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Brandrede des VW-Chefs : Steht die deutsche Autoindustrie wirklich vor dem Abstieg?

VW-Chef Herbert Diess: „Aus heutiger Sicht stehen die Chancen vielleicht bei 50:50, dass die deutsche Automobilindustrie in zehn Jahren noch zur Weltspitze gehört.“ Bild: AP

VW-Chef Diess warnt mit drastischen Worten vor einem „existenzbedrohendenden Feldzug“ gegen das Auto und dem Abstieg der deutschen Schlüssel-Industrie in die Zweitklassigkeit. Unrecht hat er damit nicht.

          Niemand kann in die Zukunft sehen, auch Herbert Diess nicht. Was der VW-Chef an diesem Dienstag in Wolfsburg zur Lage einer Schlüsselbranche Deutschlands zu sagen hatte, lässt jedoch extrem aufhorchen: „Aus heutiger Sicht stehen die Chancen vielleicht bei 50:50, dass die deutsche Automobilindustrie in zehn Jahren noch zur Weltspitze gehört“, sagte Diess dem Redetext zufolge. Wer sich ehemalige Auto-Hochburgen wie Detroit, Oxford-Cowley oder Turin anschaue, der wisse, „was mit Städten passiert, in denen einst starke Konzerne und Leitindustrien schwächeln“.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Der Chef des größten Autoherstellers der Welt zählt gleich mehrere große bis gigantische Probleme auf. Er verweist auf den Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China, auf drohende amerikanische Importzölle auf Autos aus Deutschland, auf den Brexit, weltweite politische Instabilität und die stark angeschlagenen Beziehungen zu Russland und der Türkei. „Als wäre dies alles nicht schon herausfordernd genug, üben sich Regulatoren in bisher unbekannter Hast darin, unserer Branche neue Technikvorgaben zu machen“, schimpft Diess.

          Konkret moniert er die neuen und sehr strengen CO2-Richtlinien für Autos, die ab 2030 zugelassen werden, und die „beinahe hysterische Stickoxiddiskussion um wenige Problemzonen in unseren Städten“ samt der jüngst ausgesprochenen Fahrverbote. Seine Schlussfolgerung: Der „jetzige Feldzug gegen die individuelle Mobilität und damit gegen das Auto nimmt existenzbedrohende Ausmaße an“.

          „Dann wird E-Mobilität wirklich zum Wahnsinn“

          Es fällt auf, dass Diess in seiner Rede mit keinem Wort darauf eingeht, dass sein eigener Konzern Kunden, Behörden und die Öffentlichkeit jahrelang betrogen hat, indem der Schadstoffausstoß von Diesel-Motoren auf Prüfständen nach unten manipuliert wurde. Es fällt außerdem auf, dass der Konzernchef derzeit mit hoher kommunikativer Drehzahl unterwegs ist. Wenn eine Batterie mit Kohlestrom hergestellt und das zugehörige Auto dann auch noch mit Kohlestrom aufgeladen werde, dann „wird E-Mobilität wirklich zum Wahnsinn“, warnte Diess erst vor ein paar Tagen.

          An vielen der von ihm aufgezählten Probleme (Brexit, Zölle, politische Instabilität) leidet zudem nicht die deutsche Autoindustrie alleine, sondern alle exportorientierten Branchen – vom Maschinenbau bis hin zur Chemie-Industrie.

          Insofern lohnt es sich, den Blick auf die speziellen Herausforderungen der Autohersteller und ihrer Zulieferer zu richten. An ihrer Bedeutung besteht kein Zweifel, sie beschäftigen in Deutschland mehr als 800.000 Menschen. Zählt man das KFZ-Handwerk dazu, kommen nochmal 460.000 Angestellte obendrauf. Aber auch ohne die Werkstätten setzte die deutsche Autobranche allein im vergangenen Jahr ihrem Verband zufolge etwa 500 Milliarden Euro um. Das ist eine gigantische Summe.

          E-Auto-Ziele der Bundesregierung sind gescheitert

          Zu den spezifischen Herausforderungen der Branche zählt, dass die CO2-Ziele der EU extrem ehrgeizig sind. Ihre Mitgliedstaaten haben sich am 9. Oktober darauf geeinigt, dass Neuwagen im Jahr 2030 durchschnittlich 35 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen dürfen als im Jahr 2020. Die Verhandlungen mit dem EU-Parlament, das noch strengere Vorgaben verlangt, stehen noch aus. Leichter wird es für die Autohersteller sicher nicht werden. VW-Chef Diess schätzt, dass solch strikte Vorgaben nur zu schaffen sind, wenn in zwölf Jahren 30 bis 40 Prozent aller Neuwagen rein elektrisch fahren. Die notwendige Infrastruktur hierfür (von ausreichenden Stromleitungen bis hin zu genug Ladestationen) hinkt den Soll-Vorgaben bislang weit hinterher. Auch deshalb hat die Bundesregierung vor Kurzem ihr Ziel kassiert, bis 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen zu bringen. Trotzdem liegt Diess sicherlich richtig, wenn er mahnt, dass die neuen CO2-Grenzwerte „den Automarkt vollständig revolutionieren werden“.

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