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VW-Betriebsratschef Osterloh im Interview : „Wiedeking ist auch nur ein abhängig Beschäftigter“

  • Aktualisiert am

„Weil jeder Komponist einen Dirigenten hat, der den Musikstil umsetzt”: VW-Betriebsratsvorsitzender Bernd Osterloh Bild: AP

Der VW-Betriebsratschef Osterloh attackiert im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den Porsche-Chef Wiedeking. Zudem ruft er Kanzlerin Merkel zur Hilfe auf und droht mit Protestaktionen: „Wir haben Druckmittel.“

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          Der Konflikt zwischen Porsche und dem VW-Betriebsrat spitzt sich zu. Um den Großaktionär Porsche in die Knie zu zwingen, setzt der Betriebsrat jetzt auf eine Neuauflage des VW-Gesetzes. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, dass sich der Betriebsrat bereits in Briefen an Bundeskanzlerin Angela Merkel, an Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier, an Umweltminister Sigmar Gabriel und weitere Politiker gewandt habe. Zudem kündigt Osterloh juristische Schritte gegen Porsche an.

          Herr Osterloh, wenn ein Komponist ein neues Stück schreibt, muss er nicht das Orchester fragen, ob es zu anstrengend oder das Tempo zu schnell ist. Warum soll Porsche-Chef Wiedeking Sie fragen, wie er mit Volkswagen umgeht?
          Weil jeder Komponist einen Dirigenten hat, der den Musikstil umsetzt.

          Also sind Sie der Dirigent?
          Davon bin ich weit weg. Ich bin Vertreter der Belegschaft. Und wir haben als Betriebsrat das beste Wahlergebnis der VW-Geschichte bekommen. Mir geht es darum, dass die Mannschaft, das Orchester, das Lied spielen kann. Eines dürfen Sie nicht vergessen: Herr Wiedeking ist nicht der Eigentümer von Volkswagen. Das sind die Familien Porsche und Piëch.

          Mit anderen Worten: Wendelin Wiedeking soll keine so großen Töne spucken und Ihnen mehr Mitbestimmungsrechte geben.
          Herr Wiedeking ist nicht mehr als einer der obersten Angestellten der Familien Piëch und Porsche, im Endeffekt also ein abhängig Beschäftigter, natürlich mit einem anständigen Salär.

          Sie haben an Wolfgang Porsche appelliert, vermittelnd einzuschreiten. Hat er geantwortet?
          Nein. Wir erwarten aber, dass er als Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche-Holding ein Bekenntnis zu Volkswagen abgibt und offenbart, was Porsche strategisch will.

          Fühlen Sie sich jetzt auch im Stich gelassen von Ferdinand Piëch? Schließlicht galt der starke Mann von VW all die Jahre als heimlicher Verbündeter der IG Metall.
          Herr Piëch hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass er Verständnis hatte für das Thema Standort- und Beschäftigungssicherung. Zudem ist er sicher einer der genialsten Konstrukteure und Unternehmensführer der letzten Jahrzehnte. Für ihn zählte immer: gute Autos zu produzieren, die den Kunden gefallen. Ansonsten werden da viele Märchen gestrickt.

          Die Nähe zwischen dem Milliardär Piëch und den Gewerkschaftern ist so ein Märchen?
          Es ist doch ganz einfach: Herr Piëch möchte seine Interessen durchsetzen. Wir die unseren. Da gibt es Schnittmengen, dann arbeitet man zusammen.

          Bereuen Sie es, dass Sie Porsche als neuen Großaktionär erst begrüßt haben?
          Wir haben immer gesagt, uns ist ein Familienunternehmen lieber als ein Hedge-Fonds.

          Das gilt auch nach dem Streit mit Porsche über die Mitbestimmung in der neuen Holding?
          Für mich ist das kein Streit. Wir fordern eine angemessene Beteiligung der VV-Belegschaft an der neuen Holding, der Porsche SE. Nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger.

          Herr Wiedeking hat angekündigt, bei Bedarf die heiligen Kühe von VW zu schlachten.
          Davon habe ich zuletzt nichts mehr gelesen, in dem offenen Brief von Porsche...

