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Herbert Diess : Der Drängler von Volkswagen

Volkswagen-Chef Herbert Diess hat viel vor. Bild: Bloomberg

VW-Chef Herbert Diess hat klare Vorstellungen von der Zukunft der Branche. Die will er durchsetzen. Dabei entdeckt er auch Sympathien für Greta Thunberg.

          4 Min.

          In den Konzernetagen auf dem Wolfsburger VW-Gelände am Mittellandkanal machen Mitarbeiter keinen Hehl daraus, wie zufrieden sie mit dem Vorstoß ihres Chefs sind. „In Berlin wird über die VW-Vorschläge aktiv und angeregt debattiert“, heißt es.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Vorschläge? Dahinter steckt das Strategiepapier von Volkswagen-Chef Herbert Diess, in dem VW der Berliner Politik und der deutschen Autobranche Vorschläge macht, wie die Elektromobilität in Deutschland mit mehr Wucht und Subventionen durchgesetzt werden sollte. Die Vorstandschefs der anderen deutschen Autokonzerne setzte Diess mit seinem politisch geschickt über Bande gespielten Vorstoß unter Druck.

          „Zur Elektromobilität gibt es mindestens im nächsten Jahrzehnt keine gleichrangige oder gleichwertige Alternative“, heißt es bei VW. Brennstoffzelle? Alternative Kraftstoffe? Bis zum Jahr 2030 sei das zu wirtschaftlich vertretbaren Bedingungen nicht zu schaffen. Diess hat sie überrumpelt, am Ende folgten ihm die anderen, zögernden Autobosse nach einem 20 Minuten kurzen Gespräch am Mittwochabend.

          Diess, seit knapp einem Jahr an der Spitze des größten europäischen Autokonzerns, setzt bei Volkswagen mit der Elektromobilität alles auf eine Karte. Nur so kann das Unternehmen die strengen CO2-Auflagen erfüllen, die die EU und auch die deutsche Politik der Branche verordnet hat.

          Der Kostenkiller

          Der 60 Jahre alte Österreicher, der im Sommer 2015 von BMW nach Wolfsburg kam, um die renditeschwache Kernmarke zu sanieren, gilt als „Kostenkiller“. So einen brauchte Volkswagen schon damals. Jetzt, nach dem Diesel-Skandal und der politischen Diskussion über Diesel-Fahrverbote und Klimaschutz, muss Diess als Konzernchef mit der Transformation von VW mehr leisten, als nur die Kosten zu senken.

          Er hat sich unter dem Druck der Politik entschieden: Diess will das Schmuddelkind VW mit seiner Offensive für Elektroautos zum ökologischen Musterknaben machen. Auf der Betriebsversammlung im Wolfsburger Stammwerk zeigte er in dieser Woche gar Sympathie für die schwedische Klimaschützerin Greta Thunberg und für die Freitagsdemonstrationen von Schülern. Die – so Diess – hätten „Angst um unseren Planeten“.

          Dass die schärfsten Kritiker Volkswagens während der Diesel-Krise, Grüne und die politische Linke, VW jetzt dafür loben, wird in Wolfsburg aufmerksam registriert. Ob die Rechnung am Ende für VW aufgeht und die Kunden bis zum Jahr 2030 wirklich zu 40 Prozent Elektroautos kaufen, hängt nicht nur davon ab, ob die Elektroautos der I.D.-Familie zünden, die VW vom Jahresende an auf den Markt drücken will.

          Eine vernünftige Ladeinfrastruktur fordert der VW-Chef, dazu steuerliche Subventionen für die Käufer von E-Autos. Das soll die Politik nicht nur mit Hilfe der Peitsche der verschärften CO2-Grenzwerte, sondern auch mit dem Zuckerbrot großzügiger staatlicher Subventionen durchsetzen. Dass VW dabei vor allem Kleinwagen fördern und selbst stärker profitieren will als die Wettbewerber, stieß bei denen zwar übel auf. Im Grundsatz weiß Diess seine Kollegen jetzt aber hinter sich.

          Als Vorreiter einer grünen Planungswirtschaft stieß der Volkswagen-Chef lange vor allem bei denen in der Branche auf Widerstand, die fürchten, dass die einseitige Konzentration auf das Elektroauto die Autoindustrie auch in die Sackgasse manövrieren könnte.

