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Vor dreißig Jahren : Der erste Personalcomputer

Aus elektrischen Schreibmaschinen und Taschrechnern wurden Tischcomputer. IBM zog zwar spät nach, wurde aber mit einem Schlag zum Branchenprimus Bild: IBM

Richtungsweisend für die Massentauglichkeit war der modulare Aufbau des Rechners: Obwohl IBM den Minirechner nicht erfand, veränderte es mit dem „5150“ die Welt. Vor dreißig Jahren kam der Heimcomputer auf den Markt.

          5 Min.

          Es begann, wie es endete: Mit einer Krise. Als Philip Estridge am 12. August 1981 im Ballsaal des New Yorker Hotels Waldorf-Astoria den ersten Personalcomputer von IBM vorstellte, hatte er mit seiner kleinen Mannschaft von Entwicklungsingenieuren zwölf Monate harter Arbeit hinter und eine ungewisse Zukunft vor sich. Der Konzern hatte jahrelang eine wichtige Entwicklung der Branche verpasst. Jetzt musste Estridge den Anschluss wieder herstellen. Das Ergebnis stand nun auf dem Präsentiertisch: ein grauer Plastikkasten samt Bildschirm und Tastatur. Die eilige zusammengesteckte Gerätschaft wog einen halben Zentner, sollte neue Standards setzen und die Welt verändern.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So wie einst Henry Ford mit seinem T-Mobile das erste Massenauto produzierte, ging IBM daran, Computer in Millionen Haushalte zu bringen. Wie Ford nicht das Auto, hatte IBM auch nicht den Minirechner erfunden. Es fertigte weder das erste, noch das beste Rechenwunder. Doch IBM machte es populär und baute einen heute fast 400 Milliarden Dollar großen Markt mit auf. Von Hewlett-Packard bis Dell, von Asus bis Toshiba greifen heute bis auf Apple alle großen Hersteller von Personalcomputern auf die Architektur des IBM-PC zurück.

          Die Marketingstrategen des Konzerns hatten den von Estridges Abteilung binnen Monaten entworfen Kleinrechner damals „5150 Personalcomputer“ genannt, ihm ein ordentliches Werbebudget und ein Preisschild von 1565 Dollar verpasst. Damit wollte der Vorstand einen wachsenden Markt quasi von hinten aufrollen. Während IBM mit tonnenschweren Rechensystemen in tanzsaalgroßen klimatisierten Räumen jahrzehntelang die Märkte der elektronischen Datenverarbeitung dominierte, Milliarden Dollar erlöste und mehr als eine Viertelmillion Mitarbeiter beschäftigte, hatte der Konzern am unteren Ende des Marktes kaum etwas zu bieten.

          Zwar war die technische Ausstattung des „5150” bestenfalls durchschnittlich, ...
          Zwar war die technische Ausstattung des „5150” bestenfalls durchschnittlich, ... : Bild: IBM

          Aus elektrischen Schreibmaschinen wurden Tischcomputer

          Gab es in den fünfziger Jahren nur schrankwandhohe Computer, zeichnete sich in den sechziger Jahren eine neue Entwicklung ab. 1943 hatte der damalige IBM-Chef Thomas Watson noch gesagt: „Es wird einen weltweiten Bedarf von vielleicht fünf Computern geben.“ Er sollte sich irren. Im Dezember 1968 sprach der Stanforder Forschungsingenieur Douglas Engelbart vor Wissenschaftlern im Konferenzzentrum in San Francisco von Texten und von Hypertexten, von Medien und von Hypermedien. Vor allem aber sprach er von kleinen, miteinander zu einem weltumspannenden Netzwerk verbunden Computern. Das Publikum war erst verblüfft, dann begeistert, schließlich gab es stehend Applaus. Die Branche sah neue Horizonte.

