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Nach Affäre um Tierversuche : VW: Keine Forschung mehr mit der Konkurrenz

Treibende Kraft hinter der Aktion: Volkswagenchef Matthias Müller Bild: dpa

Volkswagen zieht weitere Konsequenzen aus den umstrittenen Abgasversuchen mit Affen: Der Autohersteller stellt alle Forschungsprojekte auf den Prüfstand – auch die mit hunderten Hochschulen auf der ganzen Welt.

          Volkswagen will alle Studien- und Forschungsprojekte gründlich überprüfen, an denen der Konzern mittelbar und unmittelbar beteiligt ist. Die Revision ist eine Antwort des Unternehmens auf die Affäre über Abgasversuche mit Affen in Amerika. Wie die F.A.Z. erfuhr, sollen unabhängige Prüfer schon bald die globalen Forschungsaktivitäten mit den ethischen Grundsätzen von VW abgleichen. Konzernchef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sollen die Prüfung auf der Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums am 7. Februar angestoßen haben, „damit so etwas nie wieder vorkommt“, ist von Insidern zu hören. Prüfen soll ein externes Institut. Die Maßnahme, die am Freitag im Aufsichtsrat beraten wird, dürfte dauern: In Deutschland hat Volkswagen 1290 Kooperationen mit mehr als 100 Hochschulen und mehr als 60 Forschungseinrichtungen. International sind es mehr als 1700 Kooperationen mit mehr als 300 Hochschulen und Instituten in 29 Ländern.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist, ist Müller die treibende Kraft hinter der Aktion. Der Volkswagenchef soll entsetzt gewesen sein, als die Versuche mit Affen Ende Januar die Schlagzeilen bestimmten und VW in die nächste Vertrauenskrise stürzte. „Wir sind der Auffassung, dass solche Studien nicht nur unethisch, sondern abstoßend und zutiefst beschämend sind“, sagte Müller damals. Am Freitag wird er dem VW-Aufsichtsrat einen Bericht geben, wie es zu den Versuchen kommen konnte und wer dafür verantwortlich war. Eigentlich sollten auf der Routinesitzung neue Bilanzzahlen im Mittelpunkt stehen, doch das Thema überlagert in Wolfsburg vieles, was wichtig ist. Noch seien nicht alle Unterlagen ausgewertet, einen abschließenden Bericht werde es aber spätestens in einem Vierteljahr geben, heißt es.

          „Nicht immer die glücklichste Rolle“ für VW

          Quelle des Skandals ist die Forschungsvereinigung EUGT. Im Jahr 2007 gründeten Bosch, BMW, Daimler und Volkswagen diese Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor. Nach allem, was die Untersuchungen bislang ergeben hätten, habe Volkswagen bis zur Auflösung der Vereinigung 2017 dort keine der Studien direkt in Auftrag gegeben, berichten Insider. Im Gegenteil: Der Anstoß, die Wirkung der Abgasreinigung für Partikel durch Dieselpartikelfilter zu untersuchen, sei 2011 aus Amerika gekommen. Der damalige Forschungsleiter des amerikanischen Lovelace Respiratory Research Institutes (LRRI) sei Ende 2012 mit dem Studienvorschlag an das EUGT herangetreten. Die Amerikaner schlugen dem Vernehmen nach sogar vor, die Wirkung von Dieselabgasen an Menschen zu prüfen. Das lehnten die Europäer ab. Am Ende kam es zu den Affenversuchen.

          Es hat nicht nur mit dem Vertrauensverlust nach dem Abgasskandal zu tun, dass VW wegen dieser Affenversuche stärker in die Kritik kam als BMW oder Daimler. Volkswagen stellte den Geschäftsführer des EUGT und trug dessen Lohnkosten. Auch das Testauto für den Vergleich mit einem Ford-Diesel, ein VW Beetle, wurde bei den Affenversuchen von Volkswagen gestellt. Das Unternehmen habe „da nicht immer die glücklichste Rolle gespielt“, räumen Insider in Wolfsburg heute ein. Einen weiteren heiklen Punkt gibt es: Dass bei den Tierversuchen ein VW benutzt wurde, soll ein Manager des Unternehmens veranlasst haben. Die Rede ist von einem „führenden Entwickler“, der die Affenversuche auch gegen interne Bedenken unterstützt haben soll.

          Das mag das Verbindungsstück sein, mit dem der amerikanische Klägeranwalt Michael Melkersen glaubte, eine Verbindung zwischen dem unethischen Verhalten im Abgasskandal und beim Affenversuch gefunden zu haben. Nach allem, was bekannt sei, habe es sich bei den Tierversuchen nicht um eine Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen von Stickoxiden gehandelt, sondern um die Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkung von Dieselpartikeln – also „Feinstaub“, berichten dagegen Insider bei VW.

          Ein Ethikkatalog für eine neue Unternehmenskultur

          Müller will dem Aufsichtsrat am Freitag alle Erkenntnisse vortragen, die er bis dahin über die Affenversuche zusammengetragen hat. Zudem soll es bei Volkswagen künftig einen Ethikkatalog geben. Der Vorstandchef wolle „eine Unternehmenskultur schaffen, die für solche Vorgänge sensibler ist“, ist in Wolfsburg zu hören. Dazu gehöre nicht nur, dass jetzt alle Kooperationen mit Universitäten bis hin zu Doktorarbeiten, die VW unterstützt, überprüft werden. Auch konzernübergreifende Kooperationen wie das EUGT wollten die Wolfsburger nicht mehr. Nach Informationen der F.A.Z. will der Aufsichtsrat am Freitag deswegen auch den Ausstieg aus dem 1996 gegründeten Abgaszentrum der Automobilindustrie (ADA) beschließen.

          Audi, BMW. Daimler, Porsche und VW testen dort Abgasnachbehandlungssysteme. Sogar die renommierte Volkswagen-Stiftung in Hannover könnte vom Großreinemachen nach dem Affenskandal betroffen sein. Der Name dieser größten Wissenschaftsstiftung in Deutschland ist irreführend, weil es sich anders als zum Beispiel bei der Bertelsmann-Stiftung nicht um eine Unternehmensstiftung handelt. Den Grundstock der Stiftung bildeten Anfang der sechziger Jahre die Erlöse der Privatisierung von VW. Niedersachsen führt bis heute einen Großteil seiner Dividenden aus der VW-Beteiligung des Landes zur Forschungsförderung an sie ab. Ob der Name bleiben wird, ist nach den Affenversuchen offen. „Das werden wir uns anschauen“, heißt es in Wolfsburg.

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