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Neuer VW-Touran : Volkswagen glaubt noch an die Familie

Der neue Volkswagen Touran Bild: Christian Müßgens

Der Markt für Kompaktvans ist umkämpft. Mit dem neuen Touran will VW seine Dominanz im Geschäft mit Familienkutschen verteidigen.

          Wenn die Kinder auf der Rückbank quengeln, wird die Autofahrt schnell zur Qual. Volkswagen bietet für die neue Generation seines Kompaktvans Touran nun ein System an, das den Ärger der leidgeprüften Mütter und Väter wenigstens ein bisschen schmälern soll. Über das interne Funknetzwerk im Auto können die lieben Kleinen fortan einen Film über ihren Tabletcomputer gucken. Der Clou: Der Beifahrer bestimmt, welcher Film läuft und wann die Kinder genug in die digitale Röhre geschaut haben. Ein Knopfdruck auf der zentralen Bedienkonsole, und das iPad erlischt.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ganz neu ist dieses System zwar nicht, bislang war es aber vor allem in den Luxuslimousinen zu finden. Für die dritte Generation des VW-Kompaktvans, am Dienstag in Wolfsburg vorgestellt, ist das geradezu symptomatisch: Der neue Touran kommt optisch nicht nur kraftvoller und aggressiver daher als sein Vorgänger, er ist auch vollgepackt mit moderner Technik.

          Vom Motor über die Innenausstattung bis zum Entertainment-System: Die Wolfsburger haben an vielen Stellschrauben gedreht, um die Familienkutsche aufzuwerten. Nach Ansicht von Martin Winterkorn kann sich das Ergebnis sehen lassen: „Damit setzen wir einen neuen Maßstab in dieser Fahrzeugklasse“, sagte der VW-Vorstandsvorsitzende.

          Jeder dritte Kompaktvan in Deutschland ist ein Touran

          Hohe Sitzposition, Komfort und viel Platz sind die Kriterien für solche Kompaktvans. Und in Deutschland ist der Touran der Platzhirsch in diesem Revier: Jedes dritte Auto dieser Klasse trägt hierzulande den Touran-Schriftzug am Heck. Der Aufstieg des Modells ist auch deshalb beachtlich, weil VW erst spät in das Segment eingestiegen ist.

          Europas größter Autokonzern überließ das Feld lange dem Renault Scénic und dem Opel Zafira und stellte erst 2003 einen eigenen Beitrag zur kompakten Familienmobilität auf die Räder. Mit Erfolg: Inzwischen gehört der variable Fünf- bis Siebensitzer zu den meistverkauften Autos in Deutschland. Rund 1,9 Millionen Touran hat VW seit der Erstauflage an die Kunden geliefert. Und trotz des demografischen Wandels, glaubt VW auch weiterhin an die Zukunft in diesem Segment.

          Um den Marktanteil zu halten, geht der Konzern nun allerdings sehr preisaggressiv zu Werke. Trotz der zahlreichen Aufwertungen und Extras kostet das Einstiegsmodell unverändert 23 250 Euro. Dennoch verspricht sich Winterkorn eine steigende Rendite - und das, obwohl der Touran auch weiterhin im vergleichsweise teuren Wolfsburger Stammwerk vom Band läuft.

          In den Vereinigten Staaten gibt es keinen Markt

          Der Schlüssel zur höheren Marge liegt in der Produktionstechnik: Als zwölftes Modell unter dem Dach der VW-Gruppe wechselt der Kompaktvan auf das neue, einheitliche Baukastensystem MQB, das die Wolfsburger sukzessive über ihre Marken VW, Audi, Seat, Śkoda und Volkswagen Nutzfahrzeuge ausrollen. Winterkorn verspricht sich große Kostenvorteile. Anlaufschwierigkeiten, wie es sie bei der Umstellung des mit Abstand wichtigsten Modells, des Golfs, gegeben haben soll, schloss er für den Touran aus: „Wir haben eine steile Lernkurve und wissen jetzt, wo die Knackpunkte sind.“ Bis 2018 sollen insgesamt etwa 7 Millionen Fahrzeuge aus dem neuen Baukasten kommen, knapp dreimal so viele wie im vergangenen Jahr.

          Grundsätzlich beschränkt sich das Geschäft mit den Kompaktvans fast komplett auf Europa. In Amerika greifen Kunden, die viel Platz wollen, lieber gleich zum wuchtigen Geländewagen. In Asien spielt die Fahrzeugklasse bislang ebenfalls kaum eine Rolle. Auf dem alten Kontinent ist der Markt umkämpft. Rivalen wie Ford, Toyota oder Dacia greifen mit günstigen Modellen wie „C-Max“, „Verso“ oder „Lodgy“ an.

          Und von oben drängeln die Premiumhersteller: Die Mercedes-B-Klasse läuft schon in zweiter Generation und kommt bei den „Silver Agers“ so gut an, dass auch die Strategen von BMW diese in der Regel gutbetuchte Klientel umgarnen. Mit dem Zweier Active Tourer wagen sich die Münchner in dieses Segment und begehen dafür sogar zwei Tabubrüche: In ihren B-Klasse-Konkurrenten baut die weiß-blaue Marke, die für ihren Sechs-Zylinder-Reihenmotor bekannt ist, einen Drei-Zylinder ein und setzt erstmals auf günstigeren Front- statt auf bewährten Heckantrieb.

          Trotz dieser Vorstöße der Konkurrenten hält sich Audi, die Premiummarke im VW-Konzern, bislang aus dem Geschäft heraus und will auch zukünftig keine Edelversion des Touran auf die Straße bringen. „Einen Minivan braucht Audi nicht. Der hat in Amerika keinen Markt, in China vielleicht einen kleinen. Nur für Europa rechnet sich so ein Auto nicht“, hatte Audi-Chef Rupert Stadler im FAZ-Interview gesagt. Ob die Massenmarke Śkoda zusätzlich zu ihrem Großraumauto „Roomster“ womöglich ebenfalls einen Kompaktvan bekommen wird, ließ Winterkorn in Wolfsburg offen.

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