https://www.faz.net/-gqe-achy0

VW-Aufsichtsratschef Pötsch : Moderator der Macht

Wie ein sokratischer Dialog

Er führt bei Konflikten gern Einzelgespräche mit der einen, dann mit der anderen Seite. Dann lotet er das Verbindende aus. In der Transformation des Unternehmens zur Elektromobilität und zum Auto als eine Art Smartphone auf vier Rädern war es oft seine Rolle, die widerstreitenden Interessen auszugleichen. Dabei achtet Pötsch immer darauf, dass die fragile Machtbalance im System VW bewahrt bleibt. Man muss sich diese Runden, in denen der Aufsichtsratschef die widerstreitenden Interessen im Wolfsburger Machtdreieck zusammenbindet, wohl fast vorstellen wie einen klassischen sokratischen Dialog. Pötsch fordert von seinen Gesprächspartnern, dass sie für ihre Position irgendein besonderes Beispiel nennen. Dann gibt er sich nicht damit zufrieden und besteht auf einer „universaleren“ Definition, prescht vor, nennt selbst immer neue Beispiele, bis am Ende alle etwas gemeinsam haben. Und dieses Gemeinsame ist am Ende die Lösung des Problems.

F.A.Z. Newsletter Deutschland startet durch

Donnerstags um 12.00 Uhr

ANMELDEN

Dabei hilft es Pötsch, dass er nach Angaben von Menschen, die oft mit ihm zu tun haben, über eine hohe strategische Intelligenz verfügt, aber auch komplexe Sachverhalte einfach darstellen kann. Der Name Hans Dieter Pötsch ist in Wolfsburg deswegen schon vor Bekanntwerden der Diesel-Manipulationen öfter genannt worden, wenn es um höhere Aufgaben bei Volkswagen gegangen ist. Er sei der ideale Vorstandschef für eine Übergangszeit, wenn Martin Winterkorn an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln sollte, hieß es 2015. Es ist anders gekommen. Winterkorn wollte zwei Jahre länger machen, Pötsch sollte stattdessen an die Spitze des Kontrollgremiums treten. „Wir sind sicher, dass mit Herrn Pötsch ein überzeugender Vorschlag für die künftige Position des Aufsichtsratsvorsitzenden gemacht wurde“, sagte der damalige Aufsichtsratsvize Berthold Huber. Pötsch zeichne sich durch strategische Weitsicht, tiefe Kenntnisse der Automobilindustrie und große Kenntnis der Finanzmärkte aus.

Doch wieder kam alles ganz anders: Vor der Wahl auf einer außerordentlichen Hauptversammlung im November machte die amerikanische Umweltbehörde EPA die millionenfachen Manipulationen an den Abgaswerten von Dieselautos öffentlich. Pötsch geriet in die Kritik. Konnte es wirklich sein, dass ein Manager mit so herausragender Funktion von den Manipulationen nichts wusste? Würde man nicht den Bock zum Gärtner machen, wenn ausgerechnet Pötsch als früherer Finanzchef jetzt als Aufsichtsratschef die Ursachen des Skandals aufklären sollte? Von November 2016 an ermittelte dann sogar die Staatsanwaltschaft in Braunschweig wegen Marktmanipulation gegen ihn – VW habe die Anleger nicht fristgerecht über die Betrügereien informiert.

Pötsch selbst hat auf die Vorwürfe immer mit geradezu stoischer Ruhe reagiert. Er sei sich sehr sicher, keine Fehler gemacht zu haben. Im Mai 2020 wurde das Strafverfahren gegen ihn nach Zahlung von 4,5 Millionen Euro eingestellt, ein Freispruch, wenn auch zweiter Klasse.

Weitere Themen

Was wusste die Porsche SE?

Rechtsstreit : Was wusste die Porsche SE?

Die Musterklage gegen die Volkswagen-Muttergesellschaft nimmt Fahrt auf - und dürfte sehr lange verhandelt werden. Eine wichtige Rolle wird der frühere Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn spielen.

Fed kauft weiter Anleihen im gewohnten Umfang

Amerikanische Zentralbank : Fed kauft weiter Anleihen im gewohnten Umfang

Die Federal Reserve bleibt bei ihrem Kaufprogramm für Anleihen. Auch den Leitzins verändert sie zunächst nicht. So soll die Wirtschaft weiter angekurbelt werden. Die Inflation fällt stärker aus als von den Notenbankern erwartet.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.