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Volkswagen : Wachsam in Wolfsburg

Bernd Osterloh steht für den Neuanfang Bild: picture-alliance/ dpa

Bernd Osterloh, der VW-Betriebsratsvorsitzende, muss sich auf neue Machtverhältnisse einstellen. Europas größter Autohersteller ist bald nur noch eine Tochtergesellschaft von Porsche. Erst unbemerkt von Wendelin Wiedeking umgarnt, fährt Osterloh jetzt einen Konfrontationskurs gegen Porsche.

          Bernd Osterloh würde niemals ungesehen einen Gebrauchtwagen kaufen. Auch nicht, wenn der gute Gebrauchte ein Volkswagen ist. Dafür ist der großgewachsene, breitschultrige Mann mit dem kahlrasierten Schädel viel zu misstrauisch. Und ein gesundes Misstrauen braucht Osterloh auch als Vorsitzender des VW-Gesamtbetriebsrats. Denn in Wolfsburg ging es in den vergangenen Wochen und Monaten drunter und drüber, und die Aufräumarbeiten in den eigenen Reihen liegen nach der schmuddeligen Korruptionsaffäre auch noch nicht lange zurück.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Osterloh muss seit seinem Amtsantritt vor gut zwei Jahren einerseits das Vertrauen der Belegschaft in ihre Vertretung zurückgewinnen, andererseits muss er aber wachsam bleiben gegenüber allzu vielen Schulterklopfern in der Autostadt.

          Ein Affront für den Gewerkschafter

          Umso überraschender ist es, dass sich ausgerechnet einer wie Osterloh derart übertölpeln lässt. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, bisher nicht als „Gewerkschaftsfresser“ auffällig geworden, hatte den kantigen VW-Betriebsrat so lange in Sicherheit gewiegt, bis der gar nicht mehr merkte, wie die neue Porsche-Holding die Machtverhältnisse in Wolfsburg verändern würde.

          Wiedeking hat das neue Machtzentrum im Fall der Übernahme von VW so konstruiert, dass im Aufsichtsrat der Porsche-Holding nur drei Arbeitnehmervertreter von VW vertreten sind, gleichberechtigt neben drei Porsche-Betriebsräten. Für Osterloh ein Affront. Und deshalb mobilisiert er alle Kräfte, um zu retten, was möglicherweise nicht mehr zu retten ist. Die Rechte der Arbeitnehmervertretung in den Gremien will er gewahrt wissen, deshalb hat er eine Klage gegen Porsche eingereicht.

          Das „System VW“

          Dabei geht es Osterloh auch um seine eigene Position. Noch ist er als VW-Betriebsratschef und Mitglied des IG-Metall-Vorstands einer der mächtigsten Arbeitnehmervertreter im Land. Innerhalb der IG Metall ist er unumstritten, seine eigene Mannschaft hat der bekennende Fußballfan in Wolfsburg sowieso im Griff. Osterloh genießt im eigenen Lager auch deshalb so hohes Ansehen, weil er relativ geräuschlos alte Seilschaften gekappt und einen neuen Kurs eingeschlagen hat, aber gleichzeitig nicht um ein lautes Wort gegenüber dem Vorstand verlegen ist.

          Nachdem sein Vorgänger Klaus Volkert 2005 wegen der VW-Affäre zurücktreten musste und es mit der Glaubwürdigkeit in der Belegschaft dahin war, rückte Osterloh nach. In der Belegschaft steht der Sohn eines Eisenbahners für einen Neuanfang. Über Jahrzehnte konnte sich das „System VW“ entwickeln, jener Sonderweg mit Vier-Tage-Woche und einer Kohabitation von Management und Betriebsrat, der nach dem Skandal um Schmiergelder und Lustreisen in der Sackgasse enden musste.

          Konfrontationskurs gegen Porsche

          Osterloh wacht seither, unterstützt von IG-Metall-Boss Jürgen Peters, über betriebliche und tarifliche Errungenschaften, ohne die Kungelpolitik seines Vorgängers fortsetzen zu können. Trotz seines mitunter groben Auftretens nach außen gilt Osterloh intern als Führungsperson, die ein offenes Ohr für Belange der Mitarbeiter hat. Der 51 Jahre alte Industriekaufmann ist auch ein ausgesprochener Familienmensch. Vor gut einem Jahr ist er Vater geworden, seine Wochenenden bei Tochter und Ehefrau sind ihm beinahe heilig.

          Rückhalt in den eigenen Reihen hat Osterloh für seinen Konfrontationskurs gegen Porsche gewiss nötig. Ob er aber auch noch auf die Unterstützung des Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch zählen darf, ist ungewisser denn je. Bisher hat der Milliardär und Porsche-Enkel den Kurs der Belegschaftsvertreter unterstützt. Mit Vorgänger Volkert sei Piëch durch Stahlgewitter gegangen, heißt es in Wolfsburg.

          Doch Piëch hat seine eigenen Ziele. Eines hat er mit Hilfe von Osterloh und der Gewerkschaft erreicht: Er bleibt Aufsichtsratsvorsitzender bei VW. Was aus Osterloh und der Belegschaft wird, braucht Piëch in der neuen Machtkonstellation erst einmal nicht zu kümmern. Es liegt nun an Osterloh, die neuen Verhältnisse anzuerkennen. Europas größter Autohersteller ist bald nur noch eine Tochtergesellschaft von Porsche. Für das übersteigerte Selbstbewusstsein eines Wolfsburger VW-Mitarbeiters muss das eine schwer anzunehmende Realität sein.

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