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Vor der Weltstahlkonferenz : Die Stahlbranche verliert an Schwung

  • -Aktualisiert am

Die deutsche Stahlbranche erwartet 2013 eine weitere Last

Der Weltstahlmarktführer Arcelor-Mittal hat schon einen ersten Schritt gemacht und angekündigt, dass die Rohstahlerzeugung im lothringischen Werk Florange endgültig geschlossen wird. Mit starkem Interesse verfolgt die Branche die Entwicklung bei dem zur italienischen Stahlgruppe Riva gehörenden Stahlwerk Ilva in Taranto. Wegen erheblicher Umwelt- und Gesundheitsbelastungen droht dem mit 11 Millionen Tonnen Rohstahlkapazität größten Stahlwerk in Europa die Stilllegung der Flüssigphase.

Für Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger ist diese Kapazitätsdebatte freilich nicht das zentrale Thema. „Wir haben nämlich ein Preis- und Kostenproblem, das naheliegender und drückender ist“, sagte Hiesinger gegenüber dieser Zeitung. Schließlich sei in diesem Jahr der Mengenrückgang in der Branche mit einer Größenordnung zwischen 6 und 10 Prozent gar nicht so gravierend. Signifikant dagegen sei der Ergebniseinbruch der Unternehmen. „Seit die Rohstofflieferanten 2010 die Jahresverträge durch wesentlich kürzere Kontrakte ersetzten, haben wir es nicht mehr geschafft, die enorm hohen Rohstoffkosten wirklich im Endkundenpreis weiterzugeben.“ Im Sommer 2011 seien die Preise für Flachstahl so hoch gewesen wie vor dem Systemwechsel, allerdings die Tonne Stahl mit 80 Dollar höheren Rohstoffkosten belastet. „Dieser erhebliche Margen- und Ergebnisverlust ist für mich das viel größere Problem“, sagte Hiesinger.

Während er damit Sorgen anspricht, die viele Stahlproduzenten rund um den Globus haben, erwartet die deutsche Branche 2013 eine weitere Last: die Zusatzkosten durch möglicherweise steigende Preise für die Emissionszertifikate und die Anhebung der Umlage für erneuerbare Energien (EEG). Die Entlastung in der EEG-Umlage für stromintensive Unternehmen bedeutet, dass Thyssen-Krupp nicht 260 Millionen, sondern 80 Millionen Euro im Jahr bezahlen muss. „Wenn sie wie erwartet nun auf 5,2 Cent je Kilowattstunde angehoben wird, würden unsere Kosten um rund 40 Millionen Euro steigen“, sagte Hiesinger.

Hoffnung auf eine positive Entwicklung

Auch Hans Jürgen Kerkhoff, der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, kritisiert die Doppelbelastung für deutsche Stahlwerke durch Kosten aus dem europäischen Emissionshandel und aus den in Deutschland besonders ambitionierten Zielen zur Umstellung auf regenerative Energien. Aber auf der Weltstahlkonferenz treiben den Verbandspräsidenten andere Themen um. Unter Abwägungen der Chancen und Risiken für den Stahlmarkt ist er zuversichtlich, dass es im nächsten Jahr eine Belebung geben wird. Er erwartet, dass die neue Regierung in China mit Stimulierungsprogrammen das Wirtschaftswachstum beleben werde. Auch auf anderen Märkten, in Brasilien, den Vereinigten Staaten, Indien oder der Türkei, gebe es - aus unterschiedlichen Gründen - Zeichen für einen wachsenden Bedarf.

Selbst am deutschen Stahlmarkt sieht Kerkhoff Chancen für eine Besserung. „Bis zuletzt produzierten die Verarbeiter, Maschinenbau, Bau und auch die Automobilindustrie noch immer auf sehr hohem Niveau. Die verhaltene Entwicklung für die Stahlindustrie in den vergangenen Monaten ist folglich ein mit dem Lagerzyklus zusammenhängender Effekt“, erklärt er. Der normalerweise bis zur Jahresmitte anhaltende Lageraufbau sei diesmal schon im Februar ausgelaufen und sollte daher auch etwas früher wieder beginnen. Er hofft, dass die von den meisten Konjunkturforschern für Anfang nächsten Jahres prognostizierte moderate Erholung der deutschen Wirtschaft auch der Stahlproduktion hilft. „Ich bewerte die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung im nächsten Jahr höher als die einer verschärften Staatsschuldenkrise.“

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