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Wadan-Werften : Russisch Roulette in Wismar

Schiffbauer arbeiten in der Wadan-Werft in Wismar am Heck eines künftigen Frachtschiffs Bild: dpa

Der Fall der insolventen Wadan-Werften in Mecklenburg zeigt: Wenn es um Arbeitsplätze geht, lässt sich der Staat gern erpressen. Der Osten hat trotzdem verloren. Ein russischer Investor hat alle enttäuscht. Aufträge gibt es keine mehr - aber eine neue Millionenbürgschaft aus Berlin.

          Andrej Burlakow leidet. Der Mund zieht Falten, das mächtige Becken schiebt hin und her. Die massigen Hände greifen gen Himmel, fallen schwer auf die Brust. Was haben sie ihm angetan, die Deutschen? Ihm, dem millionenschweren Investor, der sich der Verbindung in höchste russische Regierungskreise rühmen darf, der Deutschlands Osten 20 Jahre nach der Wende endlich zur ersehnten Blüte treiben will? Geliebt haben sie ihn in Wismar und Warnemünde. Doch jetzt ist da nur noch Zorn.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Andrej Burlakow, verehrt und angefeindet. So sieht er sich selbst. Die Nabelschau des Russen gerät zum Spektakel. Noch gehören dem Privatunternehmer aus Moskau die insolventen Wadan-Werften in Wismar und Warnemünde an der mecklenburgischen Ostseeküste. Vor über einem Jahr hat er die damals bereits schwächelnden Betriebe über seine Gesellschaft FLC West gekauft. 249 Millionen Euro für 70 Prozent der Anteile hat Burlakow bezahlt. Ein hoher Preis. Ein Jahr zuvor war die benachbarte Volkswerft in Stralsund für einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag weggegangen. Schiffe für 2,5 Milliarden Euro wolle er bauen, soll Burlakow angekündigt haben, als er sich im vergangenen September den verblüfften Mitarbeitern und Landespolitikern präsentiert. Bestellen soll sie der russische Staat. Das kommt in den Werften gut an. Geld liegt in der Luft.

          „Einen der größten Massekredite in der deutschen Nachkriegsgeschichte“

          Acht Monate später sitzt Burlakow vor schwarzem Kaffee und behauptet: "Ich bin der Sündenbock." Sein Ruf ist im Eimer, er hat zwei der teuersten PR-Berater der Republik engagiert. Anfang Juni haben sie ihn zum Teufel gejagt in Ostdeutschland. Obwohl mehr als 200 Millionen Euro an staatlich verbürgten Krediten ins Unternehmen geflossen sind, ist es zahlungsunfähig. Burlakow hat seit seinem Einstieg keinen einzigen Auftrag hereingeholt. Zehn wurden nach dem Insolvenzantrag von den Auftraggebern storniert. Für den Bau der zwei verbliebenen Schiffe in den Mecklenburger Schiffbauhallen kann die Geschäftsleitung die Zulieferer nicht mehr bezahlen. Zudem will der Auftraggeber die beiden Fähren gar nicht mehr haben. "Die Gespräche mit Stena Line gestalten sich schwierig, aber professionell", sagt der Insolvenzverwalter Marc Odebrecht.

          Schiffbau in Wismar: Kaum einer der Beteiligten sieht gut aus

          2400 Menschen haben auf den Werften gearbeitet. Odebrecht geht davon aus, dass zumindest in Wismar bis Mitte 2010 etwa 500 bis 600 Arbeitsplätze erhalten bleiben können. "In Warnemünde wird es ab Mitte September nach heutigem Stand keine Beschäftigung mehr geben." Dass der Strom nicht sofort abgestellt wird, ist ohnehin nur erneut dem Staat zu verdanken. Odebrecht und seine Kanzlei haben in Berlin die Bürgschaft für einen Massekredit über 190 Millionen Euro herausgeschlagen, der von der Kreditanstalt für Wiederaufbau und anderen Banken gestellt und zu 90 Prozent vom Bund besichert wird - das Risiko trägt der Steuerzahler. "Einen der größten Massekredite in der deutschen Nachkriegsgeschichte" nennt ihn Odebrechts Kollege Berthold Brinkmann.

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