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Vor 30 Jahren : Wie die Windkraft-Testanlage „Growian“ scheiterte

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Zweiflügliger Rotor: Die Testanlage im Kaiser-Wilhelm-Koog wurde schon 1987 wieder demontiert. Bild: dpa Werner Baum

Schon nach den Ölkrisen der 70er Jahre galt die Windenergie als rettender Ausweg. 1983 ging die damals weltgrößte Testanlage „Growian“ in Betrieb. Sie scheiterte grandios.

          Ein Rotor mit einem Durchmesser von mehr als hundert Metern, ein Maschinenhaus von allein 340 Tonnen Gewicht: Die Ausmaße von „Growian“ waren gewaltig. Die riesige Versuchs-Windkraftanlage im schleswig-holsteinischen Kaiser-Wilhelm-Koog sollte ein Demonstrationsprojekt werden für alternative Möglichkeiten der Stromerzeugung und die Kompetenz der deutschen Industrie. Doch der am Donnerstag vor 30 Jahren offiziell gestartete Großversuch von Bundesforschungsministerium und Großkonzernen scheiterte grandios. Zum Abgesang auf die Windkraft insgesamt aber wurde er nicht. Die Zukunft gehörte aber zunächst wesentlich kleineren Anlagen.

          Anfang der 1980er Jahre aber waren die Verantwortlichen von ihrer Idee noch überzeugt, die damalige rot-gelbe Regierung in Bonn wischte alle Zweifel an dem Projekt trotz mahnender Stimmen beiseite: „Mit dem Projekt Growian wird zwar technisches Neuland betreten, ein ungerechtfertigt hohes technisches Risiko ist damit aber nicht verbunden“, erklärte das Bundesforschungsministerium während der Vorbereitungsphase Anfang 1982 in einer Antwort auf eine skeptische Kleine Anfrage der Unions-Bundestagsopposition.

          Drei Megawatt Leistung - Strom für 4000 Haushalte

          Damals galten Wind und Sonne zumindest für kurze Zeit schon einmal als rettender Ausweg. Die Ölkrisen der 1970er Jahre hatten die Industrieländer erschüttert und lösten hektische Versuche aus, die riskante Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und Energieimporten zu reduzieren.

          Der große Gewinner derartiger Debatten war die Atomkraft. Aber das Bundesforschungsministerium wollte auch die Chancen für die Windenergienutzung ausloten und legte deshalb Ende der 1970er Jahre ein Forschungsprogramm auf, für das sich deutsche Unternehmen bewerben sollten.

          Das Ergebnis dieser Bemühungen war die am 17. Oktober 1983 in dem Koog an der Nordseeküste bei Brunsbüttel in Betrieb genommene „Große Windenergieanlage“, kurz „Growian“. Realisiert wurde der Gigant, der es auf eine Leistung von drei Megawatt bringen und damit theoretisch 4000 Haushalte versorgen sollte, von führenden Konzernen. Hauptkonstrukteur war MAN, als Betreiber für das gesamte Projekt fungierten die Versorger RWE, HEW und Schleswag.

          Lange galt „Growian“ als die größte Windenergieanlage der Welt. In Deutschland lagen bis dahin nur Erfahrungen mit einem Rotor von etwas über 30 Metern vor. Das Windkraftpionierland Dänemark setzte damals schon auf das Konzept zahlreicher kleiner, aber verlässlicher Turbinen, die in Gruppen oder Parks gebündelt wurden. Das blieb auch Kritikern in Deutschland nicht verborgen, die die „Projektgigantomanie“ der Bundesregierung geißelten.

          Anlagen in dieser Größe wurden erst in den vergangen Jahren marktreif

          Tatsächlich wurde „Growian“ ein Reinfall. Die Materialien waren den gewaltigen Kräften, die auf die Riesen-Anlage wirkten, nicht gewachsen. Bauteile brachen. Der Rotor stand nahezu durchgehend still, an Testbetrieb war kaum zu denken. „Die Aufgaben waren nach dem damaligen Kenntnisstand effektiv unlösbar. So als hätte man Otto Lilienthal nach seinen ersten Flugversuchen mit dem Bau eines Überschalljets beauftragt“, kritisierte „Die Zeit“ 1985. In jenem Jahr fiel die Entscheidung, „Growian“ stillzulegen und abzuwracken.

          Die Windenergiebranche brachte er nicht nach vorne - höchstens als mahnendes Beispiel für ein misslungenes Anlagenkonzept. Im Windschatten des abgeschalteten „Growian“ öffneten Schleswag und HEW, das Land Schleswig-Holstein und umliegende Kommunen 1987 den ersten Forschungs-Windpark in Deutschland. In ihm erprobten sie rund 30 kleinere Anlagen mit Rotordurchmessern von zunächst nur zehn bis 15 Metern. Dieser „Windenergiepark Westküste“ nahe des alten „Growian“-Fundaments existiert bis heute und gilt als eine Keimzelle der kommerziellen Windkraftnutzung in Deutschland.

          Anlagen in der Größenordnung des „Growian“ mit 100-Meter-Rotoren und drei Megawatt Nennleistung sollten sich schließlich doch noch durchsetzen. Aber bis dahin war es ein sehr weiter Weg: Entsprechende Modelle wurden erst in den vergangenen Jahren wirklich marktreif - also etwa 25 Jahre nach dem Aus für den Riesen vom Kaiser-Wilhelm-Koog.

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