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Volkswagens Lieferstreit : „Die ersten Kunden rufen an“

  • Aktualisiert am

In Wolfsburg könnten rund 20.000 Mitarbeiter von Kurzarbeit betroffen werden. Bild: dpa

Volkswagen hat Streit mit Zulieferern, die Golf-Produktion steht deshalb still. Ein Händler ärgert sich. Jetzt droht der Konzern ein Ordnungsgeld an.

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          Nach dem angekündigten Produktionsstopp im Volkswagen-Konzern bangen nun manche Kunden Autokäufer um die Lieferung ihrer Autos. „Wir haben die ersten Anrufe von Kunden, die sich Sorgen machen, ob ihr Auto pünktlich kommt“, sagte VW-Händler Ernst-Robert Nouvertné aus Solingen.

          Nouvertné sitzt zugleich im Vorstand des Zentralverbands des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK). Wegen eines Streits mit einem wichtigen Zulieferer etwa für Getriebeteile muss Volkswagen unter anderem im Wolfsburger Stammwerk die Bänder für das Modell Golf anhalten. In Emden steht wegen des Problems bereits Kurzarbeit an. In Wolfsburg könnte dies ebenfalls für rund 20.000 Mitarbeiter anstehen.

          „Natürlich unbefriedigend“

          Von Seiten des Konzerns habe Nouvertné zu drohenden Lieferverzögerungen noch keine Auskünfte erhalten: „Außer besorgten Kundenanrufen haben wir zurzeit keine Informationen“, sagte er: „Das ist schon etwas befremdlich und natürlich unbefriedigend.“ Eine VW-Sprecherin wollte sich zunächst nicht äußern.

          Nouvertné habe eine E-Mail an den VW-Vertrieb geschrieben, in der er um Informationen für seine Kunden bittet. Fahrzeuge, deren Lieferzeitpunkt bereits zugesagt wurde, sollen seinen Informationen zufolge aber pünktlich kommen. Am Freitagmorgen seien die Liefertermine in dem System, mit dem Hersteller und Händler gemeinsam planen, noch unverändert gewesen.

          Am Donnerstag musste Volkswagen schon fast 8000 der 9000 Arbeiter in seinem Werk in Emden in den Zwangsurlaub schicken. Auch dahinter steckt der Konflikt mit der Prevent GmbH und einem Tochterunternehmen der Gruppe. Seit einiger Zeit schickt die Zulieferfirma Car Trim aus Sachsen keine Sitzbezüge mehr an die VW-Tochtergesellschaft Sitech in Emden, die Autositze für VW-Modelle fertigt.

          Car Trim ist vom Gericht zwar per einstweiliger Verfügung aufgefordert worden, die Lieferungen wiederaufzunehmen, das Unternehmen liefert aber trotz der Gerichtsentscheidung nicht. Kurzarbeit ist die Folge. In Emden montiert VW den Passat.

          Der Lieferstopp von ES Automobilguss und die Zwangspause für die Golf-Produktion trifft VW heftiger als die fehlenden Sitzbezüge für den Passat. Prevent scheint mit dem zweiten Lieferstopp den Druck auf den Wolfsburger Konzern verstärken und den Konflikt bewusst eskalieren zu wollen. Im Streit zwischen beiden Unternehmen geht es nach Angaben eines Gerichtssprechers um ein anderes, gescheitertes Projekt.

          „Es werden Ansprüche geltend gemacht, die aus einer anderen, letztlich nicht zustande gekommenen Geschichte hergeleitet werden“, sagte er. Auch ES Automobilguss wurde mittlerweile per gerichtlicher Verfügung aufgefordert, seine Lieferungen an VW wiederaufzunehmen.

          Ordnungsgeld, Ordnungshaft, Beschlagnahme?

          Das Unternehmen hat dagegen aber Widerspruch eingelegt, über den Ende August vor dem Landgericht Braunschweig verhandelt werden soll. Mysteriös bleibt, worum es in diesem Streit zwischen beiden Unternehmen geht.

          VW hat inzwischen angekündigt, alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen zu wollen, um ein Ende des Lieferstopps zu erreichen. Der Autobauer sei gezwungen, „die zwangsweise Durchsetzung der Belieferung vorzubereiten, und zwar mit den uns zur Verfügung stehenden gesetzlich vorgesehenen Mitteln. Dazu gehören Ordnungsgeld, Ordnungshaft, Beschlagnahme, die über das Gericht beantragt werden“, sagte ein VW-Sprecher am Freitag. „Parallel versuchen wir weiterhin eine gütliche Einigung mit dem Lieferanten herbeizuführen.“ Wenn diese scheitern, könnte also der Gerichtsvollzieher zur Not mit der Polizei im Schlepptau die dringend benötigten Teile vom Lieferanten holen.

          Konkret stellten die Wolfsburger beim Landgericht Braunschweig den Antrag, die Prevent-Tochter Car Trim durch ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro zur  Wiederaufnahme der Lieferungen von Sitzbezügen zu zwingen. Sollte dies nicht fruchten, solle Ordnungshaft gegen den Geschäftsführer
          der Firma angedroht werden, teilte das Gericht am Freitag mit. Car Trim habe nun einige Tage Zeit für eine Stellungnahme. Danach wolle die Zivilkammer entscheiden.

          „Eine Riesenkatastrophe“

          Die IG Metall hat die beiden VW-Zulieferer derweil davor gewarnt, den Streit mit VW auf dem Rücken der Beschäftigten auszutragen. Es wäre nicht nachvollziehbar, Mitarbeiter möglicherweise in Kurzarbeit zu schicken, nur weil das Unternehmen nicht liefern wolle, sagte der Vizechef der IG Metall Zwickau, Thomas Knabel, am Freitag. Bei einem der Zulieferer handelt es sich um die Firma ES Automobilguss aus dem sächsischen Schönheide, die Gussteile für Getriebe herstellt.

          Nächsten Dienstag soll es den Angaben zufolge am Standort Schönheide mit mehr rund 400 Beschäftigten eine Betriebsversammlung geben. „Dann wollen wir Antworten von der Geschäftsführung“, so Knabel. Bisher sei nicht klar, warum es überhaupt Streit mit VW gebe.

          Die Gewerkschaft beobachtet den Lieferstopp mit Sorge: „Das Ganze ist für die Beschäftigten in der Region eine Riesenkatastrophe, weil die Region abhängig vom Automobilbau ist“, sagte Knabel. Falls es in der Folge zu einem Produktionsstopp käme, würde nicht nur Volkswagen Probleme bekommen, sondern der gesamte Zuliefererbereich. VW hat in Sachsen ein Fahrzeugwerk in Zwickau und ein Motorenwerk in Chemnitz.

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