eigenem Bekunden lauter richtige Entscheidungen getroffen, also alles richtig gemacht, um aus den bis dahin biederen Kaufhäusern schillernde Luxustempel zu formen. So schön wäre alles gekommen, für Karstadt, die Mitarbeiter, ihn und die Großaktionärin Madeleine Schickedanz, wäre der Mutterkonzern Arcandor nur nicht ein Opfer der Finanzkrise geworden. Fakt ist: Middelhoff hat an Tafelsilber (die Kaufhaus-Immobilien) verhökert, was ging. Und obwohl er angekündigt hatte: „Ich gehe erst, wenn Arcandor topfit in der Champions League spielt“, zog er 2009 von dannen, frohgemut noch immer und von einer rosigen Zukunft der Warenhäuser überzeugt - wenige Monate später war Karstadt insolvent und Schickedanz so pleite, dass sie sich angeblich kaum mehr eine Pizza und ein Viertel Rotwein leisten kann. Doch 2010 steht der nächste Retter vor der Tür: Nicolas Berggruen.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          2. „Der gute Hirte ist da“: Als der Investor Nicolas Berggruen im Jahr 2010 die Bühne betritt, lässt er sich feiern als der „guter Hirte von Karstadt“. Für einen Euro übernimmt der von Legenden umwehte Kosmopolit die Kaufhäuser und verspricht, dass Karstadt bald „wieder die Sonne sieht.“ Jetzt, vier Jahre später, versucht Berggruen die traurigen Reste für einen Euro an einen weiteren Investor aus dem Halbdunkel, den Österreicher René Benko, loszuwerden. Ach, übrigens: Die Frau, die für Berggruen das „Licht“ war, das „mir den Weg gewiesen“ hat, hat inzwischen auch die Baustelle gewechselt: Ursula von der Leyen, damals von Berggruen verzückte Arbeitsministerin, verschönert jetzt die Bundeswehr.

          3. „Niemand muss gehen“: Niemand wird entlassen! Das war eines der Versprechen Berggruens. Trotzdem ist die Zahl der Mitarbeiter von damals 25 000 auf unter 17 000 gesunken. Komisch, oder? Wo Berggruen doch zugesichert hatte, dass kein Mitarbeiter der Sanierung zum Opfer fallen werde. Mit dem Argument hat er Gewerkschaften und Politik auf seine Seite gezogen. Die Jobgarantie ließ er sich teuer bezahlen: Im Gegenzug verzichteten die Mitarbeiter auf Urlaubsgeld und Ähnliches, insgesamt 50 Millionen Euro. Kaum war die Frist des Sanierungstarifvertrags verstrichen, wurden auch 2000 Vollzeitstellen gestrichen.

          4. „Geld spielt keine Rolle“: Wenn ich mich engagiere, dann engagiere ich mich voll“: Wer bei diesem Satz von Berggruen aus dem Jahr 2010 dachte, der Investor habe vor, Geld in das Unternehmen zu stecken, um die Modernisierung voranzutreiben, hat sich getäuscht. Nie wurde so wenig in die Kaufhäuser investiert wie seit dem Einstieg Berggruens. Middelhoff hatte die Modernisierungskosten auf 120 Millionen Euro zurückgefahren, Berggruen drückte sie um weitere 25 Millionen im Jahr. Die 70 Millionen Euro „eigenes Kapital“, die Berggruen anfangs in Karstadt steckte, um die Liquidität sicherzustellen, ließ er sich nur wenige Tage später - mit Zinsen - zurückzahlen. Seither streicht er für die Namensrechte, die bei ihm liegen, jedes Jahr mehrere Millionen ein. Natürlich nicht er persönlich, wie er gerne betont, sondern seine Holding. Prinzipiell würde Berggruen Geld lockermachen, so verkündete er 2011, nur ist das nicht nötig: „Wenn mehr Geld benötigt wird und sinnvoll ist, wird auch mehr fließen. Aber ich glaube das nicht. Im Übrigen verdient die Gesellschaft Geld, und sie hat keine Schulden mehr.“

          5. „Es geht aufwärts“: „Wir sind auf einem sehr guten Weg!“ Den Spruch hören die Karstadt-Mitarbeiter seit 15 Jahren. Dabei wird es jedes Jahr ein bisschen schlimmer für sie und den Konzern. Karstadt schreibt seit Jahren Verluste, allein im Geschäftsjahr 2011/12 gut 158 Millionen Euro Verlust. Auch 2012/13 blieb deutlich unter den Erwartungen. Reiner Zufall ist das nicht. Der ersehnte und häufig verkündete Turnaround lässt jedenfalls noch immer auf sich warten.

          6. „Wir sind eine Familie“: Karstadt wird nicht zerschlagen: Soso, auch das hat Herr Berggruen immer wieder beteuert. Auch nachdem er den Konzern intern aufgespalten hatte in Premiumhäuser, Sporthäuser und den Rest, behauptete er, er denke nicht an eine Aufspaltung (“Sie bleiben eine Familie“) - bis er die Trennung dann vollzogen hat. Im Herbst 2013 übernahm der Österreicher Benko 75 Prozent an den Sporthäusern und den Premiumhäusern, zu denen das Berliner KaDeWe gehört.

          7. „Die Kunden lieben uns“: „Karstadt zieht immer mehr Kunden an“. So tönt es regelmäßig. In Wirklichkeit kommen immer weniger Kunden. Der von Berggruen geholte Brite Jennings hat versucht, zu retten, was zu retten ist, wie ein Engländer das halt so tut: Mit britischen Marken wollte er die Deutschen in die Geschäfte locken. Sein Zugpferd hieß Topshop, das Label schlechthin in England, so erfolgreich wie H&M, nur teurer. Der Geschmack der deutschen Mittelschicht ist ein anderer. Die Dame ab 40 geht lieber zum Kaufhof, deren Tochter ganz woanders hin. Und auch Jennings blieb nicht lange.

          8. „Wir haben Großes vor“: „Wir haben Pläne für 2014, die ziehen Ihnen die Socken aus“: Das verkündete Chef Jennings in einem Interview mit der „Textilwirtschaft“. Das Lustige war: Als die Zeitung erschien, hatte Jennings bereits seinen Rücktritt erklärt. War das die Überraschung, die den Deutschen die Socken auszieht? Immerhin wurde rasch eine Ikea-Managerin als Nachfolgerin präsentiert. Frau mit Handelskompetenz, was will man mehr?

          9. „Ich bleibe lange“: Nach vielen Rettern trat mit Eva-Lotta Sjöstedt endlich eine Retterin auf: „Ich will lange hierbleiben“, hat sie zum Einstand versprochen. Das Wort galt fünf Monate. Jetzt ist die Schwedin wieder weg. Und die Lage trister denn je.

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