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Wall Street : Die Macht von Goldman

Viele Vorteile, starke Interessenkonflikte

Was geschehen kann, wenn mögliche Interessenkonflikte nicht beachtet werden, bekam im vergangenen Jahr der einstige Goldman-Chef Stephen Friedman zu spüren. Friedman trat als Verwaltungsratsvorsitzender der New York Fed zurück, nachdem bekanntgeworden war, dass er entgegen üblicher Praxis bei der Notenbank Goldman-Aktien besaß. Zudem hatte er auf dem Höhepunkt der Finanzkrise für 4 Millionen Dollar weitere Papiere gekauft. Das war pikant, weil die Notenbank eine wichtige Rolle bei den Maßnahmen gegen die Krise spielte, von denen auch Goldman profitierte.

Es dürfte dennoch Vorteile haben, wenn Aufseher und Politiker aus dem Hause Goldman die Sprache der Banker sprechen und die Finanzmärkte verstehen. Im politischen Prozess der Vereinigten Staaten kommt es zudem vor allem darauf an, Zugang zu den Entscheidern zu haben. Unternehmen geben deswegen viel Geld für Lobbyisten aus und spenden für Kandidaten jeglicher Couleur. Wenn diese Entscheider ehemals für Goldman tätig waren, werden Anrufer aus der Broad Street garantiert leichter durchgestellt. Und nicht nur Goldman nutzt diese Vorteile. Der ehemalige Goldman-Chef Robert Rubin wechselte nach seiner Zeit als Finanzminister unter Bill Clinton zur Citigroup. Tarp-Verwalter Kashkari heuerte im Dezember bei der großen kalifornischen Fondsgesellschaft Pimco an, die zum Finanzriesen Allianz gehört.

Goldman-Chef Blankfein in der Offensive

Zuletzt fielen Verschwörungstheorien um Goldman wegen der hohen Gewinne der Bank, die ihre Konkurrenten geradezu deklassierte, auf besonders fruchtbaren Boden. Um das angekratzte Image aufzupolieren, startete Goldman- Sachs-Vorstandschef Lloyd Blankfein in den vergangenen Monaten daher eine Charmeoffensive. Der notorisch selbstsichere Blankfein gab ungewöhnlich viele Interviews und ließ ausgesuchte Journalisten einen Blick in die Vorstandsetage im 30. Stock der Hauptverwaltung werfen, wo die Ahnengalerie der Goldman-Chefs hängt. Blankfein und seine Leute wurden nicht müde zu betonen, dass die Bank die 2008 erhaltenen Staatshilfen von 10 Milliarden Dollar mit einer hohen Rendite für die Steuerzahler zurückerstattet hatte. Die hohen Erträge von Goldman bezeichnete Blankfein als Beleg für den konjunkturellen Aufschwung. Bonuszahlungen verteidigte er als gerechten Lohn für Spitzentalente.

Aber die Öffnung gegenüber den Medien führte zu neuen, unwägbaren Risiken. In einem Interview mit der britischen „Sunday Times“ versuchte Blankfein, die wichtige Rolle von Banken als Schmiermittel der Wirtschaft hervorzuheben. „Wir helfen Unternehmen zu wachsen, indem wir ihnen bei der Kapitalbeschaffung helfen. Das wiederum schafft Arbeitsplätze“, sagte Blankfein. Dann sagte er noch, dass er entgegen allen Bonzenvorwürfen nur ein Banker sei, der „Gottes Arbeit verrichtet“ (siehe: Goldman-Sachs-Chef Blankfein: „Ich bin nur ein Banker, der Gottes Werk verrichtet“). Das war wohl einer der schnellen und witzig gemeinten Sprüche, für die Blankfein bekannt ist. In der kollektiven Wahrnehmung waren die Goldmänner danach aber die arroganten Gottesbanker - ein PR-Desaster erster Güte. Jetzt ist die Charmeoffensive bis auf weiteres wieder eingestellt.

Dabei taugt Blankfein gar nicht zum Zerrbild einer gnadenlosen Kapitalisten-Krake. Sein Vater war Briefsortierer bei der Post, und er wuchs in Sozialwohnungen in den New Yorker Stadtteilen Bronx und Brooklyn auf. Er studierte mit Stipendien in Harvard und machte dann über die Hintertür, beim von Goldman übernommenen Rohstoffhändler J. Aron, Karriere. Jetzt wohnt er zwar in einer 27-Millionen-Dollar-Wohnung in einer der besten Adressen New Yorks. Aber seine Herkunft dürfte ihm zumindest ein Verständnis für die Sichtweise weniger vermögender Leute ermöglichen. Vor einigen Jahren sagte Blankfein, der für die Demokratische Partei spendet, dass er viele Polizisten und Feuerwehrleute in der Verwandtschaft hat. Das sind Leute, deren Gehälter eher dem amerikanischen Durchschnitt von 50 000 Dollar im Jahr entsprechen und die stärker unter den Folgen der Finanzkrise leiden als die Angestellten von Goldman Sachs.

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