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Deutscher Autokonzern baut um : VW verbündet sich mit Amazon

Amazon-Chef Jeff Bezos und der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen Herbert Diess. Bild: Screenshot LinkedIn

Volkswagen will seine 122 Fabriken in der Cloud zusammenführen. VW-Chef Herbert Diess verspricht sich davon zwei Dinge.

          Volkswagen will mit Hilfe der amerikanischen Tech-Plattform Amazon die Produktivität seiner Autofabriken schnell spürbar steigern. Die beiden Unternehmen vereinbarten dafür „eine mehrjährige Entwicklungszusammenarbeit“, teilte VW am Mittwoch in Wolfsburg mit. In einer „Volkswagen Industrial Cloud“ sollen künftig alle 122 Fabriken des Konzerns zusammengeführt werden. „Wir werden die Produktion als Wettbewerbsfaktor für den Volkswagen-Konzern weiter stärken“, sagte Porsche-Chef Oliver Blume, der im Wolfsburger Konzernvorstand für die Produktion zuständig ist. „Unsere strategische Zusammenarbeit mit Amazon Web Services schafft dafür wichtige Voraussetzungen.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Expertenteams von VW und Amazon treiben den Aufbau des Produktionsnetzwerks gemeinsam voran. Mit gut 100 Spezialisten geht es los, schon bald sollen es rund 220 Mitarbeiter sein, die in mehreren Entwicklungszentren von Volkswagen gemeinsam mit ihren amerikanischen Kollegen an der Cloud arbeiten. Neben den bereits existierenden IT-Zentren von VW in Wolfsburg, Dresden und München planen die beiden Unternehmen ein gemeinsames Industrial Cloud Innovation Center in Berlin.

          Die Arbeit am Projekt beginne „ab sofort“, hieß es. Schon bis Ende dieses Jahres soll die Cloud Schritt für Schritt ausgerollt werden. Ziel sei es, „erste konkrete Services und Funktionen Ende 2019 in Betrieb zu nehmen“. Als erstes werden die Werke in Europa eingebunden. Ziel des Ganzen: Die Effizienz und Flexibilität in der Fertigung bei VW soll erhöht und die Wettbewerbsfähigkeit spürbar gesteigert werden.

          Plattform könnte für andere Hersteller geöffnet werden

          Vor kurzem hatte VW-Chef Herbert Diess angekündigt, bis 2025 die Produktivität im gesamten Produktionsnetzwerk – außer China – um 30 Prozent steigern zu wollen. Erst in der letzten Woche mahnte er die VW-Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung in Wolfsburg, Volkswagen sei „im Wettbewerbsvergleich in unseren Fabriken und in der Verwaltung langsamer und weniger produktiv“. VW müsse mit seinen Autos deutlich mehr Geld verdienen, um in die Zukunft der Elektromobilität und des autonomen Fahren investieren zu können.

          Diess will die gemeinsam mit Amazon entwickelte Industrie-Plattform auch für andere Unternehmen öffnen. Langfristig strebt das Unternehmen an, die weltweiten Lieferketten des Konzerns mit mehr als 30.000 Standorten und mehr als 1500 Zulieferern einzubinden. „Denkbar ist zudem, dass die Cloud-Plattform grundsätzlich für andere Automobilhersteller zugänglich sein wird“, hieß es in der Mitteilung von VW.

          Andy Jassy, der Vorstandschef von Amazon Web Services, sagte, die Cloud werde Produktion und Logistik von VW transformieren. „Wir stehen in enger Abstimmung mit Volkswagen, um dabei zu unterstützen, die Zukunft der Automobilindustrie zu gestalten und hierfür von allen Vorteilen der Cloud zu profitieren.“ Wieviel Geld die beiden Unternehmen investieren, berichtete VW nicht. Kenner gehen von einem deutlichen dreistelligen Millionenbetrag aus. Am Ende sollen Produktionsplanung und Lagerhaltung einheitlich gestaltet werden. Bislang unterscheidet sich das nach Marken und nach Standorten in Teilen noch. Würden die Daten aus allen Werken zusammengeführt, sei der Materialfluss leichter zu steuern und Lieferengpässe oder Störungen seien früher zu erkennen.

          Das Auto wird zum Smartphone auf vier Rädern

          Gerüchte über eine mögliche Zusammenarbeit von VW und Amazon hatten in der letzten Woche bereits Nahrung erhalten, als Diess in den sozialen Netzwerken ein Selfie mit Amazon-Chef Jeff Bezos veröffentlichte. Mit der Entscheidung vom Mittwoch dürfte klar sein, dass die beiden Manager bei ihrem Treffen die Grundzüge der jetzt bekannt gegebenen Zusammenarbeit entschieden haben.

          Volkswagen arbeitet wie andere Unternehmen bereits seit einiger Zeit an dem Projekt Industrie 4.0, also an der Digitalisierung der Produktion. Dazu führen Manager und IT-Techniker von VW seit langem schon Gespräche mit verschiedenen Tech-Plattformen und Software-Unternehmen. Konzern-Produktionsvorstand Blume begründete die Entscheidung für Amazon am Mittwoch mit den Worten: „Der Volkswagen-Konzern mit seiner globalen Expertise in der Automobilfertigung und Amazon Web Services mit seinem Technologie-Know-How ergänzen sich hervorragend.“

          Die Digitalisierung verändert in der Branche nicht nur die Produktion. Auch im Auto wird Software eine immer stärkere Rolle spielen und das Fahrzeug zu einem Smartphone auf vier Rädern machen. Diess hat die Digitalisierung deswegen neben der Wende zur Elektromobilität zu seinem zweiten großen Thema bei VW gemacht. „Wir müssen ein von Software angetriebener Autohersteller werden“, sagt er.

          Weil den klassischen Autoherstellern dazu oft die eigenen Kompetenzen fehlen, hat er Volkswagen stärker als in der Vergangenheit für Partnerschaften geöffnet. Während VW bei der Produktion mit Amazon zusammenarbeitet, hat Diess beim vernetzten Auto vor einem Monat in Berlin eine Kooperation bei Cloud und Software mit Microsoft bekanntgegeben. Diess sagte, dass 2025 alle Autos von Volkswagen vernetzt sein sollten. Die Automotive Cloud mit Microsoft bekommt ihre Bewährungsprobe Anfang nächsten Jahres, wenn die neuen Elektroautos der sogenannten I.D.-Familie von VW auf den Markt kommen und die Automotive Cloud nutzen sollen.

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