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Waffenlobby : Heißes Eisen für Starbucks

Offen zeigen, was man hat Bild: AP

Die amerikanische Kaffeekette Starbucks will ihre Filialen als eine Oase der Ruhe und des Entspannens verstanden wissen. Doch nun sind Filialen der Kaffeekette Schauplatz für Kampagnen der Waffenlobby und ihrer Gegner geworden.

          3 Min.

          Die amerikanische Kaffeekette Starbucks will ihre Filialen als eine Oase der Ruhe und des Entspannens verstanden wissen. Wer zu Starbucks kommt, soll abschalten können und eine heimelige Atmosphäre vorfinden. Das Unternehmen präsentiert sich selbst gerne als Weltverbesserer und rühmt sich zum Beispiel seines verantwortungsbewussten Umgangs mit Kaffeebauern. Der Frieden bei Starbucks wird in diesen Tagen aber empfindlich gestört: Völlig unfreiwillig ist das Unternehmen ins Zentrum einer hitzigen Auseinandersetzung um Waffenbesitz in Amerika geraten. Seit einigen Monaten tauchen immer wieder Waffenfreunde mit offen sichtbar an ihrem Körper befestigten Pistolen in Starbucks-Filialen auf. Das sorgt für lautstarken Protest bei Waffengegnern, die Starbucks auffordern, den Pistolenträgern Zutritt zu verbieten. Starbucks selbst steht etwas hilflos dazwischen und hat in dieser Woche an beide Seiten appelliert, ihre Waffendiskussion anderswo auszutragen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Zurschaustellung von Waffen bei Starbucks ist eine Art Demonstration. Die Besitzer wollen damit auf ihr Recht aufmerksam machen, Waffen offen mit sich herumtragen zu dürfen. Grundsätzlich haben Amerikaner das Recht auf den Besitz und das Tragen von Waffen. Dies ist im Zweiten Zusatzartikel zur Verfassung, dem sogenannten Second Amendment, auf Bundesebene festgeschrieben. Die einzelnen Bundesstaaten oder Gemeinden können jedoch eigene Vorschriften erlassen. So gibt es für das verdeckte Tragen einer Waffe in den meisten Bundesstaaten strikte Regeln. Das offene und für jeden sichtbare Herumtragen von Waffen („Open Carry“) ist dagegen kaum reglementiert, in vielen Bundesstaaten ist dafür nicht einmal eine Lizenz notwendig.

          Es steht allerdings Geschäften frei, bewaffneten Menschen den Zutritt zu verweigern. Ebenso wie es in Amerika starke Lobbyvereinigungen wie die National Rifle Association (NRA) gibt, die das grundsätzliche Recht auf Waffenbesitz verteidigen, haben sich in den vergangenen Jahren auch Gruppen gebildet, die speziell dem Recht auf das offene Herumtragen von Waffen mehr Akzeptanz in der Bevölkerung verschaffen wollen. Die Organisation „Opencarry.org“ hat sich zum Beispiel auf die Fahnen geschrieben, Waffen im öffentlichen Bild „gewöhnlich, allgegenwärtig und erwartet“ zu machen. Die Gruppe argumentiert, dass offen herumgetragene Waffen viel harmloser sind als versteckte, denn wer böse Absichten habe, würde seine Waffe ja nicht offen herzeigen wollen.

          Ein Politikum

          Seit Januar gehen die „Open Carry“-Verfechter verstärkt in die Öffentlichkeit, um für ihr Anliegen zu werben. Sie organisieren Treffen in Kaffeehäusern oder Filialen von Imbissketten und zeigen sich dort offen mit Waffen an ihren Gürteln. Die Waffenfans sind zunächst vor allem in Kalifornien in Erscheinung getreten. Andere Gäste in den Lokalen zeigten sich empört, die beiden Ketten Peet's Coffee & Tea und California Pizza Kitchen beschlossen, Waffen in ihren Filialen zu verbieten.

          In den vergangenen Wochen hat sich Starbucks als der beliebteste Treffpunkt der Waffenanhänger herauskristallisiert. Die Diskussion ist damit immer mehr zu einem Politikum in der breiten Öffentlichkeit geworden. Schließlich ist nun ein besonders prominentes Unternehmen ins Zentrum der Kontroverse gerückt, das noch dazu großen Wert auf ein sozial verantwortungsbewusstes Image legt. Die Anti-Waffenvereinigung „Brady Campaign to Prevent Gun Violence“ appellierte vor wenigen Wochen in einem Brief an den Starbucks-Vorstandsvorsitzenden Howard Schultz, dem Beispiel von Peet's und California Pizza Kitchen zu folgen und keine Waffenträger mehr in seine Filialen zu lassen. Das offene Herumtragen von Waffen sei „bedrohlich und einschüchternd“. Andere Gäste in den Lokalen würden dadurch alarmiert, und es könne zu unberechenbaren und gefährlichen Situationen kommen.

          Starbucks wollte sich am liebsten heraushalten

          Starbucks wollte sich indessen aus der Diskussion am liebsten heraushalten und gar keine Partei ergreifen. Waffenträgern blieb der Zutritt weiterhin erlaubt. Mit ihrer neutralen Haltung zog sich die Kette aber erst recht den Unmut der Waffengegner zu. Am Mittwoch hielt die Brady Campaign eine Pressekonferenz direkt neben der symbolträchtigen ersten Starbucks-Filiale, die am Pike Place Market in Seattle bis heute in Betrieb ist. Die Gruppe verkündete, fast 30.000 Unterschriften gegen die derzeitige Starbucks-Politik gesammelt zu haben. Mehrere Dutzend Menschen waren mit Plakaten zu der Veranstaltung gekommen, auf denen zum Beispiel zu lesen war: „Espresso Shots, not Gunshots“. Aber auch die Gegenseite war vertreten: Unweit der Waffengegner versammelten sich einige Männer mit offen sichtbaren Pistolen und unterbrachen die Pressekonferenz mit Zwischenrufen.

          Die zunehmend hitzig geführte Debatte hat Starbucks dazu veranlasst, selbst eine Mitteilung herauszugeben, um die Gemüter zu beruhigen. „Wir bitten alle interessierten Parteien, Starbucks oder unsere Mitarbeiter nicht mehr in den Mittelpunkt dieses kontroversen Themas zu stellen“, hieß es darin. Die Debatte um das Tragen von Waffen gehöre nicht in Starbucks-Filialen, sondern sei eine Sache von Gesetzgebern und Gerichten.

          Die Kaffeehaus-Kette unterstrich gleichzeitig, bei ihrer bisherigen Position zu bleiben: Wo das offene Tragen von Waffen gesetzlich erlaubt ist, werde dies von Starbucks weiter respektiert. Starbucks wolle seine Beschäftigten nicht in eine Situation bringen, in der sie Kunden, die nicht gegen ein Gesetz verstoßen, zum Verlassen einer Filiale auffordern müssen. Das wäre den Mitarbeitern gegenüber „unfair und potentiell unsicher“.

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