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Diess in China : Was will VW im Reich der Mitte?

Bald mehr als Schrauben: VW-Produktion in Tianjin in China Bild: Reuters

Die Zeichen für Chinas Wirtschaft stehen auf Abschwung – trotzdem will VW-Vorstandschef Herbert Diess den Autohersteller noch abhängiger von dem Land machen: „Volkswagen wird chinesischer“.

          Wo die Zukunft des Automobilbaus spielt, steht für Herbert Diess fest: nicht in dem Land, in dem die Zentrale seines Arbeitgebers liegt. „In den nächsten Jahrzehnten wird das Machtzentrum der Automobilindustrie in China sein“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Wolfsburger Volkswagen-Konzerns am Montag vor Journalisten in Peking. VW solle deshalb „chinesischer“ werden. Dass dies nicht nur bedeutet, noch mehr Autos im schon heute größten Absatzmarkt des Herstellers zu verkaufen, auch daran ließ Diess keinen Zweifel. „Künftig werden unsere Autos auch in China entwickelt.“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          20 Tage war Herbert Diess im vergangenen Jahr für VW in China unterwegs. Diese Zahl will er nun verdoppeln. Denn der VW-Chef hat die Zuständigkeit im Konzern für den führenden Automarkt der Welt an sich gezogen. Der bislang für China zuständige Vorstand Jochem Heizmann ist in Rente gegangen, sein Posten wird nicht nachbesetzt. Diess, der am Montag mit Verspätung im VW-Firmenflieger in der chinesischen Hauptstadt eingetroffen war, macht China zur Chefsache – und seinen Konzern noch abhängiger vom Wohl und Wehe eines Landes, in dem der Autoabsatz zur Mitte des vergangenen Jahres heftig eingebrochen ist.

          Die wachsende Abhängigkeit gibt Diess offen zu. „China wird für uns noch bedeutender“, sagt der VW-Chef. „Die Zukunft von Volkswagen entscheidet sich auf dem chinesischen Markt“. Im vergangenen Jahr war dort der Konzernabsatz binnen Jahresfrist leicht gewachsen. Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres erwartet VW einen Einbruch, will aber im Gesamtjahr mehr Autos verkaufen als die 4,2 Millionen aus dem Jahr 2018. Schon 2017 übergab VW 3,2 Millionen Fahrzeuge an chinesische Kunden, das war mehr als jedes zweite Auto der Marke. Volkswagen ist damit klar Marktführer. 2018 dürften die Zahlen in einer ähnlichen Größenordnung gelegen haben – bis November lieferte die Marke VW in China 2,82 Millionen Fahrzeuge aus.

          Chinas Internetkonzerne mischen bald in Autos mit

          Entwickelt wurden die Fahrzeuge jedoch bisher vor allem in Deutschland. Hier war die technologische Expertise der VW-Ingenieure beheimatet. Das Reich der Mitte war hingegen der Absatzmarkt, der zuverlässig Jahr für Jahr in atemberaubender Geschwindigkeit wuchs.

          Diese Rollenverteilung ist laut Diess Geschichte. „Bisher haben wir europäische Technologie nach China gebracht“, sagte der VW-Chef. „Das ist vorbei.“ Gegenüber Europa habe China jene Technologieunternehmen und Fähigkeiten, die es für das Auto der Zukunft brauche, das von einem Elektromotor angetrieben wird, selbst lenkt und nach dem Willen der Kunden funktionieren soll wie ein Smartphone.

          Tatsächlich sind in China mit Alibaba, Tencent und Baidu drei der weltweit technologisch führenden und größten Internetkonzerne der Welt entstanden, die alle in der Entwicklung künftiger Autos mitmischen. Nicht nur mit dem Pekinger Fahrdienstleister Didi, der seinen amerikanischen Konkurrenten Uber aus dem Land mit fast 1,4 Milliarden Menschen verdrängt hat, ist VW schon Kooperationen eingegangen.