          Was bislang Militärs und großen Bürokratien vorbehalten war, was allenfalls Wissenschaftler und Elektronikfreaks anzog, sollte Einzug in den Alltag einfacher Menschen halten. Aus elektrischen Schreibmaschinen und Taschenrechnern wurden Tischcomputer. Der elektrobegeisterte Versicherungsvertreter Edmund Berkeley hatte schon 1950 in Massachusetts Hobbyelektronikern erste Bausätze für Rechner verkauft, mit denen sie am Bildschirm Spiele spielen und Rätsel lösen konnten. Kostenpunkt: 500 Dollar. Nach einem solchen Plan bastelte fünfzehn Jahre später Jim Southerland von Westinghouse Electric im Keller seines Hauses den Minicomputer „Echo IV“.

          Großunternehmen zogen mit. Im gleichen Jahr brachte Digital Equipment den „PDP-8-Minicomputer“ und Hewlett-Packard den „HP 2100“ heraus; Preis: 16.000 Dollar. Das machte Schule. 1973 stellte in Frankreich André Truong Trong Thi mit seiner Firma R2E den „Micral-N-Microcomputer“ für 1750 Dollar vor. 1975 ging der Luftwaffentechniker, Unternehmer und Besitzer der Firma MITS Edward Roberts mit dem „Altair-8800“ an den Start. In zwei Jahren verkaufte er 40.000 Stück. 1976 traten Steve Jobs und Steve Wozniak mit dem ersten Apple an, 1977 mit dem zweiten. Ein Durchbruch. Tandy Radios Shacks baute den „TRS-80“, Commodore den „Pet-Computer“. 1979 gab es 500 Computermodelle in der Welt und es wurden fast eine Million Minicomputer verkauft.

          Zuschlag für Microsoft

          Anders als Hewlett-Packard und Digital Equipment hielt sich IBM von diesem Markt noch fern. Das Unternehmen setzte auf Großrechner, „nicht auf Spielzeug“, wie ein Ingenieur sagte. Die Rechenmonster waren so kompliziert wie lukrativ, allein das riesige Rechensystem „IBM 360“ kostete 9 Millionen Dollar. Doch die Zeiten änderten sich. Der Vorstandsvorsitzende von IBM, Frank Cary, wollte rasches Wachstum, hohe Gewinne und neue Märkte. Dafür macht er seinen Abteilungsleitern Druck - vor allem einem: William Lowe, Chef der Sparte „Einstiegssysteme“. Die war in Boca Raton im sonnigen Florida beheimatet und für den Konzernauftritt am unteren Marktsegment verantwortlich. Die Abteilung hatte lange vor sich hingedümpelt, mit dem Aufkommen der Kleincomputer stand sie im Rampenlicht. Zwar hatte IBM 1973 mit „Scamp“ binnen Monaten den Prototyp eines Minirechners entwickelt. Auch ging daraus der „5100 Portable Computer“ hervor. Doch mit einem Preis von 20.000 Dollar war er vielen Privatnutzern zu teuer. Die hielten sich an Apple, Tandy oder Commodore. Die beiden Nachfolgemodelle des „5100“ floppten. IBM-Chef Cary rief zur Krisensitzung.

          Im Juli 1980 versammelte er das Corporate Management Committee. Lowe trug den Plan vor, Minicomputer von Atari unter der Marke IBM zu verkaufen. Cary sagte nur: „blöde Idee“. Stattdessen verpflichtete er Lowe dazu, binnen Monaten einen eigenen Prototyp auf den Tisch zu stellen. Lowe hatte ein Problem. Der studierte Physiker stampfte das Projekt „Schach“ aus dem Boden, rekrutierte eine schnelle Eingreiftruppe aus zwölf IBM-Ingenieuren und berief Philip Estridge an deren Spitze. Die Vorgaben waren klar: Das beste Produkt zum niedrigsten Preis in kürzester Zeit. Estridge ging an die Arbeit.

