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VW-Affäre : Wirbel um Piëch

Bisher nur als Zeuge geladen: Ferdinand Piëch Bild: REUTERS

Überraschend kommt in der VW-Affäre der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende ins Spiel. Vor Gericht sollen neue Zeugen Licht ins Dunkel bringen: Was wusste Piëch? Volkswagen droht mit einer Verleumdungsklage.

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          Mit Hilfe von drei neuen Zeugen versucht die Staatsanwaltschaft Braunschweig die VW-Affäre aufzuklären. Dabei könnte auch Ferdinand Piëch in das Visier der Ermittler geraten. Bisher ist der VW-Chefkontrolleur in dem Verfahren um Lustreisen und Bordellbesuche früherer VW-Betriebsräte nur als Zeuge geladen. Oberstaatsanwalt Ralf Tacke sieht derzeit noch keine Veranlassung, Piëch als Beschuldigten einzutragen. „Sollten sich konkrete Anhaltspunkte aus den Zeugenvernehmungen ergeben, würde auch ein Ermittlungsverfahren infrage kommen“, sagte Tacke aber am Montag im Prozess gegen den früheren VW-Betriebsratschef Klaus Volkert vor dem Landgericht Braunschweig. Piëch, der von 1993 bis 2002 Chef von Volkswagen war, hat bislang erklärt, von den Unregelmäßigkeiten nichts gewusst zu haben.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Aufgrund eines anonymen Hinweises, der über einen Journalisten bei der Staatsanwaltschaft gelandet ist, werden nun Audi-Vorstandschef Rupert Stadler, der frühere VW-Finanzvorstand Bruno Adelt und der ehemalige VW-Finanzmanager Rutbert Reisch als Zeugen vorgeladen. Adelt soll Piëch auf Unregelmäßigkeiten in der vom früheren VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer vorgenommenen Spesenabrechnung unter der „Kostenstelle 1860“ hingewiesen haben, sagte Tacke. Daraufhin habe Piëch seinen damaligen Büroleiter, den heutigen Audi-Chef Stadler, beauftragt, dies zu überprüfen. „Die Annahme, dass Herr Piëch über die von ihm angeforderte Überprüfung informiert war, ist lebensnah“, sagte Tacke.

          VW bestreitet die Vorwürfe

          Über die Kostenstelle 1860 soll der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz, der bereits rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe verurteilt ist, mehr als zwölf Jahre lang Sonderzahlungen an Volkert abgewickelt haben. Insgesamt geht es um rund zwei Millionen Euro. Hinzu kam Geld für Volkerts Geliebte, die Brasilianerin Adriana Barros, etwa 400.000 Euro. VW soll außerdem teure Geschenke, Hotelaufenthalte und Lustreisen der beiden finanziert haben.

          Ferdinand Piëch gerät in der juristischen Aufarbeitung der VW-Affäre in Bedrängnis

          VW wies die anonymen Vorwürfe gegen Piëch entschieden zurück: „Die Behauptung, dass bei Volkswagen zwischen den Jahren 1997 und 2002 eine Untersuchung der Kostenstelle 1860 des Herrn Dr. Hartz stattgefunden habe und dadurch Kenntnis über die Veruntreuungen der Herren Volkert und Gebauer bestand, ist falsch“, teilte der Konzern mit. Mangels Anhaltspunkte habe es keine Überprüfung der Kostenstelle gegeben. „Der Konzern und sein damaliger Vorstandsvorsitzender hatten insofern keinerlei Kenntnis von den Veruntreuungen.“ VW beschreibt die Behauptungen als „rufschädigend“ und erwägt, Strafanzeige wegen Verleumdung zu stellen. Dem Vernehmen nach beruht dieses klare Dementi auf einer konzerninternen Befragung der Herren Stadler, Adelt und Reisch. Folglich ist von ihnen nicht zu erwarten, dass sie Piëch im Zeugenstand belasten.

          Gebauers Aussage belastet Piëch

          Piëch selbst hat bisher jede Verwicklung in den Skandal zurückgewiesen. Bereits im Zuge des Verfahrens gegen Hartz hatte Piëch in einer Vernehmung ausgesagt, allgemein niemals Geld verteilt und speziell über den genauen Umfang der an Volkert gezahlten Sonderbonuszahlungen nichts gewusst zu haben. Genau das bestreiten aber Volkert und Gebauer: Zum Auftakt des Prozesses Anfang November sorgten beide für Aufsehen, als sie dem Gericht einen bis dahin unbekannten Brief vorlegten, in dem Piëch und Hartz Volkert eine höhere Betriebsrente zugesagt haben sollen. Der Brief war nach Darstellung von Volkerts Verteidiger nicht in dessen Personalakte.

          Gebauer deutete vor Gericht eine Mitwisserschaft Piëchs an. Das intransparente Abrechnungsverfahren für Bordellbesuche und Lustreisen von Betriebsräten via Eigenbelege habe seiner Ansicht nach nur vom Vorstand gedeckt sein können. „Ich hatte die Information, dass die Revision keinen Zugriff auf die Konten und auf die Belegabgabe hatte. Die Revision untersteht dem Vorstandsvorsitzenden, ausschalten kann die Revision nur der Vorstandsvorsitzende.“ Volkert ist wegen Anstiftung zur Untreue angeklagt, Gebauer wegen Untreue. Staatsanwalt Joachim Geyer sagte dieser Zeitung, Ziel der neuen Zeugenbefragung sei, herauszufinden, ob die Behauptungen Volkerts und Gebauers werthaltig seien. „Wenn sich dabei ein Anfangsverdacht gegen Herrn Piëch ergeben sollte, dann kann es sein, das wir ihm den Beschuldigtenstatus zukommen lassen.“ Nach dem bisherigen Zeitplan soll Piëch am 9. Januar als Zeuge aussagen und am 24. Januar ein Urteil fallen. Dieses Datum dürfte aber wegen der neuen Zeugen nicht mehr zu halten sein.

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