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TV-Spot gegen Diesel-Image : Und VW sprach: Es werde Licht!

Bild: Volkswagen

Mit einem reumütigen Werbespot versucht Volkswagen, den Diesel-Skandal hinter sich zu lassen. Der Clip ist großartig gemacht – aber inhaltlich totaler Blödsinn.

          Knapp vier Jahre nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals geht Volkswagen mit einem Werbefeldzug in die Offensive. Der Konzern hat eine große Imagekampagne gestartet, die den Ruf der Automarke vor allem in den Vereinigten Staaten wieder aufpolieren soll. Wie das konkret geplant ist, zeigt ein TV-Spot, der am Mittwoch während der Finalspiele der Basketballvereine der NBA seine Premiere feierte.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Der Werbeclip beginnt dunkel, der Zuschauer sieht einen weitgehend schwarzen Bildschirm, kurz ist ein kleines Büro zu sehen, dann ein zerknirschter Mitarbeiter, der seinen Kopf stützen muss. Zu hören sind Nachrichtensprecher, die über den Dieselskandal berichten und über unzufriedene Kunden, die VW verklagen. Dann beginnt zaghafte Musik zu spielen, der „Sound of Silence“ der amerikanischen Folk-Rock-Band „Simon & Garfunkel“. Und während die Sänger noch „Hello darkness, my old friend“ besingen, beginnt ein einsamer Designer nachts an seinem Zeichentisch mit ersten Entwürfen für ein neues Auto. Danach übernehmen Roboter die Arbeit, eine große Autobatterie wird angehoben. Am Ende des Clips macht der von VW angekündigte Elektrobus ID-Buzz seine Scheinwerfer an und rollt im besten Sinne des Wortes aus der Dunkelheit.

          „In der Dunkelheit fanden wir das Licht“, verkündet der Konzern dazu pathetisch. Zum Abschluss kündigt der Autohersteller gar eine „neue Ära des elektrischen Fahrens an“. Die Botschaft ist jedem Sportfan auch nach dem dritten Bier noch verständlich: VW hat aus dem Diesel-Debakel und seinen Fehlern gelernt, sich tüchtig angestrengt und gibt nun auf der hellen Seite der Autoproduktion elektrisch Gas.

          Evolutionssprünge dauern länger

          Als emotionaler Werbeclip funktioniert das ausgezeichnet, zumal der Clip exzellent produziert ist. Inhaltlich allerdings steht er auf tönernen Füßen. Natürlich tapsten die Wolfsburger nicht vier Jahre orientierungslos im Dunkeln umher, um dann irgendwo ein rettendes Licht zu sehen und ihm zu folgen. Vielmehr beschäftigten sie eine ganze Armada von Anwälten, um die Schadenersatzklagen in den Griff zu bekommen.

          Völliger Blödsinn ist zudem die Vorstellung, dass ein einzelner Auto-Designer so sehr von Zweifeln gequält wird, dass er seine Familie vernachlässigt, ein paar Nächte im Büro verbringt und mit dem Entwurf für ein neues Auto wieder herauskommt. Die konzeptionellen Arbeiten an einem neuen Fahrzeugmodell dauern Jahre, verschlingen bisweilen Milliarden und binden Tausende Mitarbeiter; von den Verhandlungen mit einer Vielzahl an Zulieferern und den Zulassungsbehörden ganz zu schweigen. Dass ein begabter Designer den VW-Konzern durch Nachtarbeit rettet, ist in etwa so realistisch wie die Annahme, dass ein begabter Handwerker den BER in Nachtarbeit und im Alleingang funktionsfähig macht.

          Genau genommen hat auch die Produktion des Werbevideos eine lange Vorgeschichte. Es ist nämlich die erste große Arbeit der New Yorker Werbeagentur Johannes Leonardo, die im Februar zur neuen leitenden Werbeagentur für den nordamerikanischen Markt ernannt wurde und die auch für Adidas und Google arbeitet.

          Im ersten Buch Mose heißt es: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ In der Autoproduktion dauern Evolutionssprünge leider länger. Deshalb gibt es den Bulli auch keineswegs jetzt schon, sondern voraussichtlich erst ab dem Jahr 2022 zu kaufen. Eigentlich versucht VW nämlich schon seit dem Jahr 2001, den Bulli in Form eines E-Autos wiederzubeleben. Realistisch wurde das aber erst mit der Entwicklung des modularen E-Antriebs-Baukastens. Der eignet sich zwar für kein Werbevideo, dafür aber hat das Bulli-Projekt vor drei Monaten die Serienfreigabe im Konzern erhalten.

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