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Umfrage unter Ökonomen : Volkswirte fürchten „Zombie-Unternehmen“

Eigentlich schon lange tot: Als Zombieunternehmen gilt, wer dauerhaft künstlich belebt wird. Bild: dpa

Halten die staatlichen Hilfen in der Pandemie Unternehmen am Leben, die eigentlich kein Geschäftsmodell mehr haben? Volkswirte sehen vor allem eine Maßnahme kritisch.

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          Hält die Politik Unternehmen am Leben, deren Geschäftsmodelle nicht mehr zeitgemäß sind? Volkswirte fürchten dies und betrachten eine solche „Zombifizierung“ der deutschen Wirtschaft mit Sorge, manche mit Blick auf die expansive Geldpolitik schon seit Jahren. Und laut neuestem Ökonomenpanel hat sich diese Entwicklung seit Beginn der Corona-Krise verschärft. Das Panel ist eine regelmäßige Umfrage des Münchner Ifo-Instituts und der F.A.Z. unter Wirtschaftswissenschaftlern an deutschen Universitäten. Teilgenommen haben diesmal 120.

          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Nur 9 Prozent von ihnen glauben, dass die Zahl von Zombieunternehmen seit März dieses Jahres unverändert sei. Weitere 5 Prozent zeigen sich unentschlossen. 66 Prozent oder zwei Drittel erwarten dagegen, dass die Zombifizierung eher zunehme. Weitere 20 Prozent vermuten sogar einen starken Anstieg.

          „Es ist unmöglich, die Probleme voll zu vermeiden“

          Hauptgrund ist die ausgesetzte Insolvenzantragspflicht: Unternehmen, die seit Frühjahr coronabedingt in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind, müssen diese erst seit dem 1. Oktober melden; im Fall von coronabedingter Überschuldung ist die Antragspflicht noch länger ausgesetzt. Für 86 Prozent der Panelteilnehmer birgt dies Risiken für die Entstehung von Zombieunternehmen. 50 Prozent sehen diesbezüglich auch das Kurzarbeitergeld kritisch. Die staatlichen Kredite und Bürgschaften über die KfW sowie der politische Druck auf Banken zur wenig restriktiven Kreditvergabe fördert dagegen nur aus Sicht einer Minderheit von 22 bis 32 Prozent die Zombifizierung.

          Aber lässt sich überhaupt nur denjenigen Unternehmen gezielt helfen, die ohne die Corona-Krise keine wirtschaftlichen Probleme hatten? Die Speyerer Finanzwissenschaftlerin Gisela Färber glaubt nein, zumindest nicht ohne sehr großen bürokratischen Aufwand. Ifo-Ökonom Panu Poutvaara sagt: „Es ist unmöglich, die Probleme voll zu vermeiden.“. Oliver Landmann aus Freiburg ergänzt: „Der Staat kann die Strukturen, die nach Corona noch tragfähig sein werden, nicht präzise voraussagen.“ Die Hilfen jetzt einzustellen, wäre verfrüht. Aber ein langsames, berechenbares Abschmelzen sende ein wirksames Signal aus, meint Landmann.

          In diese Richtung argumentiert auch der Bochumer Ökonom Martin Werding: Eine saubere Unterscheidung sei bei zügiger Krisenbekämpfung und überschaubarem Bürokratismus zwar nicht möglich. Am Ende aber helfe nur, den Krisenmodus nicht zu lange aufrechtzuerhalten: „So sind die Sonderregelungen zum Kurzarbeitergeld 2020 nicht so problematisch wie seine jetzt bereits erfolgte Verlängerung bis Ende 2021“, sagt Werding.

          Harald Fadinger aus Mannheim plädiert für Zuschüsse proportional zu Umsatzeinbußen im Vergleich zur Vorperiode. Jan Schnellenbach von der TU Cottbus-Senftenberg wiederum hält einen erweiterten steuerlichen Verlustrücktrag für sinnvoll, von dem vor allem die Unternehmen profitieren, die vor der Krise Gewinne gemacht haben. Dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen nach Ende der wirtschaftspolitischen Hilfsmaßnahmen „eher steigend“ sein dürfte, glauben 64 Prozent der Panelteilnehmer. Weitere 32 Prozent sagen gar „stark steigend“.

          Mangel an Fachkräften

          Wann genau wird ein Unternehmen eigentlich zum Zombie? Die Uneinigkeit bei Definition respektive Identifikation erschwere die Diskussion, bemerkt Franziska Peter von der Universität in Friedrichshafen. Es existierten unterschiedliche Maße, die zumindest nach ihren Analysen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen in Hinblick auf die Prävalenz, also Verbreitung von Zombieunternehmen führten.

          Tatsächlich kommen die Befragten zu ganz unterschiedlichen Auffassungen. Der Freiburger Ökonom Landmann hält die vermeintliche Zombifizierung durch die Niedrigzinsen für „ein Märchen der EZB-Kritiker“. Andreas Freytag aus Jena sagt das Gegenteil: Die EZB trage sogar „noch wesentlicher“ als die Corona-Hilfen zur Entstehung von Zombieunternehmen bei. Für Bruno Schönfelder von der TU Freiberg ist selbst die Deutsche Bahn „ein heißer Kandidat für diese Kategorie“.

          Der Frankfurter Finanzprofessor Alfons Weichenrieder hält den Begriff außerhalb der engen akademischen ökonomischen Diskussion für wenig hilfreich, da er despektierlich klinge und nicht selbsterklärend sei. Hingegen blockieren Zombieunternehmen aus Sicht von Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung in Halle, die Fachkräfte. Deutschland sei grundsätzlich ein Land mit Mangel an Fachkräften, welche Zukunftsunternehmen brauchten, um die Wirtschaft von morgen zu entwickeln, sagt Müller. Zombieunternehmen bremsten somit den Wiederaufbau nach der Krise aus.

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