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Herbert Diess : Der Drängler von Volkswagen

„Produktivität in Fleisch und Blut“

Bei Volkswagen hat er die Anteilseigner von seinem Weg überzeugt. Mit den Familien Porsche und Piëch berät Diess sich regelmäßig und reist dafür nach Salzburg. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bekommt mit Diess’ Strategie in Emden und Hannover zwei Fabriken so umgerüstet, dass sie nach dem Werk im sächsischen Zwickau als erste VW-Werke auf Elektromobilität umgestellt werden.

Als Diess von BMW nach Wolfsburg wechselte und Chef der Marke VW wurde, tat er sich anfangs schwer mit der Wolfsburger Welt. Dem Mann, der – wie es einer seiner Vorstandskollegen sagte – „die Produktivität in Fleisch und Blut hat“, waren die Wolfsburger Mauern von Betriebsrat und niedersächsischer Landespolitik fremd. Doch Diess hat gelernt.

Im Jahr 2016 verhinderten die Porsches und Piëchs seinen Sturz, nachdem er sich mit Betriebsratschef Bernd Osterloh um Effizienz und Arbeitsplätze einen Kampf bis aufs Messer geliefert hatte. Im April 2018 übernahm er neben dem Vorstandsvorsitz der Marke VW auch den des Konzerns. Die Eigentümer erwarteten sich von Diess mehr Tempo und Durchsetzungskraft bei der Transformation von VW als von seinem Vorgänger Matthias Müller.

„Eine Kerze, die von beiden Seiten brennt“

Diese Erwartungen hat Diess erfüllt. In der Planung jedenfalls. Kein deutsches Autounternehmen setzt mit solcher Wucht alles auf die Elektromobilität wie VW. Die Renditeziele, die er allen Marken des Konzerns verordnet hat, sind ehrgeizig.

Als Konzernchef steuert er neben der Kernmarke VW mittlerweile auch das China-Geschäft, kümmert sich um die Zusammenarbeit mit Microsoft beim vernetzten Auto und entscheidet über Auswahl und Förderung der nächsten Managergeneration. Diess bestimmt die Richtung des Konzerns damit weit in die Zukunft.

Zupackend sei er, sagen die einen. Diess habe klare Ziele und kämpfe dafür, sie durchzusetzen. Beratungsresistent sei er, sagen die anderen. Widerspruch ertrage er schwer. Vom Kulturwandel bei VW, von dem sein Vorgänger Müller oft und gern sprach, ist von Diess dreieinhalb Jahre nach dem Diesel-Skandal nicht mehr viel zu hören. Ihn interessiert die Zukunft, nicht die Vergangenheit.

„Wir wollen nicht zum Hardware-Lieferanten für Google und Apple werden“, rief er den VW-Mitarbeitern auf der letzten Betriebsversammlung zu. „Es ist heute keine ausgemachte Sache, dass wir den Wandel schaffen.“ Diess drängelt. Er fordert Tempo und Einsatz und lebt beides vor. „Er ist wie eine Kerze, die von beiden Seiten brennt“, sagt einer, der ihn gut kennt.

Analysten und Investoren wissen das zu schätzen. Kostensenkung und Konzentration auf Elektromobilität: Diess verspricht die Transformation, die sie sich erhoffen. Noch sind das alles aber nur Ankündigungen, erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Rechnung aufgeht. Deswegen drängt der VW-Chef den Branchenverband und seine Kollegen von BMW und Daimler, gemeinsam mehr Subventionen und Hilfen vom Staat für E-Autos zu fordern.

Im eigenen Haus schart Diess zunehmend Manager seines Vertrauens um sich. Die Kultur des Widerspruchs, mit der VW den Diesel-Skandal und die Ära Winterkorn hinter sich lassen wollte, scheint nicht zu seinen wichtigsten Zielen zu gehören. „Ebit macht frei“, sagte er kürzlich wiederholt während eines Treffens mit Managern.

Die Parallele zum Spruch „Arbeit macht frei“, den die Nationalsozialisten über Konzentrationslagern angebracht hatten, hat vor allem in der englischen Presse einen Entrüstungssturm ausgelöst. Solche Sätze befremden, gerade wenn sie der Chef eines Unternehmens äußert, das 1938 von den Nazis gegründet wurde. Schlimmer noch ist, dass hinterher keiner der Manager zu Diess gegangen sein soll, um ihn wegen dieser Aussagen zur Rede zu stellen.

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