          ... ganzseitige Anzeigen, in denen Wendelin Wiedeking sich als Freund der Arbeitnehmer inszeniert, haben Ihnen die Angst genommen?
          Wir haben keine Angst. Wovor sollen wir uns fürchten? Hinter uns stehen 324 000 Menschen. Neulich hat ein Kollege gefordert, mit allen IG Metallern der deutschen VW- und Audi-Standorte nach Stuttgart zu fahren.

          Der große Marsch nach Zuffenhausen?
          Geht leider nicht. Auf den kleinen Porsche-Platz dort passen nur 2000 Menschen, vielleicht 3000. Wie gesagt: Wir sind allein in den westdeutschen Volkswagenwerken 100 000. Und für diese Menschen und für alle anderen im Konzern werden wir die Standort- und Beschäftigungssicherung fortsetzen.

          Zu Deutsch: VW soll auch künftig mit mehr Mitarbeitern Autos bauen, als notwendig wären?
          Wir haben heute in einigen Bereichen eher zu wenig als zu viel Beschäftigte. Aber wir arbeiten mit dem Vorstand unter Hochdruck daran, die Produktivität weiter zu erhöhen. Bei der Standort- und Beschäftigungssicherung geht es um etwas anderes: Wenn wir nicht so viele Fahrzeuge verkaufen können, um alle Fabriken voll auszulasten, war es immer die Position des Betriebsrates, die Schmerzen gleichmäßig auf alle Standorte zu verteilen. Wir haben eine Verantwortung für die Regionen und natürlich für die Menschen

          Und deswegen hat der VW-Eigner, egal, wie er heißt, Verluste in Kauf zu nehmen?
          Ich habe immer wieder klar gesagt, dass VW mit Autos Geld verdienen muss. Die Frage ist nur: Wie viel? Wie hoch muss die Rendite sein? Wir sind mit VW die Nummer eins in Europa, das ist nicht gegen die Belegschaft erreicht worden, sondern mit ihr. Diese Belegschaft hat auch ein großes Interesse daran, dass VW gutes Geld verdient. Denn seit dem Tarifabschluss 2006 werden zehn Prozent des operativen Ergebnisses der Marke an die Belegschaft ausgeschüttet.

          Wird VW jetzt nicht zwangsläufig ein ganz normales Unternehmen, nachdem der Europäische Gerichtshof das schützende VW-Gesetz kassiert hat?
          Volkswagen ist ein Unternehmen wie jedes andere, das war auch schon mit dem VW-Gesetz so. Nur war man sich hier immer der Verantwortung für die Menschen bewusst. Das hat auch mit der Stärke der IG Metall zu tun und mit der Geschichte von Volkswagen.

          Und daraus leiten Sie für sich das letzte Wort darüber ab, ob ein Standort geschlossen wird.
          Es geht nicht um das letzte Wort. Sondern um Beteiligung. Wir wollen mitreden, wie die Strategie aussieht. Deshalb werden wir um dieses Recht auch kämpfen. Wir haben uns in Briefen an Bundeskanzlerin Angela Merkel, an Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier, an Umweltminister Sigmar Gabriel und weitere Politiker gewandt und sie aufgefordert, wichtige Schutzfunktionen für die Arbeitnehmer im anzupassenden VW-Gesetz beizubehalten.

          Welche Punkte sollen dies sein?
          Der Gesetzgeber kann – in Übereinstimmung mit EU-Recht – dafür sorgen, dass die Entsendemandate des Landes Niedersachsen im Aufsichtsrat erhalten bleiben. Diese müssen an den tatsächlichen Aktienbesitz gekoppelt werden und können dann problemlos im Gesetz bleiben. Außerdem darf und muss der Gesetzgeber die Regelung erhalten, nach der man bei Volkswagen auf der Hauptversammlung eine 80-prozentige Mehrheit braucht, wenn man beispielsweise die Satzung ändern will oder den Hauptsitz des Volkswagen-Konzerns von Wolfsburg an einen anderen Ort im In- oder Ausland verlagern will. Auch diese Regelung haben die Luxemburger Richter nicht angegriffen.

          Wie legitimieren Sie die Privilegien der Arbeitnehmer bei VW, die es in keinem anderen Unternehmen gibt?
          Die Legenden über das Leben bei VW sind falsch. Wir liegen nicht in der berühmten Hängematte. Mit unserem Haustarifvertrag bewegen wir uns auf Flächenniveau: Wir haben eine 35-Stunden-Woche, wir sind im Kostenniveau unterhalb von allen Premiumherstellern in Deutschland, wir haben keine längeren Pausen als die Kollegen in Stuttgart.