          Für den neuen Computer griffen sie nicht auf Komponenten aus dem eigenen Hause zurück, sie bedienten sich in den Baukästen von Zulieferern und Wettbewerbern. Der Prozessor, das Herz eines jeden Computers, kam vom Intel. Der Chiphersteller hatte mit seinem CPU „8088“ gerade einen Baustein im Angebot, der zwar nicht der beste, aber der preiswerteste seiner Klasse war. Estridge griff zu. Darüber hinaus sah sich der Programmierer Jack Sams nach einem passenden Betriebssystem um. Dabei stieß er auf zwei Firmen: Microsoft, das führend in Programmiersprachen war und schon für Apple gearbeitet hatte, und Digital Research, dass mit CP/M das beste Betriebssystem für Kleinrechner hatte, das schon auf einer halben Million Computer lief. Während die Vertreter von IBM mit dem Gründer von Digital Research, Gary Kildall, im August 1980 keinen Vertrag abschließen konnten, griff Sams im September auf ein Angebot von Bill Gates der Firma Microsoft zurück. Gates bekam den Zuschlag. Er modifizierte bestehende, doch unvollendete Programme und übergab IBM seine PC-DOS-Software im Februar 1981.

          Erstmals einen Standard gesetzt

          Ein halbes Jahr später stand sie mit dem mausgrauen Plastikkasten samt Bildschirm und Tastatur auf dem IBM-Präsentiertisch des Ballsaals im Nobelhotel Waldorf-Astoria. Das Team um Estridge war zufrieden, der Vorstand hoffnungsvoll, die Presse gespannt. Am Ende des Tages sorgte IBM für dicke Schlagzeilen. In den folgenden Monaten sah sich die Verkaufsabteilung des Konzerns mit Vorbestellungen überflutet. So verkaufte IBM über seine bevorzugten Einzelhändler Sears, Roebuck und Computer Land bis Weihnachten 65.000 Computer, verzeichnete 100.000 Vorbestellungen und stieg mit einem Schlag zum Branchenprimus auf. Das setzte Standards. Zwar war die technische Ausstattung des „5150“ bestenfalls durchschnittlich. Da auf dem Computer Software wie die Tabellenkalkulation „Lotus 1-2-3“ lief, verbreitete sich das Modell schnell in Büros und Haushalten.

          Richtungsweisend für die Massentauglichkeit war der modulare Aufbau des Rechners. Neue Funktionen oder leistungsfähigere Komponenten konnten durch Steckkarten nachgerüstet werden. Zur weiteren Verbreitung trug auch sein offener Bauplan bei. Andere Hersteller wie Compaq oder Dell, Toshiba und später auch HP und Sony durften die Architektur nachbauen, ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Dabei verkauften Intel die Prozessoren und Microsoft das Betriebssystem - das Duo bewährt sich bis heute. Kleincomputern, denen das Attribut „IBM-kompatibel“ fehlte, ließen sich nach der Markteinführung des PC nur noch schwer absetzen, auch wenn sie technisch besser waren. Hatte der Rechner doch erstmals einen Standard gesetzt. Das trieb die Verbreitung von Personalcomputern voran.

          Verkauf an die Lenovo-Gruppe

          IBM baute das Modell bis 1987. Dann folgten andere. Billigkonkurrenten schossen wie Pilze aus dem Boden. Computer wurden kleiner, handlicher, leistungsfähiger und gemessen an den Leistungen preiswerter. Keine 25 Jahre nach der Markteinführung des PC traf IBM den Entschluss, sich aus dem Geschäft mit Personalcomputern zurückzuziehen. Denn die Sparte endete, wie sie begann: mit einer Krise. Seit Ende der neunziger Jahre zählte sie zu einer der gewinnschwächsten Abteilungen des Unternehmens.

          Im Dezember 2005 unterschrieb IBM einen Vertrag mit der chinesischen Lenovo-Gruppe über den Verkauf. Lenovo schwang sich dank der Übernahme zum heute drittgrößten Computerhersteller der Welt auf. Philip Estridge, der „Vater des PC“, erlebte das alles nicht mehr. Zwei Jahre nachdem er ein Angebot von Steve Jobs 1983 abgelehnt hatte, Präsident von Apple zu werden, war er im Alter von 48 Jahren mit einem Flugzeug tödlich verunglückt. Ursache: ein Fehler in den Computern der Fluglotsen.

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