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VW-Aufsichtsratschef Pötsch : Moderator der Macht

Wird weiterhin dringend in Wolfsburg benötigt: Hans Dieter Pötsch Bild: dpa

Hans Dieter Pötsch will mit 70 Jahren seine Zeit als Aufsichtsratschef von Volkswagen verlängern – und alle im Konzern sind zufrieden. Wer soll es in so schwierigen Zeiten denn sonst machen?

          3 Min.

          Was treibt den Mann dazu, im Alter von 70 Jahren noch einmal anzutreten? Hans Dieter Pötsch, lange Jahre Finanzvorstand von Volkswagen, dann 2015 kurz vor dem Diesel-Skandal als neuer Aufsichtsrat vorgeschlagen und kurz danach als Chefaufseher und -aufklärer gewählt, will sich für weitere fünf Jahre zum Vorsitzenden des wichtigen Kontrollgremiums berufen lassen. Der VW-Aufsichtsrat fasste jetzt den entsprechenden Beschluss. Da Pötsch das Vertrauen der beiden wichtigsten Aktionärsgruppen – das sind die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch und das Land Niedersachsen – genießt, ist das Ja auf der Hauptversammlung eine reine Formsache.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Pötsch gilt als enger Vertrauter der Porsches und Piëchs und hat sich in den letzten Jahren den Respekt bei allen Beteiligten, vom einflussreichen VW-Betriebsrat bis zum Spitzenmanagement, erarbeitet. In der heiklen Machtbalance in Wolfsburg ist er so etwas wie der letzte Garant für Kontinuität. Niemand kennt das System VW so gut wie er, kaum jemand aus der Spitzenriege ist so lange schon dabei. Er ist hervorragend vernetzt, hält freundliche Distanz zu den Lagern, die bei Volkswagen um Einfluss ringen. „Wer soll bei den schwierigen Konfliktlagen denn sonst moderieren?“, fragen viele im Unternehmen.

          Porsche-Coup war Pötsch' Verdienst

          Seit 2003 ist Pötsch bei Volkswagen. Der damalige VW-Chef Bernd Pischetsrieder hatte ihn während der gemeinsamen Zeit bei BMW kennen- und schätzen gelernt. Pötsch erwarb sich schnell breite Anerkennung im Unternehmen, nicht nur wegen seiner Fachkenntnisse. So überlebte er auch den Sturz Pischetsrieders durch die damalige graue Eminenz, Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Dass er selbst einmal Piëchs Amt übernehmen würde, der im April 2015 nach einem erbitterten Machtkampf mit Winterkorn zurücktrat, hat sich Pötsch damals in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Pötsch war es, der das schwierige Kunststück vollbrachte, Porsche 2009 als zehnte Marke in den VW-Konzern zu integrieren. Bei dem Deal nutzte VW eine Gesetzeslücke, sodass das Geschäft steuerfrei möglich wurde. Spätestens danach war Pötsch neben Piëch und Winterkorn der dritte starke Mann im Konzern – und geschätzt bei den Eigentümerfamilien.

          Pötsch ist jemand, bei dem einem bei der ersten Begegnung die alte Bedeutung des Wortes „Herr“ einfällt. Stets korrekt mit zurückhaltenden Farben gekleidet, steht er gerade wie mit einem Lineal am Rücken. Höflich und ein bisschen steif wirkt er. Das ändert sich, wenn er spricht. Vielleicht ist es das österreichische Timbre seiner Heimat. Obwohl er eine klare eigene Position hat, stellt er im Gespräch immer das Verbindende her. Der „Mann ohne Eigenschaften“, wie er wegen seiner zurückhaltenden Art immer mal beschrieben wurde, ist ein Moderator, der das Gespräch wie an durchsichtigen Fäden steuert. Im harten Machtkampf zwischen dem intern gern etwas ruppig auftretenden Konzernchef Herbert Diess und Betriebsrat Bernd Osterloh war es in den letzten Jahren immer wieder seine Rolle, zu vermitteln. Wo Diess und Osterloh kampferprobte Macher der Macht sind, ist Pötsch der einflussreiche Moderator und Manager der Macht.

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