          Erst im November hatte VW angekündigt, in die Baidu-Technologieplattform Apollo einzusteigen. Apollo gilt als führendes Technologiekonsortium für autonomes Fahren in China. Entwickler von VW und Audi sollen mit den Chinesen zusammenarbeiten. „Ein erstes gemeinsames Projekt steht bereits kurz vor dem Start“, hieß es in Wolfsburg. Unter anderem sollen Testfahrzeuge von VW mit Apollo-Software ausgestattet werden. Beim autonomen Fahren und bei der Vernetzung der Autos geht Volkswagen schon seit einiger Zeit Kooperationen ein, um in den digitalen Zukunftsthemen Knowhow aufzubauen, das VW aus eigener Kraft in kurzer Zeit nicht aufbauen kann.

          Vier neue VW-Werke in China

          Diess ist überzeugt, dass China künftig den Takt vorgibt im Automobilbau. Die chinesische Regierung, die den Autoherstellern mit Wirkung von diesem Jahr an Zwangsquoten für den Verkauf von E-Autos auferlegt hat, verfolge eine „klare Automobilpolitik“, sagt der VW-Chef. Dass sich der von Peking präferierte Elektromotor tatsächlich auf der Welt durchsetzen werde, daran habe er keinen Zweifel. Künftig werde es schwer werden, sich gegen den Kauf eines E-Autos zu entscheiden. Von diesen hat VW bisher nur wenige im Programm. Die Herausforderung durch Konkurrenten wie das wenige Jahre alte Schanghaier Start-up Nio, das bis zum Ende vergangenen Jahres 10.000 Exemplare seines Elektro-SUV ES8 ausgeliefert hat, nehme VW „sehr ernst“.

          Wie wichtig China für den Konzern ist, zeigt sich auch daran, dass VW in den vergangenen Monaten an den Standorten Qingdao, Foshan und Tianjin vier neue Werke eröffnet hat. Zentral für die Elektrifizierungsoffensive ist das Werk von VW und FAW in Foshan, in dem 600.000 Autos im Jahr produziert werden können. Bis 2020 sollen dort Elektroautos gebaut werden. „Wir wollen einen wesentlichen Beitrag leisten, den Personenwagen-Markt in China zu elektrifizieren“, sagte der bisherige China-Vorstand Heizmann. „Bis 2025 sollen etwa 40 verschiedene elektrifizierte Fahrzeugmodelle in China produziert werden.“

          Was der Strategieschwenk von VW von Deutschland nach China für die Arbeitsplätze in Deutschland bedeutet, ist offen. Verkehrt sich die Arbeitsteilung in der globalisierten Automobilwirtschaft? Entwickelt VW künftig in Fernost, und in den deutschen Werken wird – zumindest ein kleiner Teil der Produktion – gefertigt?

          „Diese Vorstellung ist komplett falsch“, sagt Diess. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in China würden zwar stark aufgebaut, die Gelder für die Abteilungen in Deutschland aber nicht zusammengestrichen, sondern ebenfalls aufgestockt. Gleichzeitig jedoch sagt der VW-Chef: „Die Technologieunternehmen, die es für den Autobau künftig braucht, haben wir in Europa nicht geschaffen.“ In China hingegen gebe es dafür die „richtige Umgebung und die richtigen Fähigkeiten“.

          Teslas Gigafabrik

          Tesla, der amerikanische Hersteller von Elektroautos, will den chinesischen Markt mit vor Ort produzierten Fahrzeugen erobern. Am Montag legte Tesla-Chef Elon Musk den Grundstein für eine Riesenfabrik in Schanghai. Dort sollen schon Ende 2019 die ersten Autos vom Band laufen, von 2020 an soll die Produktion im großen Stil beginnen. Das Ziel sind 500.000 Autos im Jahr. Der Bau der Fabrik am Rande von Schanghai beginnt nun nach über einem Jahr Verhandlungen mit der chinesischen Seite. Tesla hatte die sogenannte Gigafabrik im Sommer angekündigt. Musk lobte laut Pressemitteilung, China werde zum „Weltmarktführer in der Umsetzung von Elektromobilität“. Der Markt sei entscheidend für Teslas Mission, den Wandel zu nachhaltiger Energie zu beschleunigen. Die neue Fabrik kostet nach Angaben von Analysten rund 5 Milliarden Dollar. (AFP)

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