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Nach heftigem Streit : VW bindet sich weiter an Zulieferer Prevent

Die Zwei aus Wolfsburg: VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh (links) und VW-Vorstandsvorsitzender Matthias Müller Bild: Kristoffer Finn/Stern/laif

Der Autokonzern und die Prevent-Gruppe beenden ihren Machtkampf. Unter Druck machen beide Seiten Zugeständnisse – und offenbar knickt VW bei einem wichtigen Punkt ein.

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          Volkswagen hat seinen Machtkampf mit zwei Lieferanten der in Bosnien ansässigen Prevent-Gruppe beigelegt und damit in letzter Minute größeren wirtschaftlichen Schaden vom Unternehmen abgewendet. Die Produktion in den VW-Werken soll dem Vernehmen nach zu Beginn der kommenden Woche wieder normal laufen. Das Komponentenwerk in Kassel, das die für den VW Golf notwendigen Getriebe mit baut, für die jetzt Zuliefererteile fehlen, soll früher wieder mit der Arbeit beginnen.

          Carsten Germis
          (cag.), Wirtschaft

          Nach einem fast zwanzigstündigen Verhandlungsmarathon einigten sich Juristen und Einkäufer des Autokonzerns am Dienstag mit der Prevent-Gruppe und deren sächsischen Tochterunternehmen ES Automobilguss und dem Sitzbezughersteller Car Trim auf ein Ende des Lieferstreiks. Der Machtkampf zwischen beiden Unternehmen hatte zu Produktionsausfällen in mehreren VW-Werken und für fast 30.000 Mitarbeiter zu Zwangsurlaub und Kurzarbeit geführt.

          „Die Lieferanten nehmen die Belieferung von Volkswagen kurzfristig wieder auf“, heißt es in einer Erklärung von VW, der sich Prevent später anschloss. „Die betroffenen Standorte bereiten demgemäß schrittweise die Wiederaufnahme der Produktion vor.“ Wie die Unternehmen ihre Zusammenarbeit in Zukunft konkret neu organisieren und wie viel Entschädigung VW an die Prevent-Gruppe zahlt, blieb vorerst weiter unklar.

          „Unannehmbare Forderungen“

          „Über die Inhalte der Einigung wurde Stillschweigen vereinbart“, heißt es übereinstimmend in den Erklärungen von VW und der Eastern Horizon Group, die als Verhandlungspartner des Automobilunternehmens aufgetreten war, nachdem die Prevent GmbH erklärt hatte, mit den beiden Zulieferern nicht juristisch verbunden zu sein.

          Dennoch sickerten am Abend erste Details durch. So darf sich VW, das stark von den Lieferungen von ES Autoguss abhängig ist, dem Vernehmen nach für die dringend benötigten Getriebeteile für den Golf und andere Modelle bis 2022 einen weiteren Lieferanten suchen, allerdings nur bis zu einem Volumen von 20 Prozent. Zudem soll vereinbart worden sein, dass VW keine Schadensersatzansprüche stellt.

          Wolfsburg : VW einigt sich mit Lieferanten

          Alexander Gertung, einer der Geschäftsführer der ES Autoguss, sagte: „Wir haben jetzt nachhaltige Planungssicherheit vor allem mit Blick auf die Arbeitsplätze, mehr als 400 Arbeitsplätze sind damit langfristig gesichert.“ Aus Unternehmenskreisen von VW hieß es in den vergangenen Tagen immer wieder, Prevent habe „unannehmbare Forderungen“ gestellt. Sogar das Wort „Erpressung“ war hinter vorgehaltener Hand gefallen.

          Bis an den Rand der Existenz

          Die über den Streit um einen geplatzten Auftrag hinausreichenden Hintergründe des Konflikts blieben trotz der jetzt bekannt gewordenen Details auch nach der Einigung im Dunklen. Der Druck auf VW und auf Prevent war groß, sich zu einigen. Für VW war es wichtig, die für die Produktion notwendigen Gehäuse und Sitzbezüge der beiden sächsischen Zulieferer – die erst vor wenigen Monaten von Prevent übernommen worden waren – so schnell wie möglich wieder zu beziehen. Das scheint jetzt gesichert.

          Für die Zulieferer gefährdete der Konflikt am Ende sogar die Existenz. Die Geschäftsführung stand unter enormen Druck, auf einer Betriebsversammlung der ES Autoguss am Dienstag Ergebnisse zu präsentieren, nachdem sich die Belegschaft Sorgen um ihre Arbeitsplätze machte. Eine „langfristige Fortführung der Geschäftsbeziehungen“ sei nun gesichert, hieß es aus dem Umfeld von Prevent. Zudem sprach Gerstung von einer „gütlichen und fairen Einigung über bisher offene finanzielle Fragen“.

          Bei Prevent habe das zunehmend über die Medienberichterstattung hinaus reichende Interesse an den verschachtelten Beteiligungsstrukturen und den zahlreichen Konflikten der Gruppe auch mit anderen Autokonzernen in den vergangenen Jahren für Verunsicherung gesorgt, war aus dem Umfeld zu hören.

          Millionenentschädigung für Prevent?

          Mit seiner Forderung nach einer einmaligen Entschädigung scheint sich Prevent teilweise durchgesetzt zu haben. „Würden wir sonst die Lieferungen sofort wieder aufnehmen?“, hieß es im Umfeld des Unternehmens. Die Preise für laufende Lieferungen haben dem Vernehmen nach in dem Konflikt keine Rolle gespielt. Anlass für den Streit mit den beiden Lieferanten aus Sachsen war nach Angaben aus dem Umfeld von Prevent ein von VW gekündigter Auftrag zur Entwicklung neuartiger Sitzbezüge.

          Für bereits erbrachte Investitionen und Vorleistungen forderte Car Trim 56 Millionen Euro Entschädigung, was VW ablehnte. Angeblich fließen nach der Einigung rund 13 Millionen Euro. Mit ihrer Forderung begründete Car Trim, die Lieferung von Sitzbezügen zu stoppen. Um den Druck zu erhöhen, setzte die Prevent-Tochtergesellschaft ES Automobilguss die Lieferung von Getriebegehäusen aus, nachdem Car Trim einen Teil der Forderungen an den anderen Zulieferer abgetreten hatte.

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