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Von der Bahn bis VW : Die Rente mit 63 wird zum Fluch

Arbeitsplatz für Fachkräfte: Informationstafel in einem Bahn-Stellwerk in Oberhausen Bild: dpa

Die Frühverrentung droht den Fachkräftemangel in Deutschland dramatisch zu verschärfen. Auch die Metallindustrie fürchtet einen Raubbau am Erfahrungsschatz.

          Unter Eisenbahnern ist die Rente mit 63 ein Riesenthema. Viele von ihnen haben früh angefangen bei der Bahn – mit 15 oder 16 Jahren, gleich nach der Schule. Sie arbeiten in Zügen und in Werkstätten, oft seit Jahrzehnten im Schichtbetrieb. Bei denen, die inzwischen die Sechzig überschritten haben, kommen leicht 45 Beitragsjahre in der Bundesbahn, der DDR-Reichsbahn und der Deutschen Bahn zusammen. Diese altgedienten Eisenbahner gehören zu denen, die von den Rentenplänen der Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) profitieren und von Sommer an ohne Abschläge mit 63 Jahren in Rente gehen können. Für Bahnchef Rüdiger Grube aber könnte das ein Riesenproblem werden.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Denn wenn es hart auf hart kommt, fehlen der Bahn plötzlich diese Fachkräfte – Lokführer, Fahrdienstleiter oder Schlosser, die ohne Nahles’ Neuregelung noch zwei Jahre im Betrieb bleiben würden. „Wir schätzen, dass in diesem Jahr ungefähr 1.000 Eisenbahner zusätzlich in Ruhestand gehen könnten, wenn die Rente mit 63 kommt“, berichtet Sigrid Heudorf, Leiterin Beschäftigungsbedingungen und Sozialpolitik. Eigentlich hatte die Bahn damit gerechnet, dass dieses Jahr rund 7.000 Mitarbeiter aus Altersgründen aufhören. Nun könnten es viel mehr werden. Die Personalabteilungen haben noch keinen Überblick, wie viele sich für die vorzeitige Rente entscheiden werden. „Wir haben es noch nicht abgefragt“, heißt es. Viele der Altgedienten sind gerade dabei, auszurechnen, ob sich die Frührente für sie lohnt. Denn sie müssen zwar keine Rentenabschläge mehr hinnehmen, wenn sie mit 63 gehen. Andererseits können sie, wenn sie bleiben, ihre Rentenansprüche in den nächsten zwei Jahren noch aufbessern. „Für Leute, die keine Großverdiener sind, macht es schon einen Unterschied, ob sie 50 Euro mehr oder weniger Rente haben“, sagt Heudorf.

          Rentenpaket bereitet Arbeitgebern Sorgen

          Auch in anderen Unternehmen blicken die Personalplaner mit Schrecken auf die Rentenpläne der Regierung. In Niedersachsen zum Beispiel, wo mit VW und Continental industrielle Schwergewichte sitzen, melden zwei von drei Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie, dass Mitarbeiter bereits ihr Interesse an einer Frühverrentung angemeldet haben. Wenn nur jeder dritte derjenigen Beschäftigten, die mit 63 Jahren in den Ruhestand wechseln dürfen, dieses Angebot annimmt, würden die niedersächsischen Metallbetriebe von heute auf morgen rund 6.000 Fachkräfte verlieren, fürchtet der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Niedersachsen Metall, Volker Schmidt.

          Für ihn ist die Rente mit 63 „ein unverantwortbarer Raubbau am Erfahrungsschatz der Unternehmen“. Schmidt rechnet vor, dass heute bereits 12 Prozent der Mitarbeiter in seiner Branche älter als 60 Jahre sind. Vor 13 Jahren lag der Anteil noch bei 3 Prozent. Erschwerend komme hinzu, dass es derzeit mehr als 18.000 offene Stellen in der Metall- und Elektroindustrie in Niedersachsen gebe. „Damit kann sich das Rentenpaket der Bundesregierung zum Brandbeschleuniger für die ohnehin schon große Not der Unternehmen bei der Besetzung neuer Stellen entwickeln“, warnt Schmidt.

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