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Martin Winterkorn : Der Perfektionist, der Angst verbreitet

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Das mag auch an der Herkunft liegen. Während Piëch aus einer Milliardärsfamilie stammt, kommt Winterkorn aus einfachen Verhältnissen. Der Vater war Arbeiter, die Mutter Hausfrau. Er studiert Metallkunde und Metallphysik in Stuttgart, also ganz in der Nähe seines Geburtsorts Leonberg. Diese Ausbildung krönt er mit der Promotion am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Metallforschung. Winterkorn beginnt seine Karriere 1977 im Bosch-Konzern. 1981 wechselt er zu Audi nach Ingolstadt. Begonnen hatte Winterkorn im VW-Konzern einst in der Qualitätssicherung; dort hatte er die Piëch-Philosophie auswendig gelernt, blieb ihr stets treu - und avanciert so zu einem wichtigen Begleiter Ferdinand Piëchs. Die Aufgabenverteilung zwischen den beiden hat Winterkorn wie folgt beschrieben: „Er macht die Innovationen, ich sichere sie ab.“ Mit anderen Worten: Winterkorn hat dafür gesorgt, dass Piëch seine zum Teil sehr gewagten Entwicklungen hinterher nicht um die Ohren flogen. Piëch hat es ihm gedankt und ihn 2002 zunächst zum Audi-Chef gemacht; Anfang 2007 hievte er Winterkorn an die Spitze des VW-Konzerns. Dort hat der Schwabe ungeahnte Kräfte freigesetzt mit seinem globalen Angriffsplan: Bis 2018 soll Volkswagen in Sachen Absatz, Rendite und Kundenzufriedenheit die automobile Weltspitze erklimmen.

Ein Rekordsalär machte ihn berühmt

Auf dem Weg dahin hat VW 2011 einen starken Zwischenschritt eingelegt, der auch Winterkorn selbst in die Schlagzeilen brachte: Auf Basis eines operativen Rekordgewinns von 11,3 Milliarden Euro schossen die Bezüge des Vorstandsvorsitzenden auf sage und schreibe 17 Millionen Euro in die Höhe. Seither ist der Name Winterkorn auch im letzten Winkel dieses Landes bekannt – auch wenn es danach nicht mehr so gut lief, sind es heute immerhin noch 16 Millionen Euro. Einerseits sind ihm die Diskussionen über die Angemessenheit oder Unangemessenheit eines solchen Gehalts unangenehm. Andererseits ist er auch stolz auf dieses Salär, das er sich hart erarbeitet hat. Der Autonarr (“Meine Begeisterung für Autos ist unerschöpflich“) ist diszipliniert, pflichtbewusst und unermüdlich im Einsatz. Urlaub macht er kaum. Die Zeit für den Besuch im Fußball-Stadion, ob nun in Wolfsburg, wo er den Provinzclub VfL mit vielen Firmen-Millionen päppelt, oder beim FC Bayern München, wo er im Aufsichtsrat sitzt, schaufelt sich der ehemalige Jugend-Torwart des TSV Münchingen allerdings frei so oft es irgend geht.

Eine Sollbruchstelle zwischen Winterkorn und Piëch war immer eingebaut in ihre Beziehung: die Nachfolgeregelung.  Auf die Frage, wer eines Tages Chef von Volkswagen werden solle, hat Winterkorn einmal gesagt: „Das ist eine der Hauptaufgaben, die Herr Dr. Piëch und ich in den nächsten zwei, drei Jahren haben.“ Dies sei weit schwieriger, als zu entscheiden, wie der nächste Golf aussehen werde. Damit sollte Winterkorn recht behalten. Denn Piëchs Satz „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ hat die alte Verbindung gesprengt. Ob sich der Riss kitten lässt, ob daran überhaupt noch Interesse besteht, ist nicht absehbar.
Denn Winterkorn möchte Aufsichtsratsvorsitzender werden. Das wäre ein logischer Schritt nach all den erfolgreichen Jahren an der Spitze des Vorstands, den der 67 Jahre alte Manager seit 2007 führt - für ihn, für den einflussreichen Betriebsrat, für die Landesregierung Niedersachsen, für die Öffentlichkeit - womöglich nur nicht mehr für den jetzigen Amtsinhaber Piëch, der nun aber isoliert dasteht.

Winterkorn hat zwei Söhne, einen aus erster und einen aus zweiter Ehe. Von seiner zweiten Frau Anita, die er bei Audi kennenlernte, lässt er sich liebend gern mit Maultaschen und schwäbischem Rostbraten verwöhnen. Der gemeinsame Sohn Martin Winterkorn junior studiert Physik, neigt aber auch dem Automobilbau zu. Der Filius kann den Komillitonen gegenüber inzwischen beteuern, dass beim Golf jetzt auch nichts mehr scheppert. Dafür hat sein Vater inzwischen gesorgt.

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