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Machtkampf bei Volkswagen : VW-Präsidium vertagt Entscheidung über Konzernchef Diess

  • Aktualisiert am

Was wird aus Herbert Diess? Bild: Reuters

Entgegen der Ankündigung haben Eigentümer und Kontrolleure nicht über die Zukunft des VW-Chef entschieden. Doch damit ist der tiefgehende Streit noch nicht behoben. Herbert Diess will den Autohersteller tiefgreifend wandeln.

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          Der innere Machtzirkel des Aufsichtsrats von Volkswagen hat bei seinen Beratungen am Dienstag nicht über eine Vertragsverlängerung für Konzernchef Herbert Diess entschieden. Das achtköpfige Präsidium sei nach Beratungen am Abend auseinander gegangen, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Diess habe im Vorfeld der Sitzung seine Anliegen vorgebracht und die Anteilseigner um Unterstützung gebeten, sagte eine weitere Person.

          Eine Vertragsverlängerung habe nicht zur Debatte gestanden. „Das Präsidium lässt sich nicht zu einer Entscheidung drängen, es gibt keine Eile“, sagte der Insider. Details der Gespräche wurden zunächst nicht bekannt. Volkswagen äußerte sich nicht. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zuvor aus Unternehmenskreisen berichtet, Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch suche nach Möglichkeiten, um eine Führungskrise zu vermeiden. Sollte ein Kompromiss gefunden werden, könne darüber in den nächsten Tagen diskutiert und kommende Woche im Aufsichtsrat entschieden werden.

          Diess hatte Insidern zufolge nach zermürbendem Streit mit dem Betriebsrat eine vorzeitige Verlängerung seines bis 2023 laufenden Vertrags als Vertrauensbeweis gefordert, dass der Aufsichtsrat seinen Kurs beim Umbau des Autoherstellers unterstütze. Aufgebrochen war der neue Konflikt Eingeweihten zufolge an seinem Wunsch, Schlüsselressorts im Konzernvorstand mit Managern zu besetzen, mit denen er glaubt, Volkswagen schneller zu einem Technologiekonzern umbauen zu können.

          Diess will Volkswagen breiter aufstellen

          Nach Diess' Vorstellung soll der Konzern neben Elektroautos auch die Software für selbstfahrende Fahrzeuge und digitale Dienste anbieten. Während das Ziel von den Eignern geteilt wird, stoßen sich viele am Vorgehen von Diess. Personen mit Kenntnis der Situation berichteten, einige Aufsichtsratsmitglieder hätten kritisiert, dass der „höchste Angestellte des Konzerns“ die Eigner mit seinen Forderungen unter Druck setze.

          Der frühere BMW-Manager war Mitte 2015 – wenige Wochen vor der Aufdeckung des Dieselskandals durch die amerikanischen Umweltbehörden – zu Volkswagen gekommen und treibt seither den Wechsel in die Elektromobilität voran. Unter seiner Leitung als Markenchef entstand der Elektrobaukasten MEB, auf dem die von VW entwickelten ID-Modelle basieren, mit denen die Wolfsburger an Tesla vorbeiziehen und zum größten E-Autobauer aufsteigen wollen.

          Fachleute rechnen schon im kommenden Jahr damit. Der Aufsichtsrat stattete Diess jüngst mit einem Riesen-Budget von 73 Milliarden Euro für die kommenden Jahre aus. Bis 2025 steckt der weltgrößte Autobauer allein 35 Milliarden Euro in neue E-Autos und die Umrüstung der Werke, 2 Milliarden mehr als in der bisherigen Planung vorgesehen war. Diess hat mehrfach klargemacht, dass er die aus seiner Sicht verkrusteten Strukturen aufbrechen und Volkswagen flexibler machen will, um in der Transformation der Branche zu bestehen.

          Diess sieht verkrustete Strukturen in Wolfsburg

          In einem auf LinkedIn veröffentlichten Beitrag räumte der 62 Jahre alte Manager ein, dass ihm dies an vielen Stellen gelungen sei, an einigen jedoch nicht, „allen voran in unserer Konzernzentrale in Wolfsburg noch nicht“. Dort ist die Macht der Arbeitnehmervertretung besonders ausgeprägt. Erschwerend kommt in diesem Jahr die Corona-Krise hinzu, in deren Folge der Absatz eingebrochen ist. Neben den Kosten für den Umbau erhöht sich dadurch der Druck für ein neues Sparprogramm.

          Dabei geht Diess keinem Konflikt aus dem Weg: In einem Grußwort anlässlich des Festakts zum 75-jährigen Bestehen der Mitbestimmung bei Volkswagen mahnte er vergangene Woche, in den kommenden Jahren müssten mutige Entscheidungen getroffen werden, um den Konzern mit seinen über 600.000 Arbeitsplätzen zu sichern. „Effizienzsteigerungen sind notwendig und für den Fortbestand von Unternehmen nicht zu unterschätzen“, erklärte er. Durch die Mehrheitsverhältnisse bei Volkswagen spielten das Land Niedersachsen als Großaktionär und der Betriebsrat eine besonders wichtige Rolle für Richtungsentscheide – das gelte auch für die Besetzung von Spitzenpositionen.

          Im kommenden Jahr muss die Nachfolge von Konzern-Finanzchef Frank Witter geregelt werden, der im Juni aus familiären Gründen ausscheiden will. Für Witters Nachfolge favorisiert Diess Insidern zufolge Arno Antlitz, derzeit Finanzvorstand bei der Tochtergesellschaft Audi. Der Betriebsrat lehnt Antlitz ab. Mit ihm waren die Arbeitnehmervertreter in seiner Zeit als Finanzchef der Marke VW wiederholt aneinandergeraten.

          Außerdem muss seit dem Rückzug von Stefan Sommer das Beschaffungsressort besetzt werden, das Witter seit dem Frühsommer kommissarisch mitverantwortet. Für den Bereich ist Murat Aksel im Gespräch, der diesen Posten bisher bei der Marke VW innehat, heißt es in Konzernkreisen. Zudem werde über eine Zusammenlegung des Produktions- und Komponentenressorts mit Thomas Schmall an der Spitze diskutiert, der bisher die Komponentensparte leitet.

          Die Arbeitnehmer beharren Insidern zufolge auf einer Paketlösung, bei der sie ihre Vorstellungen einbringen wollen. Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte unlängst erklärt, er sei zuversichtlich, dass der Aufsichtsrat – „wenn es dann soweit ist – die richtige Wahl treffen wird, um mit den richtigen Kandidatinnen (oder vielleicht auch Kandidaten) die Transformation der nächsten Jahre zu gestalten“.

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