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Kurz vor Hauptversammlung : Lufthansa zieht Zahlung der Gehälter vor

Parkende Lufthansa-Maschinen in Frankfurt: Ohne die Hilfen der Bundesregierung droht der Fluggesellschaft die Insolvenz. Bild: Wonge Bergmann

Den bisher einmaligen Schritt begründet die Airline damit, dass man einen „ungestörten Gehaltszahlungsverlauf gewährleisten“ wolle. In Berlin steht ein Spitzentreffen an. Wird das Rettungspaket noch einmal aufgeschnürt?

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          Die Konstellation entbehrt nicht einer gewissen Symbolik: Am Montagvormittag wird die Aktie der Deutschen Lufthansa erstmals seit 32 Jahren nicht mehr unter den 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen im Leitindex Dax zu finden sein. Europas größte Fluggesellschaft musste wegen der Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten den Flugverkehr weitestgehend einstellen und wird nun wegen der schlechten Geschäftsentwicklung den Platz im Elite-Segment der Börse an den Immobilienkonzern Deutsche Wohnen abtreten.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Fast gleichzeitig geht es während eines Treffens in Berlin um die entscheidende Weichenstellung für die Zukunft der Lufthansa: Wird das Hilfspaket der Bundesregierung am Donnerstag von der außerordentlichen Jahreshauptversammlung wie vereinbart durchgewinkt, oder kommt alles ganz anders, muss die Lufthansa am Ende sogar Insolvenz beantragen? An dem Treffen werden nach F.A.Z.-Informationen gleich zwei Regierungsmitglieder teilnehmen: Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

          Außerdem am Tisch sitzen werden der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr sowie der Großaktionär Heinz Hermann Thiele, wie auch die „Bild am Sonntag“ berichtete. Letzterer hatte in der vergangenen Woche noch einmal Bewegung in die Sache gebracht, als er seinen Anteil von 10 auf 15 Prozent erhöhte und in einem Gespräch mit der F.A.Z. die Forderung erhob, das mit dem Bund schon vereinbarte „Rettungspaket“ noch einmal zu verhandeln. Thiele hatte Sorge, dass der Bund mit dem geplanten Einstieg mit 20 Prozent an der Lufthansa die notwendige Sanierung der Airline verhindern könne, wenn etwa von Arbeitnehmerseite der Druck auf die Politik erhöht werde.

          Geringe Aktionärsbeteiligung erfordert Zweidreittelmehrheit

          Immerhin hatte das Management angesichts des schwierigen Geschäftsausblicks erklärt, dass rund 22.000 der 138.000 Arbeitsplätze im gesamten Konzern zur Disposition gestellt werden müssten. Gleichzeitig hatte Thiele betont, die Zukunft der Lufthansa „nicht blockieren oder ausbremsen“ zu wollen. Es gehe ihm mit der Investition nicht um Dividenden, sondern um den Erhalt des Unternehmens. Gleichwohl konnten Thieles Forderungen durchaus auch als Drohung verstanden werden. Denn der 79 Jahre alte Unternehmer, der zu den reichsten Deutschen gehört, ist der mit Abstand größte Einzelaktionär und verfügt damit über die meisten Stimmrechte auf der Hauptversammlung.

          Sind dort weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten vertreten, braucht das Hilfspaket eine Zweidrittelmehrheit. Dann würden Mehrheiten gegen Thiele nur sehr schwer zu organisieren sein, zumal dem Vernehmen nach auch andere institutionelle Anleger sein kritisches Hinterfragen der Konditionen eines Staatseinstiegs begrüßen. Deshalb werben Lufthansa-Management und Gewerkschaften schon seit Tagen unter Kleinaktionären dafür, dass diese ihr Stimmrecht wahrnehmen beziehungsweise übertragen. Denn sollte das 50-Prozent-Quorum überschritten werden, genügt eine einfache Mehrheit zur Annahme.

          „Seit heute Nacht wissen wir, dass unsere Aktionäre weniger als 38 Prozent des Kapitals für diese Hauptversammlung angemeldet haben“, teilte Vorstandschef Spohr am Sonntag in einem Brief an seine Beschäftigten mit, der der F.A.Z. vorliegt. Das bedeutet, dass eine Annahme mit einer Zweidreittelmehrheit erfolgen muss und gegen Thieles Willen schwierig sein dürfte. „Wir alle stehen am heutigen Sonntag vor einer Schicksalswoche für unsere Lufthansa“, schrieb Spohr mit eindringlichen Worten.

          Scheitert eine Rettung, droht die Insolvenz

          Offiziell hatte die Lufthansa schon nach Thieles Ankündigungen auf die Gefahren hingewiesen, wenn die Hilfen des Bundes ins Wanken geraten sollten. Dann müsste das Unternehmen „möglicherweise zeitnah zur Hauptversammlung ein insolvenzrechtliches Schutzschirmverfahren beantragen“, hieß es. Spohr bekräftigte die Dramatik nun noch einmal. Man habe umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um ein Grounding – einen direkten Stopp des Flugbetriebes – im Falle eines Scheiterns zu verhindern.

          Allerdings hatte Spohr in den Verhandlungen mit dem Bund stets betont, dass er den Einfluss der Politik auf das operative Geschäft möglichst gering halten wolle. Insofern könnte ihm der Vorstoß seines Großaktionärs auch recht kommen, obwohl Thiele Spohrs Verhandlungsführung deutlich kritisiert hatte. Außerdem hat sich die Lufthansa zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Um den Mitarbeitern und ihren Familien alle Unsicherheiten zu ersparen, zieht sie die Zahlung der Juni-Gehälter auf den heutigen Montag vor – ein bislang einmaliger Vorgang. Damit wolle man einen „ungestörten Gehaltszahlungsverlauf gewährleisten“.

          Welche Punkte und Vorschläge während des heutigen Treffens besprochen werden, ist im Vorfeld nicht durchgedrungen. Zuletzt war bekanntgeworden, dass Thiele ein Aktienpaket im Wert von rund 760 Millionen Euro an seinem Unternehmen Knorr-Bremse verkauft hatte – frisches Geld für die Lufthansa? Finanzminister Scholz hatte nur gesagt, das ausgehandelte Paket sei eine „gut abgewogene Lösung“ mit der EU-Kommission, in der Bundesregierung und dem Unternehmen, weshalb er sich positiv für dessen Annahme gab.

          In der Tat hat der Bund über seinen Wirtschaftsstabilisierungsfonds im Rahmenabkommen mit der Lufthansa vereinbart, dass er als Anteilseigner sein Stimmrecht auf Hauptversammlungen in vielen Fällen nicht ausüben werde. Zudem liegt das Vorschlagsrecht für die beiden Aufsichtsratsvertreter des Bundes beim Gremiumvorsitzenden Karl-Ludwig Kley. Berlin kann nur zustimmen oder neue Vorschläge einfordern. Dieser Montag wird zeigen, ob das Hilfspaket tatsächlich noch einmal überarbeitet wird.

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