          Diess ist dagegen ganz klar: „Jetzt gilt es, alle Kräfte auf ein Ziel auszurichten.“ Technologieoffenheit für andere Antriebe sei jetzt die falsche Parole und führe nur dazu, den Systemwandel weiter in die Zukunft zu verlegen. „Es gilt, die politischen und gesellschaftlichen Kräfte auf den Systemwechsel zur E-Mobilität zu bündeln.“

          „Produktivität in Fleisch und Blut“

          Bei Volkswagen hat er die Anteilseigner von seinem Weg überzeugt. Mit den Familien Porsche und Piëch berät Diess sich regelmäßig und reist dafür nach Salzburg. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bekommt mit Diess’ Strategie in Emden und Hannover zwei Fabriken so umgerüstet, dass sie nach dem Werk im sächsischen Zwickau als erste VW-Werke auf Elektromobilität umgestellt werden.

          Als Diess von BMW nach Wolfsburg wechselte und Chef der Marke VW wurde, tat er sich anfangs schwer mit der Wolfsburger Welt. Dem Mann, der – wie es einer seiner Vorstandskollegen sagte – „die Produktivität in Fleisch und Blut hat“, waren die Wolfsburger Mauern von Betriebsrat und niedersächsischer Landespolitik fremd. Doch Diess hat gelernt.

          Im Jahr 2016 verhinderten die Porsches und Piëchs seinen Sturz, nachdem er sich mit Betriebsratschef Bernd Osterloh um Effizienz und Arbeitsplätze einen Kampf bis aufs Messer geliefert hatte. Im April 2018 übernahm er neben dem Vorstandsvorsitz der Marke VW auch den des Konzerns. Die Eigentümer erwarteten sich von Diess mehr Tempo und Durchsetzungskraft bei der Transformation von VW als von seinem Vorgänger Matthias Müller.

          „Eine Kerze, die von beiden Seiten brennt“

          Diese Erwartungen hat Diess erfüllt. In der Planung jedenfalls. Kein deutsches Autounternehmen setzt mit solcher Wucht alles auf die Elektromobilität wie VW. Die Renditeziele, die er allen Marken des Konzerns verordnet hat, sind ehrgeizig.

          Als Konzernchef steuert er neben der Kernmarke VW mittlerweile auch das China-Geschäft, kümmert sich um die Zusammenarbeit mit Microsoft beim vernetzten Auto und entscheidet über Auswahl und Förderung der nächsten Managergeneration. Diess bestimmt die Richtung des Konzerns damit weit in die Zukunft.

          Zupackend sei er, sagen die einen. Diess habe klare Ziele und kämpfe dafür, sie durchzusetzen. Beratungsresistent sei er, sagen die anderen. Widerspruch ertrage er schwer. Vom Kulturwandel bei VW, von dem sein Vorgänger Müller oft und gern sprach, ist von Diess dreieinhalb Jahre nach dem Diesel-Skandal nicht mehr viel zu hören. Ihn interessiert die Zukunft, nicht die Vergangenheit.

          „Wir wollen nicht zum Hardware-Lieferanten für Google und Apple werden“, rief er den VW-Mitarbeitern auf der letzten Betriebsversammlung zu. „Es ist heute keine ausgemachte Sache, dass wir den Wandel schaffen.“ Diess drängelt. Er fordert Tempo und Einsatz und lebt beides vor. „Er ist wie eine Kerze, die von beiden Seiten brennt“, sagt einer, der ihn gut kennt.

          Analysten und Investoren wissen das zu schätzen. Kostensenkung und Konzentration auf Elektromobilität: Diess verspricht die Transformation, die sie sich erhoffen. Noch sind das alles aber nur Ankündigungen, erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Rechnung aufgeht. Deswegen drängt der VW-Chef den Branchenverband und seine Kollegen von BMW und Daimler, gemeinsam mehr Subventionen und Hilfen vom Staat für E-Autos zu fordern.

          Im eigenen Haus schart Diess zunehmend Manager seines Vertrauens um sich. Die Kultur des Widerspruchs, mit der VW den Diesel-Skandal und die Ära Winterkorn hinter sich lassen wollte, scheint nicht zu seinen wichtigsten Zielen zu gehören. „Ebit macht frei“, sagte er kürzlich wiederholt während eines Treffens mit Managern.

          Die Parallele zum Spruch „Arbeit macht frei“, den die Nationalsozialisten über Konzentrationslagern angebracht hatten, hat vor allem in der englischen Presse einen Entrüstungssturm ausgelöst. Solche Sätze befremden, gerade wenn sie der Chef eines Unternehmens äußert, das 1938 von den Nazis gegründet wurde. Schlimmer noch ist, dass hinterher keiner der Manager zu Diess gegangen sein soll, um ihn wegen dieser Aussagen zur Rede zu stellen.

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