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Ware nur für Mitglieder : Wie man ein Stück Landwirtschaft abonniert

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Auf einer Schubkarre kommt das frische Brot aus der Backstube Bild: Anna Mutter

Ein Biobauernhof nahe Hamburg lebt in besonderer Weise von seinen Kunden: Sie sichern mit einem festgelegten Monatsbeitrag seine Existenz, bekommen dafür Nahrungsmittel - und wissen, woher ihr Essen kommt.

          Wolfgang Stränz verkörpert nicht gerade das, was man unter einem Aussteiger versteht: er wohnt in einem stuckverzierten Altbau im Hamburger Stadtteil Wandsbek und war früher einmal Chemielehrer. Mittwochsbesucher wollen aber nicht zu ihm, sondern nur bis vor seine Haustür. Daneben steht eine Bretterkonstruktion mit Pinnwand und zwei Plastikkisten. Es ist einer von 14 „Stützpunkten“ zwischen Hamburg und Fuhlenhagen; sie enthalten Milch- und Getreideprodukte, Fleisch und Saisongemüse. Studenten, Pressesprecher, Anwälte, Arbeitslose und Buchhändler decken sich dort mit Nahrung ein, allesamt sind sie Stadtmenschen. Gemeinsam mit vielen anderen bieten sie dem Buschberghof in der Nähe von Hamburg für ein Jahr wirtschaftliche Sicherheit, im Gegenzug erhalten sie die Erzeugnisse. Das Finanzierungmodell ist ungewöhnlich, doch das Interesse daran nimmt zu.

          Einmal im Jahr Ende Juni findet eine Vollversammlung aller Mitglieder statt, die Wolfgang Stränz als Kassenwart moderiert. „Wir bieten eine Lebensalternative, ohne die Wirtschaftsgemeinschaft vor den Pflug zu spannen“, sagt er. Die gemeinnützige GmbH, der Land, Gebäude und Vieh gehören, spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist der Etat, den die fünf verantwortlichen Landwirte veranschlagen. Er soll reichen, um den Buschberghof in Fuhlenhagen gemeinsam mit Auszubildenden und Praktikanten ein Jahr lang zu bewirtschaften. Die Produkte, die auf einer Nutzfläche von 86 Hektar erzeugt werden, sollen 360 Menschen ernähren. Hier wachsen Hackfrüchte wie Kohl, Kartoffeln und Möhren, etliche Sorten Obst und Gemüse, im Sommer auch Erdbeeren und im Winter Postelein, eine Salatpflanze. In der eigenen Bäckerei werden wöchentlich 13 verschiedene Sorten Brot aus Weizen, Roggen und Gerste gebacken. Butter, Quark und Käse werden aus der Milch von 30 Milchkühen gewonnen, außerdem gibt es 40 Jungrinder, 50 Schweine und 200 Hühner auf dem Hof.

          Auf der Vollversammlung verhandeln die Landwirte mit den Mitgliedern über deren Monatsbeitrag. Die Geldgeber legen sich dabei für ein Jahr fest. Während dieser Zeit teilen sie mit den Bauern das Risiko schlechter Ernten und profitieren gemeinsam, wenn eine Saison viele Früchte hervorbringt. „Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft“ ist deshalb eine der Bezeichnungen für das Konzept, andere sprechen von CSA, „community supported agriculture“. „Es hat sich nicht bewahrheitet, dass die Bauern die Füße hochlegen, sobald die Finanzierung gesichert ist“, tritt Stränz Kritikern entgegen.

          Auf der vergangenen Mitgliederversammlung verlangten die Bauern 345.000 Euro, die Mitglieder boten aber gleich in der ersten Runde 353.000 Euro. Nur selten müsse eine zweite Bietrunde ausgerufen werden, weil nicht ausreichend Geld zusammenkomme, erzählt Stränz. Einen festen Beitrag gibt es nicht. „Uns muss die Nase passen, nicht das Portemonnaie“, sagt er, der als einziger darüber informiert ist, wie viel die Mitglieder im einzelnen zahlen.

          Dass die Beitragsraten nicht offen ausgehandelt werden, sei wichtig, damit keine Missgunst unter den Mitgliedern entstehe. Auch komme so niemand auf die Idee, von einem eben beförderten Arzt eine höhere Beitragsrate zu fordern. Es ist erwünscht, dass jene, die mehr haben, mehr zahlen als solche, die wenig haben. Ein Drittel der Mitglieder zahlt den durchschnittlichen Beitrag, ein Drittel zahlt mehr, ein Drittel weniger. Aber: „Es gibt eine Schamgrenze“, sagt Stränz, „die bei dem Preis liegt, den man bei Aldi oder Lidl für Lebensmittel ausgeben würde.“ Zur Orientierung nennt er einen Richtwert: 150 Euro im Monat für einen Erwachsenen, 70 Euro für ein Kind.

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