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Streit mit Zulieferer : VW-Produktion an sechs Standorten beeinträchtigt

  • Aktualisiert am

Die Golf-Produktion im VW-Stammwerk in Wolfsburg ruht in dieser Woche. Bild: dpa

Beinahe 30.000 VW-Mitarbeiter sind mittlerweile von dem Streit mit den beiden Zulieferern betroffen. Immer noch ist nicht klar, worum es wohl wirklich geht. FAZ.NET beantwortet die wichtigsten Fragen.

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          Volkswagen hat Streit mit einem Zulieferer. Dieser ist verglichen mit dem größten Autohersteller der Welt ein Zwerg. Umso beachtlicher sind die Auswirkungen, die sich bislang ergeben haben, hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen.

          Wie stark ist Volkswagen durch den Streit getroffen?

          Der Lieferstreit beeinträchtigt die Produktion in sechs Volkswagen-Werken, beinahe 30.000 Beschäftigte können nicht wie gewohnt arbeiten. Im VW-Stammwerk in Wolfsburg wird der Golf von diesem Montag an bis zum Samstag nicht hergestellt - davon ist rund die Hälfte der etwa 20.000 Mitarbeiter umfassenden Belegschaft betroffen. Im sächsischen Werk in Zwickau laufen von Montag bis Freitag sowohl der Golf als auch der Passat nicht vom Band, ungefähr 6000 Beschäftigte befinden sich in Kurzarbeit. In Kassel sollen Teilbereiche der Getriebe- und der Abgasanlagenfertigung vom 25. bis 29. August ruhen, rund 1500 Beschäftigte können dann nicht arbeiten. In der Motorenfertigung in Salzgitter wiederum gehen 1400 Mitarbeitern vom 24. bis 30. August in Kurzarbeit und in Braunschweig müssen etwa 1300 Mitarbeiter von diesem Montag an eine Woche lang zuhause bleiben. In der Passat-Fertigung in Emden befinden sich schon seit Donnerstag vergangener Woche gut 7500 Beschäftigte in Kurzarbeit, die bis Mittwoch dauern soll.

          Warum ist das so?

          Zwei Zulieferer namens ES Automobilguss im sächsischen Schönheide und Car Trim in Plauen haben ihre Lieferungen an den VW-Konzern vorerst eingestellt. ES Automobilguss liefert wichtige Getriebeteile für den Golf, Car Trim Sitzbezüge. Solange die Teile fehlen, kann Volkswagen entsprechend die Autos nicht fertig bauen.

          Worum dreht sich der Streit?

          Das ist weiter ein großes Mysterium. Für die beiden Zulieferer geht es nach übereinstimmenden Informationen der F.A.Z. aus dem Umfeld der Streitparteien um etwas mehr als 56 Millionen Euro. Car Trim hatte mit VW dem Vernehmen nach einen Entwicklungsauftrag, der für das mittelständische Unternehmen im Falle der Verwirklichung ein Volumen von rund einer halben Milliarde Euro gehabt hätte. VW und Porsche - beide sollten neu entwickelte Sitze beziehen - kündigten den Vertrag aber Ende Juni. Die 56 Millionen Euro seien die Entschädigung für schon erbrachte Investitionen und Leistungen, heißt es aus dem Umfeld von Car Trim. Mit ES Automobilguss streitet die chinesische VW-Tochtergesellschaft angeblich um 385.474,68 Euro, weil die Rechnung um 76,35 Euro zu hoch sei. Wolfsburg habe den Vorgang an sich gezogen.

          Ist das wirklich alles?

          Wohl eher nicht. Dagegen spricht die Aussage, dass Car Trim einen Teil seiner Forderungen an die Gießerei abgetreten hat - weil der Autohersteller durch den Lieferstopp von Getriebe-Komponenten leichter unter Druck zu setzen ist. VW wiederum bot eine nach eigenen Angaben „großzügige Entschädigungszahlung“ an. Dass es im Konflikt zwischen der Gießerei und VW nicht um 76,35 Euro gehen dürfte, liegt auf der Hand. Mit dem Unternehmen der Familie Hastor, die über die sogenannte Prevent-Gruppe erst von Slowenien und jetzt von Bosnien aus ein globales Netz von Zulieferern aufbaute, arbeitet Volkswagen seit Jahrzehnten zusammen. Seit einiger Zeit ist es mit der vertrauensvollen Zusammenarbeit allerdings vorbei. Im VW-Konzern bringt man das mit dem Generationswechsel im Hause Prevent in Verbindung, seit der Firmenpatriarch das Geschäft an seine Söhne übergeben hat.

          Wer ist nun wieder Prevent?

          Die Prevent DEV GmbH mit ihrem Firmensitz in Wolfsburg übernahm mittels ihrer im Jahr 2014 in den Niederlanden gegründeten Finanzholding Eastern Horizon Ende 2015 und im Frühjahr 2016 die beiden Zulieferer Car Trim und ES Automobilguss. Danach begannen für VW die Probleme. In Brasilien bekamen VW und andere Autokonzerne ähnliche Konflikte mit dem Sitz-Zulieferer Keiper, den die Eastern Horizon Anfang 2015 übernommen hatte. Hier hätten die Verantwortlichen in Wolfsburg ahnen können, dass Prevent unter der neuen Führung ein neues Geschäftsmodell mit Zukäufen von Schlüsselzulieferern verfolgt. Kurios ist, dass es in einer knappen Prevent-Pressemitteilung vom Freitag in Bezug auf die Zulieferer heißt: „Wir haben auch keinen Durchgriff auf die betroffenen Gesellschaften.“ (Unter dem Titel „Mit wem hat VW da eigentlich Streit“ hat sich unser Korrespondent Carsten Germis auf Spurensuche nach Prevent begeben - zu seinem Text geht es hier entlang.)

          Wie ist der juristische Stand der Dinge?

          Volkswagen setzte sich Gericht gegen seine Zulieferer durch: Gegen beide liegen einstweilige Verfügungen vor, wonach sie VW beliefern müssen. Sie weigern sich bislang aber, und VW hat Angaben des Landgerichts Braunschweig zufolge am vergangenen Donnerstag Anträge gestellt, die Zulieferer zu zwingen, die Lieferverträge einzuhalten. VW könnte die Lieferung also erzwingen und behält sich das als letzten Schritt auch vor.

          Und wieso erwägt VW Kurzarbeit?

          Offiziell beantragt ist die Kurzarbeit für Tausende Beschäftige in den VW-Werken zwar noch nicht, es laufe aber darauf hinaus, hat die F.A.Z. aus Wolfsburg erfahren. Würde die Kurzarbeit von der Arbeitsagentur genehmigt, bekommen die betroffenen Beschäftigten aus Sozialversicherungsmitteln bis zu 67 Prozent ihres Lohnausfalls erstattet, also von der Allgemeinheit, der ihnen durch die Arbeitszeitreduzierung entsteht. Das ist brisant: Schließlich darf Kurzarbeitergeld nur dann gewährt werden, wenn der Arbeitsausfall konjunkturell bedingt ist oder auf einem „unabwendbaren Ereignis“ beruht. „Doch zu einem Streit gehören bekanntlich mindestens zwei – und die scheinen es in diesem Fall nicht einmal sonderlich eilig zu haben, zu einer Lösung zu kommen, mit der sich der dreiste Griff in die Sozialkassen vermeiden ließe“, analysiert Heike Göbel - zu ihrem Kommentar geht es hier entlang.

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