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Vollbeschäftigt obdachlos : Tagsüber Apple, nachts die Rückbank

Balkon, Wohnraum, Schlafzimmer: Scott Peebles auf dem Heck seines Dodge Caravan in San José. Bild: Lorenz Hemicker

In der Bucht San Francisco schlägt das Herz des Internetzeitalters. Der Boom hat eine Schattenseite. Tausende können sich trotz Jobs keine Wohnung mehr leisten. Besuch bei einem digitalen Obdachlosen.

          Scott Peebles’ Tag beginnt um halb sechs auf der Rückbank seines Autos. Wenn der Wecker schellt und er die Augen aufschlägt, erblickt der 53 Jahre alte Mann ein frisch gebügeltes Hemd auf einem Metall-Kleiderbügel am Heckfenster seines Dodge Caravan. Dahinter eine Betonmauer. Der erste Griff geht zum Nacken. Er ist steif geworden von der Kälte, die sich nachts durch die Ritzen seines Fahrzeugs frisst. Dann richtet er sich auf, öffnet die Schiebetür, schlüpft in seine Schuhe und trottet über einen großen Parkplatz hinweg in eine Baracke. Am Waschbecken der Angestelltentoilette seines Arbeitgebers wäscht sich Peebles notdürftig. Die Rasur folgt an einem Autospiegel. Wenig später rollt ein grauer Bus aus dem umzäunten Gelände hinaus, in dem Peebles geschlafen hat, hinaus auf die Straßen von San José. Hinter der Windschutzscheibe klebt das Apple-Firmenlogo. Der Arbeitstag hat begonnen.

          Scott Peebles ist Busfahrer und als Angestellter der Fuhrparkfirma Compass Transportation für das reichste Technologieunternehmen der Welt tätig. Jeden Morgen fährt er die Angestellten von Apple aus Fremont, vom Ostufer der San-Francisco-Bucht, über die verstopften Highways zu den Gebäuden der Firma auf dem Sunnyvale Campus und zurück. Seine jungen Fahrgäste, die, kaum eingestiegen, in die digitale Welt ihrer Smartphones und Tablets abtauchen, wirken cool und smart. Sie sind gut gekleidet. Vor ihren Häusern mit gepflegten Vorgärten, die Millionen kosten, stehen teure Karossen. Sie sind neu und häufig deutschen Fabrikats. Für die Angehörigen des Internetkonzerns ist Peebles einer von ihnen. Dabei kann sich ihr Busfahrer nicht einmal eine Wohnung leisten.

          Peebles ist kein Einzelfall. In San José, am südlichen Ende des Silicon Valleys, haben Menschen an den Straßenrändern Zelte aufgeschlagen. Andere campen des Nachts mit Wohnwagen auf Parkplätzen. Wieder andere sitzen weiter nördlich stundenlang in den Kaffeeshops von San Francisco, einen geeisten Frappucino vor sich. Dort nutzen sie die freien Internethotspots, laden die Akkus ihrer Smartphones auf oder schlafen, den Kopf auf den Händen abgelegt, im Sitzen. Es sind Tausende, die rund um San Francisco und im Silicon Valley ihren Beitrag zur Prosperität der Hochtechnologieregion beitragen - und doch auf ihrer Schattenseite leben. Während Apple, Google und Facebook ihre kreativen Köpfe mit horrenden Gehältern und paradiesischen Arbeitsbedingungen ködern, kämpfen junge Start-up-Unternehmer und die Angestellten von Vertragsfirmen in der Region täglich um ein menschenwürdiges Leben. Selbst dann, wenn sie voll beschäftigt sind. Die Ameisen des World Wide Webs sind zu Obdachlosen der digitalen Industrie geworden.

          Gegen zehn Uhr beginnt Peebles’ Mittagspause. Sie ist unbezahlt und dauert vier Stunden. Für ihn, der keine Familie hat, ist es eine tote Zeit. Er sitzt dann häufig in der Bibliothek von San José oder sucht im Internet nach einer neuen Wohnung. „Dabei ist es eigentlich hoffnungslos“, sagt Peebles beim zweiten Frühstück in einem Schnellrestaurant, das angesichts seines Appetits zugleich das erste zu sein scheint. Bei Spiegelei, Blaubeerkuchen und Vanilleeis erzählt Peebles, wie er im Herbst 2014 nach San José kam und dort zunächst bei seiner Schwester und seinem Schwager im Wohnzimmer lebte. Anfang Mai zog er in ein kleines Appartement. Das knapp elf Quadratmeter winzige Zimmer in der Wohnung seines Vermieters kostete Peebles inklusive Bad- und Küchenmitbenutzung 1000 Dollar pro Monat. Als kurz darauf sein Vermieter heiratete und dessen Frau bei ihm einzog, suchte Peebles das Weite. „Er sagte mir zwar, dass ich bleiben könne“, sagt Peebles und schickt ein heiseres Lachen hinterher. „Doch dann kappte er mir die Fernsehkabel und die Klimaanlage.“ Da habe er nach einem Auto gesucht, in dem er schlafen könne. Es gebe ja im Internet Seiten mit Empfehlungen, welche Wagen sich für so etwas am besten eigneten. Sein grüner Dodge Caravan, Baujahr 1997, habe in einer Rangliste immerhin auf Platz vier oder fünf gelegen.

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