https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/vorstandschefs-rechnen-mit-co2-neutralitaet-in-14-jahren-17615851.html

Neue Umfrage zum Klimaschutz : Deutsche Vorstandschefs rechnen mit CO2-Neutralität in 14 Jahren

Glasgow 2021: Der Druck auf Wirtschaft und Politik ist enorm Bild: AP

Viele Top-Manager bekennen sich zu mehr Nachhaltigkeit. Eine Frage treibt sie dabei besonders um: Wann rechnen sich die Anstrengungen eigentlich?

          3 Min.

          Wenn sich Manager zum Thema Nachhaltigkeit äußern, schwingt dabei oft der Verdacht mit, es handele sich vor allem um „Greenwashing“, also um grüne Schaufensterpolitik. Einer neuen Untersuchung zu Folge meint es die deutsche Wirtschaftselite aber zunehmend ernst mit ihren Bemühungen um den Schutz von Klima und Umwelt. Demnach hat die Nachhaltigkeit in der überwiegenden Mehrheit der befragten Unternehmen die Digitalisierung als Topthema mittlerweile eingeholt oder sogar abgelöst. Immer mehr Unternehmen setzen sich ein festes Ziel, wann sie die eigenen CO2-Emissionen auf Nettonull reduziert haben wollen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg: Im Durchschnitt benötigen die teilnehmenden Konzerne noch 14 Jahre, um diese Vorgabe zu erreichen. Diese Ergebnisse wurden im Rahmen des Klimagipfels in Glasgow vorgestellt.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die qualitative Untersuchung basiert auf mehr als zwanzig Gesprächen mit führenden Kräften aus der deutschen Wirtschaft. Darunter sind unter anderen die Vorstandsvorsitzenden vieler Dax-Konzerne wie Christian Sewing (Deutsche Bank), Ola Källenius (Daimler), Markus Krebber (RWE), Joachim Wenning (Munich RE), Rolf Buch (Vonovia), Timotheus Höttges (Deutsche Telekom), Theodor Weimer (Deutsche Börse) und Martin Brudermüller (BASF). Auch Otto-Chef Alexander Birken, ThyssenKrupp-Chefin Martina Merz, Bahnvorstand Berthold Huber und die Henkel-Aufsichtsratsvorsitzende Simone Bagel-Trah waren beteiligt. Erstellt wurde die Untersuchung vom FUTURIST Institute for Sustainable Transformation, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und der Unternehmensberatung Bain & Company.

          Wie die Befragung ergab, stehen die Führungskräfte in der Umsetzung der Nachhaltigkeitspolitik in ihren Unternehmen vor allem vor einem Problem: Fast zwei Drittel der Befragten gaben an, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in ihrer Realität noch Gegensätze sind. Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, beobachtet jedoch, dass Unternehmen zunehmend damit beginnen, Nachhaltigkeit strategisch anzugehen, einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen und sich damit neue Chancen zu erschließen. „Entscheidend ist dabei, dass wirtschaftliche Entwicklung innerhalb des sicheren Rahmens der planetarischen Grenzen stattfindet.“

          Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank
          Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank : Bild: Reuters

          Walter Sinn, Deutschlandchef von Bain, geht davon aus, dass sich dieses Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie zunehmend auflöst. „Etliche Nachhaltigkeitsprojekte gerade im Bereich Umwelt rechnen sich schon.“ Dieser Prozess werde an Dynamik gewinnen. Künftig, so Sinn, werden die Kosten für mehr Nachhaltigkeit deutlich geringer ausfallen als die Chancen auf zusätzliche Umsätze mit nachhaltigen Produkten. Schon heute fordern vor allem Investoren von vielen Unternehmen eine klare Ausrichtung hin zu mehr Nachhaltigkeit. Viele der Befragten sahen ihre bisherigen Bemühungen durchaus kritisch. Auf einer Skala von 1 bis 10 (je höher desto zufriedener) bewerteten sie diese lediglich mit 5,6. Für Haltung und Sensibilität gaben sie sich immerhin eine 7,1.

          Die Studienautoren haben zudem zehn Schritte definiert, mit denen Unternehmen systematisch den Weg zu mehr Nachhaltigkeit einschlagen können. Dazu gehören in erster Linie eine klare Definition der Ziele, die wiederum messbar sein müssen. Auch die Integration in die finanzielle Steuerung des Unternehmens ist demnach bedeutsam. Zu den weichen Faktoren gehört ein Kulturwandel im Unternehmen, der das Thema in der Belegschaft verankert. Diesen müsse wiederum die Chefetage forcieren, indem sie die Ziele vorlebe „und in der Organisation die Leidenschaft  hierfür weckt“, heißt es in dem Papier.

          Besonders im Fokus: Martina Merz und der Stahl von ThyssenKrupp
          Besonders im Fokus: Martina Merz und der Stahl von ThyssenKrupp : Bild: dpa

          Überhaupt spielen Führungskräfte den Autoren zufolge eine zentrale Rolle für das Gelingen der Nachhaltigkeitsbemühungen: Sie müssten als Antreiber, Kommunikatoren, Dirigenten und Mahner in diesem Prozess auftreten – alles klassische Rollen von Vorgesetzten in betrieblichen Veränderungsprozessen. Diese Leistungen müssten wiederum in die Vergütungssysteme einfließen. Werden Nachhaltigkeitsziele verfehlt, muss also auch der Jahresbonus schmelzen.

          Futurist-Gründer Tobias Raffel mahnt mit Blick auf den Klimawandel alle Beteiligten zum raschen Handeln. „Nur gemeinsam können Wirtschaft und Gesellschaft die Folgen des Klimawandels wirksam begrenzen.“ Klimaforscher Rockström verweist auf den hohen Handlungsdruck: „Am Ende des Jahres 2021 gibt es keinen Grund mehr zu zweifeln oder zu zögern.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          DFB-Remis gegen Spanien : Füllkrug könnte die Lösung sein

          Der eingewechselte Bremer rettet der deutschen Elf mit seinem Treffer einen wichtigen Punkt. Das Remis gegen Spanien ist ein Mutmacher. Gegen Costa Rica könnte im letzten Gruppenspiel ein Sieg reichen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.