https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/vw-plant-in-usa-milliardeninvestitionen-und-eine-neue-batteriefabrik-17895401.html

Milliarden-Investitionen : So will VW in Amerika endlich aus der Nische kommen

Eine US-amerikanische Flagge spiegelt sich im Logo eines Volkswagens. Bild: dpa

Deutschlands bedeutendster Autokonzern hat sich in den Vereinigten Staaten vom Dieselskandal erholt, aber der Marktanteil bleibt überschaubar. Das soll sich mit einer Investitionsoffensive ändern.

          3 Min.

          Der amerikanische Markt ist für Volkswagen lange ein Sorgenkind gewesen. Der deutsche Autohersteller war hier chronisch defizitär, und hier hinterließ auch die Affäre um Manipulationen von Dieselautos besonders große Spuren. VW sei in Amerika von einer „kulturellen Ikone“ in die „Irrelevanz“ abgestiegen, und die Dieselaffäre habe den Konzern „unbeliebt“ gemacht, fasste Amerikachef Scott Keogh am Montag die Entwicklung der zurückliegenden Jahrzehnte zusammen. Ziel sei es jetzt, die Marke „wieder gemocht und geliebt“ zu machen.

          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Schon im vergangenen Jahr hatte VW in Nordamerika wieder Gewinn gemacht, wobei der Konzern mit einem Marktanteil von etwa 4 Prozent weiter ein Nischenanbieter blieb. Eine Investitionsoffensive soll jetzt den Sprung nach vorne bringen. Am Montag teilte das Unternehmen mit, in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko innerhalb der nächsten fünf Jahre insgesamt 7,1 Milliarden Dollar ausgeben zu wollen. Die Summe ist Teil der im Dezember angekündigten konzernweiten Investitionsplanung von 159 Milliarden Euro. Ein wichtiger Baustein in diesen Plänen ist Elektromobilität: In den USA will VW eine Batterieproduktion aufbauen und damit dem Beispiel des Wettbewerbers Mercedes-Benz folgen, der vor einer Woche ein Batteriewerk in Alabama eröffnet hat.

          Zum Standort machte Volkswagens Amerikachef Scott Keogh am Montag noch keine Angaben. VW gab außerdem das Ziel aus, bis 2030 mehr als 25 Elek­troautos auf den amerikanischen Markt zu bringen. Bis dahin sollen 55 Prozent des Jahresabsatzes in dem Markt auf Elektrofahrzeuge entfallen, womit VW etwas über der Vorgabe des US-Präsidenten Joe Biden liegen würde, der bis 2030 einen Anteil emissionsfreier Fahrzeuge von 50 Prozent fordert. VW verkauft heute in Amerika sein Elektroauto ID4, einen sportlichen Geländewagen (SUV), der bisher aus Deutschland importiert wird, von diesem Herbst an aber auch im US-Werk in Chattanooga gefertigt werden soll. 2024 soll der Bulli-Nachfolger ID Buzz kommen, für 2026 sind weitere SUVs geplant. Es gibt auch Spekulationen, wonach VW einen elektrischen Pick-up-Transporter entwickeln und damit ein in den USA besonders wichtiges Produktsegment erschließen will. Keogh nannte dazu noch keine Details, sagte aber, er halte dies für eine „gute Idee“.

          Mehr als 400.000 in diesem Jahr

          VW-Vorstandschef Herbert Diess hatte schon in der vergangenen Woche eine Offensive angekündigt, um die Position in Amerika zu stärken. Es gehe darum, die „globale Tätigkeit auszubalancieren“, also weniger abhängig von dominierenden Absatzmärkten des Konzerns in Europa und China zu werden, sagte er. „Wir haben eine Schwäche in den USA, hierauf konzentrieren wir uns.“ Zuletzt stand Nordamerika für gut 9 Prozent der globalen Verkäufe im VW-Konzern, Südamerika für knapp 6 Prozent. Die Region Asien-Pazifik mit dem größten Markt China vereinte gut 41 Prozent auf sich, Europa und der Rest der Welt knapp 44 Prozent.

          Diese Unwucht in der globalen Präsenz beschäftigt den Konzern schon länger, aber durch den Ukrainekrieg hat sie neue Brisanz bekommen. Nach dem Angriff Russlands auf das Nachbarland fehlen den europäischen Autofabriken Bauteile, die bislang aus Werken in der Westukraine kommen, allen voran Kabelbäume. Zusammen mit einem möglichen Dämpfer für die Konjunktur dürfte das die Auslieferungen in der Region empfindlich beeinträchtigen. Auch in China wachsen die Risiken, nicht zuletzt weil sich die Volksrepublik von Putins Aggression nicht distanziert. Je nachdem, wie der Konflikt verläuft, scheinen eingeschränkte Geschäfte in China für VW nicht mehr völlig ausgeschlossen.

          VW hat in Amerika frühe Erfolge errungen und in den Wirtschaftswunderjahren mit Modellen wie dem Käfer und dem Bulli einen Nerv getroffen, konnte später jedoch wegen unzureichenden Fahrzeugangebots und scharfen Wettbewerbs nicht mehr daran anknüpfen. Zwischenzeitlich herrschte Aufbruchstimmung, als 2011 das Werk in Chattanooga eröffnete, um speziell auf den US-Markt zugeschnittene Autos zu bauen. Aber nach anfänglichem Schub schwächte sich das Geschäft wieder ab, und dann stürzte der Dieselskandal das Unternehmen in die tiefste Krise seiner Geschichte.

          Diese Affäre ist inzwischen in den Hintergrund gerückt, im vergangenen Jahr konnte VW seine Verkaufszahlen in Amerika wieder um 15 Prozent auf 375.000 Fahrzeuge steigern und war profitabel. Im laufenden Jahr will Amerikachef Keogh mehr als 400.000 schaffen, und dann „ziemlich schnell“ mehr als 500.000. Der heutige Marktanteil von 4 Prozent soll sich mittelfristig mehr als verdoppeln, hatte VW zuletzt schon als Ziel ausgegeben.

          Weitere Themen

          Neue Klötzchen gegen die Krise

          Lego : Neue Klötzchen gegen die Krise

          Der Spielzeugkonzern bietet so viele Bausets wie noch nie an. Doch Lego ist das nicht genug, erklärt der Chef. Die Vielfalt soll auch helfen, Risiken der Rezession abzufedern.

          Topmeldungen

          Luiz Inácio Lula da Silva im Wahlkampf in Curitiba

          Brasilien-Wahl : Mit Lula zurück nach vorn

          Bolsonaros ärgster Kontrahent hat einen Trumpf – die Vergangenheit. Die goldene Zeit in Brasilien aber hatte ihren Preis: Korruption.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.