https://www.faz.net/-gqe-87i99

VW Führungsstreit : Der lange Schatten des Patriarchen

Ferdinand Piëch, Patriarch von Volkswagen, war eigentlich schon mal weg. Jetzt ist er plötzlich wieder da. Bild: dpa

Martin Winterkorn bleibt Vorstandschef bei Volkswagen. Hans Dieter Pötsch wird Vorsitzender des Aufsichtsrats. Geplant war es eigentlich umgekehrt.

          Lange nichts gehört von Ferdinand Piëch. Der Mann, inzwischen 78 Jahre alt, der mehr als zwei Jahrzehnte lang erst als Vorstands- und dann als Aufsichtsratschef die Geschicke von Volkswagen bestimmte, der geniale Ingenieur und Autofanatiker, den sie an einem Samstagnachmittag im Frühling mit Aufsichtsratsmehrheit wegen anhaltender und unheilbarer Halsstarrigkeit vom Hof gejagt hatten, ist abgetaucht.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damals, an jenem 25. April 2015, mussten nicht nur Ferdinand Piëch, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, sondern auch seine Frau Ursula Piëch mit sofortiger Wirkung aus dem Aufsichtsrat ausscheiden. Piëch, der sich brüsk von seinem langjährigen Ziehsohn, VW-Vorstand Martin Winterkorn, abgewandt hatte („bin auf Distanz“), war mit seinem öffentlich inszenierten Putschversuch krachend gescheitert: Winterkorn blieb Vorstandschef, gestärkt durch das schriftlich abgegebene Versprechen einer künftigen Vertragsverlängerung. Piëch hingegen war kein einziges Mandat im VW-Konzern geblieben. Sein Traum, Ehefrau Ursula („Uschi“) zur Nachfolgerin zu inthronisieren und damit ein dynastisches Prinzip im Familienkonzern zu begründen, war ebenfalls zerronnen. Am Ende musste Piëch auch sein Büro in Salzburg räumen; seine beiden Assistenten wurden anderweitig im Konzern versorgt.

          Fachsimpeln bei Dinnerparty im Taunus

          Fortan hat der Alte, immer schon ein wenig öffentlichkeitsscheu, sich weder bei der VW-Hauptversammlung noch beim Porsche-Aktionärstreffen (wo er bis heute im Aufsichtsrat sitzt) und auch sonst nirgends mehr blicken lassen, sieht man einmal ab von einer Dinner-Party mit Spitzenmanagern in einem Nobelhotel in Kronberg bei Frankfurt, wo er sich mit Ex-Bosch-Chef Franz Fehrenbach zusammen ablichten ließ, vermutlich beim Fachsimpeln über die neuesten Einspritzsysteme nebst zugehörigen Drehmomenten. Dass Piëch freilich jetzt der Muße frönt und in den österreichischen Bergen wandern oder an den Alpenbächen fischen geht, konnte sich keiner vorstellen.

          Bei VW ging derweil alles seinen interimistischen Gang, ohne den Alten, aber mit vielen anderen Alten: Im Aufsichtsrat übernahm Piëchs Stellvertreter Berthold Huber, ehemals IG-Metall-Chef und 65 Jahre alt, die Führung – ausdrücklich nur übergangsweise. Ziehsohn Winterkorn, inzwischen 68, zeigte sich irgendwie befreit vom Übervater, dem man nachsagt, er habe sich zuweilen mehrfach die Woche eingemischt ins operative Geschäft und die Einführung neuer Modellreihen verzögert, weil ihm am neuen Stoßfänger etwas nicht gepasst hat (so etwas kann Millionen kosten, weil dann auch neue Werkzeugmaschinen für die Fertigung gebraucht werden).

          „Mich gibt es noch“, ließ Winterkorn im Frühsommer aus New Yorker Ferne in der „Bild am Sonntag“ trotzig triumphierend sich zitieren. Ein später antiautoritärer Frühling hatte den als nüchtern bekannten Schwaben ergriffen: Plötzlich darf man auch in Wolfsburg offen den giftigen Spott zitieren, VW sei „Nordkorea minus Arbeitslager“, der, als ihn der „Spiegel“ erstmals druckte, als Bösartigkeit ahnungsloser Journalisten zurückgewiesen wurde. Winterkorn schwärmt jetzt von Kulturwandel („Change“), verspricht, das Führungsmodell „schlanker, schneller und effizienter“ zu machen, und sieht die Automobilwelt am Vorabend eines historischen Umbruchs. Seine PR-Leute wurden ausgeschickt, die Story von der Dezentralisierung zu erzählen und dass ein so riesiger Konzern eben nicht mehr zentralistisch-autoritär geführt werden könne. Unwirsch reagieren sie in Wolfsburg auf die Frage, wie es sein könne, dass derselbe Mann, Martin Winterkorn, der früher ganz und gar das zentralistische „System Piëch“ stützte, nun glaubhaft die Wende zur Dezentralisierung verkörpern könne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AfD-Niederlage in Görlitz : Kein Grund zum Aufatmen

          Die Niederlage des AfD-Kandidaten in Görlitz zeigt: In Städten haben es die Rechtspopulisten schwer. Trotzdem ist Görlitz für die sächsische CDU noch kein Zeichen für eine Wende. Im Gegenteil.

          Koalition : Besser als ihr Ruf

          Die Koalition ist nicht so schlecht, wie sie gemacht wird. Die Einigung über die Grundsteuer ist ein großer, die über den „Soli“ ein längst überfälliger Schritt. Die großen Brocken kommen aber erst noch. Ein Kommentar

          Neue Prognosen : Wird die Pkw-Maut zum Minusgeschäft?

          Interne Zahlen aus dem Verkehrsministerium zeigen: Aus den erhofften 500 Millionen Euro wird wohl nichts – schuld sind Veränderungen in der Fahrzeugflotte. Die Grünen geißeln das Lieblingsvorhaben von Verkehrsminister Scheuer als „teures und sinnloses Stammtischprojekt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.