          Wann unternehmen Sie den nächsten Anlauf zur Versöhnung mit dem Porsche-Betriebsrat?
          So bald wie möglich. Dazu muss aber die Vereinbarung geändert werden.

          Den ersten Prozess gegen Porsche haben Sie schon verloren.
          Tun Sie mir einen Gefallen, verkürzen Sie die Dinge nicht: Das Gericht hat keine einstweilige Verfügung erlassen, welche die Eintragung der neuen Porsche-Gesellschaft SE ins Handelsregister verhindern sollte. Inhaltlich ist da nichts entschieden worden. Die Klage im Hauptsacheverfahren reichen wir jetzt beim Arbeitsgericht Stuttgart ein.

          Was wollen Sie damit erreichen? Mehr Sitze im Aufsichtsrat, oder genügt Ihnen mehr Einfluss im neuen Holding-Betriebsrat?
          Wir reden über ein Gesamtpaket, wie bei Tarifverhandlungen.

          All den Ärger hätten Sie sich erspart, wenn die Stuttgarter IG Metall den Pakt mit Porsche nicht unterschrieben hätte. Haben Ihre Freunde im Süden geschlafen, oder haben die Sie verraten?
          Das kann ich nicht beurteilen. Da müssen Sie in Stuttgart nachfragen.

          Gab es da vielleicht Deals mit Wiedeking?
          Das glaube ich nicht. Aber manchmal sitzt einem vielleicht das Hemd näher als die Hose.

          Der Porsche-Chef bleibt jedenfalls hart, hat er gerade wieder verkündet. Wie reagieren Sie darauf? Mit Streiks im VW-Werk Bratislava, wo auch der Porsche Cayenne vom Band läuft?
          Das wäre Blödsinn. Wir streiken nicht gegen unser eigenes Unternehmen. Wir werden Volkswagen nicht schädigen und somit uns selbst. Klar haben wir Druckmittel. Am 4. Dezember auf der Betriebsversammlung werde ich das ein oder andere mitteilen.

          Vielleicht sollten Sie einsehen, dass Porsche am längeren Hebel sitzt: Der Clan könnte die neue Holding nach Österreich oder Holland verlegen. Dann hätte sich das Thema Mitbestimmung erledigt.
          Und die Glaubwürdigkeit von Porsche auch. Wie ernst sollen denn die Treuschwüre zum Standort Deutschland gemeint sein?

          Warum sind Sie eigentlich so stur, nur wegen ein paar Sitzen im Betriebsrat?
          Weil die Stimmen von 324.000 Mitarbeitern nicht weniger wert sein können als die von 12.000. Oder stellen Sie sich so Demokratie vor?

          Die Organisation von Unternehmen hat nun mal nichts mit Demokratie zu tun.
          Aber meine Herren. In Deutschland gibt es ein Mitbestimmungsgesetz, ein Betriebsverfassungsgesetz, abgeleitet vom Grundgesetz.

          Am besten wählen die Arbeitnehmer ihren Chef auch noch selbst.
          Gerne. Den Vorschlag finde ich gut, ehrlich. Schreiben Sie das. Wir haben ja den Vorstandsvorsitzenden einstimmig gewählt, mit den Stimmen der Arbeitnehmer im VW-Aufsichtsrat. Und der heißt Martin Winterkorn.

          Hält der VW-Vorstand sich in dem Konflikt deshalb so zurück? Offenbar duldet er es, wie Sie die Belegschaft gegen die neuen Eigentümer mobilisieren.
          Ich will hier mal drei Dinge klarstellen. Erstens: Wir fragen den Vorstand nicht, worüber wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen sprechen. Zweitens: Wir mobilisieren nicht gegen Porsche, sondern informieren unsere Kollegen darüber, wie sich Porsche zu unseren Mitbestimmungsrechten aufstellt. Drittens: Ich kann Ihnen nur bestätigen, dass Herr Doktor Winterkorn einer der wenigen Manager ist mit dem Format, solch einen Weltkonzern zu führen. Deshalb haben wir ihn mitgewählt.

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