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Vor der Weltstahlkonferenz : Die Stahlbranche verliert an Schwung

  • -Aktualisiert am

Heißes Geschäft, unterkühlte Stimmung: Die Stahlproduktion wird auch in diesem Jahr wachsen – die Frage ist, um wie viel Bild: REUTERS

Auf der Weltstahlkonferenz werden die Chancen für diesen Werkstoff durch neue Technologien diskutiert. Aktueller freilich sind die Probleme struktureller Überkapazitäten.

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          Der Schwächeanfall in der chinesischen Wirtschaft und die Probleme der europäischen Staatsschulden werfen schwere Schatten auf die Stahlmärkte rund um den Globus. Die Stahlproduktion wird auch in diesem Jahr international wachsen. Aber der vom Weltstahlverband im April für 2012 prognostizierte Anstieg der Rohstahlerzeugung um 4,5 Prozent ist kaum noch zu halten. Nach Angaben von Worldsteel wurden in den ersten acht Monaten 1,02 Milliarden Tonnen Rohstahl erschmolzen, gerade mal 0,9 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2011. Und nach den Ferienwochen ist im September keine spürbare Belebung eingetreten. Im Gegenteil. In China und in der EU hat sich das Marktklima noch verschlechtert: Der Auftragseingang lässt nach, und die Stahlpreise stehen unter erheblichem Druck.

          Mithin wird die Stimmung der etwa 300 Spitzenvertreter von Stahlkonzernen auf der Weltstahlkonferenz am 10. und 11. Oktober im indischen Neu-Delhi eher unterkühlt sein. Ein Gradmesser dafür könnte die im August in der globalen Stahlindustrie deutlich auf 75,5 Prozent abgesackte Kapazitätsauslastung sein, die zwischen 2000 und 2008 durchschnittlich bei 82 Prozent lag. Während die deutschen Produzenten derzeit auf eine Auslastung von 85 Prozent kommen, zieht vor allem die schlechte Beschäftigung in südeuropäischen Anlagen den europäischen Durchschnittswert auf 75 Prozent runter.

          Streit um Überkapazitäten

          So dürfte bei den Stahlchefs in Neu-Delhi das aktuelle Überangebot, das in weiten Teilen der Welt die Stahlpreise drückt und den Produzenten Verluste beschert, ein wichtiges Thema sein. Dabei geben China und die Europäische Union die Hauptrollen in dieser Debatte. Die chinesischen Stahlproduzenten haben bis in den Sommer hinein weit über dem Bedarf Rohstahl erzeugt und drücken den Überschuss gegenwärtig in Asien auf den Markt.

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          Während sich die Preise für das Referenzprodukt Warmbreitband nach Angaben des Stahlmarktexperten Andreas Schneider im Sommer in Deutschland um bis zu 30 Euro auf 490 bis 520 Euro je Tonne abgeschwächt haben, berichtet er in seinem jüngsten Stahlmarkt-Brief von einem seit Juli in Asien anhaltenden beinharten Preiskampf. Aus Schanghai werde die Tonne Warmbreitband für knapp 400 Dollar exportiert. Das Problem in China: Dort haben sich die Überkapazitäten der Stahlproduzenten seit 2005 trotz erheblich erhöhten Bedarfs auf rund 200 Millionen Tonnen Rohstahl glatt verdoppelt.

          In Europa hat Wolfgang Eder schon vor Wochen mit seinem Vorschlag einer von der Kommission in Brüssel flankierten Marktbereinigung einen Streit um Überkapazitäten ausgelöst. Der Chef des österreichischen Stahlkonzerns Voestalpine und Präsident des europäischen Stahlverbandes Eurofer bekräftigte jetzt den von ihm auf rund 50 Millionen Tonnen Rohstahl veranschlagten strukturellen Überhang. In Erwartung des zunehmenden Importdruckes vor allem bei einfacheren Qualitäten halte er eine nachhaltige Produktionskapazität von rund 150 Millionen Tonnen für realistisch, sagte Eder. Denn auch nach dem Wiedererstarken der EU werde die europäische Stahlindustrie nicht mehr an die Produktionswerte von vor Ausbruch der Finanzkrise 2008 herankommen. „Ich habe nie von einem von der Kommission zu erstellenden Masterplan für den Kapazitätsabbau gesprochen - dies wäre genau der falsche Weg“, versichert der Eurofer-Präsident. Vielmehr sollten sich die Stahlunternehmen gemeinsam auf Schritte für eine sinnvolle Kapazitätsanpassung verständigen. Die Kommission sollte sich darauf beschränken, diesen Weg zuzulassen, um kritische kartellrechtliche Implikationen zu vermeiden.

          Die deutsche Stahlbranche erwartet 2013 eine weitere Last

          Der Weltstahlmarktführer Arcelor-Mittal hat schon einen ersten Schritt gemacht und angekündigt, dass die Rohstahlerzeugung im lothringischen Werk Florange endgültig geschlossen wird. Mit starkem Interesse verfolgt die Branche die Entwicklung bei dem zur italienischen Stahlgruppe Riva gehörenden Stahlwerk Ilva in Taranto. Wegen erheblicher Umwelt- und Gesundheitsbelastungen droht dem mit 11 Millionen Tonnen Rohstahlkapazität größten Stahlwerk in Europa die Stilllegung der Flüssigphase.

          Für Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger ist diese Kapazitätsdebatte freilich nicht das zentrale Thema. „Wir haben nämlich ein Preis- und Kostenproblem, das naheliegender und drückender ist“, sagte Hiesinger gegenüber dieser Zeitung. Schließlich sei in diesem Jahr der Mengenrückgang in der Branche mit einer Größenordnung zwischen 6 und 10 Prozent gar nicht so gravierend. Signifikant dagegen sei der Ergebniseinbruch der Unternehmen. „Seit die Rohstofflieferanten 2010 die Jahresverträge durch wesentlich kürzere Kontrakte ersetzten, haben wir es nicht mehr geschafft, die enorm hohen Rohstoffkosten wirklich im Endkundenpreis weiterzugeben.“ Im Sommer 2011 seien die Preise für Flachstahl so hoch gewesen wie vor dem Systemwechsel, allerdings die Tonne Stahl mit 80 Dollar höheren Rohstoffkosten belastet. „Dieser erhebliche Margen- und Ergebnisverlust ist für mich das viel größere Problem“, sagte Hiesinger.

          Während er damit Sorgen anspricht, die viele Stahlproduzenten rund um den Globus haben, erwartet die deutsche Branche 2013 eine weitere Last: die Zusatzkosten durch möglicherweise steigende Preise für die Emissionszertifikate und die Anhebung der Umlage für erneuerbare Energien (EEG). Die Entlastung in der EEG-Umlage für stromintensive Unternehmen bedeutet, dass Thyssen-Krupp nicht 260 Millionen, sondern 80 Millionen Euro im Jahr bezahlen muss. „Wenn sie wie erwartet nun auf 5,2 Cent je Kilowattstunde angehoben wird, würden unsere Kosten um rund 40 Millionen Euro steigen“, sagte Hiesinger.

          Hoffnung auf eine positive Entwicklung

          Auch Hans Jürgen Kerkhoff, der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, kritisiert die Doppelbelastung für deutsche Stahlwerke durch Kosten aus dem europäischen Emissionshandel und aus den in Deutschland besonders ambitionierten Zielen zur Umstellung auf regenerative Energien. Aber auf der Weltstahlkonferenz treiben den Verbandspräsidenten andere Themen um. Unter Abwägungen der Chancen und Risiken für den Stahlmarkt ist er zuversichtlich, dass es im nächsten Jahr eine Belebung geben wird. Er erwartet, dass die neue Regierung in China mit Stimulierungsprogrammen das Wirtschaftswachstum beleben werde. Auch auf anderen Märkten, in Brasilien, den Vereinigten Staaten, Indien oder der Türkei, gebe es - aus unterschiedlichen Gründen - Zeichen für einen wachsenden Bedarf.

          Selbst am deutschen Stahlmarkt sieht Kerkhoff Chancen für eine Besserung. „Bis zuletzt produzierten die Verarbeiter, Maschinenbau, Bau und auch die Automobilindustrie noch immer auf sehr hohem Niveau. Die verhaltene Entwicklung für die Stahlindustrie in den vergangenen Monaten ist folglich ein mit dem Lagerzyklus zusammenhängender Effekt“, erklärt er. Der normalerweise bis zur Jahresmitte anhaltende Lageraufbau sei diesmal schon im Februar ausgelaufen und sollte daher auch etwas früher wieder beginnen. Er hofft, dass die von den meisten Konjunkturforschern für Anfang nächsten Jahres prognostizierte moderate Erholung der deutschen Wirtschaft auch der Stahlproduktion hilft. „Ich bewerte die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung im nächsten Jahr höher als die einer verschärften Staatsschuldenkrise.“

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