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Elektromobilität : VW beginnt Batteriezell-Produktion

Mitarbeiter in Salzgitter Bild: Reuters

Die neue Pilotanlage in Salzgitter soll der Auftakt für einen großangelegten Einstieg in die Fertigung werden. Doch die Risiken für den Wolfsburger Autokonzern sind hoch.

          3 Min.

          Für die Verhältnisse des Volkswagen-Konzerns, der global ein riesiges Netz aus Fabriken betreibt, sind die Dimensionen dieses Projekts winzig. 100 mal 50 Meter, so groß wie ein Fußballfeld, ist die neue Pilotanlage für Batteriezellen, die VW am Montag in seinem Werk in Salzgitter in Betrieb genommen hat. Zunächst geht es darum, Erfahrungen zu sammeln und Zellen, die in Elektroautos die Energie für das Fahren speichern, in Kleinserien zu produzieren. Das, so der Plan, soll aber nur der Auftakt in einer Schlüsseltechnologie sein, die für die ganze Branche entscheidend ist. „Wir erzeugen eine neue Großindustrie, die riesige Milliardensummen an Investitionen braucht, und zwar mit einer Entscheidung heute“, sagte Beschaffungsvorstand Stefan Sommer.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Im Moment arbeiten in der neuen Anlage rund 300 Mitarbeiter. Wenn VW wie geplant vom kommenden Jahr an mit dem schwedischen Partner Northvolt eine Großfabrik für Lithium-Ionen-Akkus in Salzgitter hochzieht, sollen in Summe 1000 Arbeitsplätze entstehen. Insgesamt gibt VW mehr als eine Milliarde Euro für die Fertigung in der niedersächsischen Stadt nahe dem Konzernsitz in Wolfsburg aus, einen Teil davon für die Zellproduktion im Gemeinschaftsunternehmen, den Rest für eine direkte Beteiligung an Northvolt, an dem VW eine Fünftel erworben hat. Ziel ist es, von 2023/24 an Batterien mit einer Kapazität von 16 Gigawattstunden (GWh) im Jahr herzustellen, für Sommer ein „Meilenstein in der E-Offensive des Volkswagen-Konzerns“.

          Hintergrund ist der erwartete Aufstieg der Elektroautos, auf den der vom Abgasskandal gebeutelte VW-Konzern so stark setzt wie kaum ein anderer Hersteller der Branche. In den nächsten Jahren will der Konzern siebzig verschiedene Modelle mit batterieelektrischem Antrieb auf den Markt bringen.

          Bislang dominieren asiatische Hersteller den Markt

          Bis 2030 soll der Anteil der E-Autos am Verkauf mindestens 40 Prozent betragen, auch um Schadstoffvorgaben der EU für die Flotte einhalten zu können. Der Beitrag für den Bedarf an Zellen, den Salzgitter in diesem Plan decken kann, ist gering. So braucht VW allein in Europa und China Batterien mit einer Kapazität von 300 GWh im Jahr, ein Vielfaches der geplanten Produktion im neuen Werk. Trotzdem sei es wichtig, mit dem Aufbau einer eigenen Kompetenz „die Kerntechnologie Batteriezelle in Deutschland zu etablieren“, sagte der Vorsitzende des VW-Aufsichtsrats, Hans Dieter Pötsch. Bislang dominieren asiatische Hersteller den Markt.

          Eine wichtige Rolle spielen auch die Arbeitsplätze, ein Faktor, der vor allem für das an VW beteiligte Land Niedersachsen und den Betriebsrat zählt. Denn das Werk Salzgitter, in dem etwa 8000 Menschen arbeiten, steht wegen der Umbrüche durch neue Antriebstechniken unter Druck. Ein Teil der Betroffenen werde in der Zellproduktion neue Chancen haben, betonte der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Bernd Osterloh. „Dass die Zellfabrik hier nach Salzgitter kommt, ist dem Druck und der Beharrlichkeit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat zu verdanken.“ Kritiker hatten eingewandt, dass die energieintensive Zellfertigung in Deutschland nicht profitabel zu betreiben sei. VW betonte hingegen am Montag, man habe mit dem Land Niedersachsen ein Modell für wettbewerbsfähige Strompreise gefunden, mit dem die Wirtschaftlichkeit gesichert sei. Damit seien letzte Vorbehalte gegen den Bau der Fabrik ausgeräumt. Details nannte der Konzern nicht.

          Welche Zelltechnik setzt sich durch?

          Auch der Ministerpräsident des Bundeslandes, Stephan Weil (SPD), hieß die Entscheidung von VW gut, in die Fertigung von Zellen einzusteigen. Salzgitter werde dabei im Mittelpunkt stehen, doch dürfe es nicht dabei bleiben. „Ich wünsche mir natürlich weitere Batteriezell-Fertigungsanlagen in Niedersachsen und bin insofern auch optimistisch.“ Zuletzt hatte es geheißen, dass der VW-Standort Emden, der wie Salzgitter im Zuge der Elektrooffensive vor Umbrüchen steht, ebenfalls Zellen herstellen könnte. Die Entscheidung über weitere Standorte sei aber noch nicht gefallen, hieß es am Montag. Auch zur Frage, ob VW für zusätzliche Anlagen ebenfalls auf den Partner Northvolt setzen wird, hielt sich das Management bedeckt.

          Grundsätzlich seien solche Partnerschaften wichtig, auch um das Risiko durch aktuell unsichere Aussichten von Elektroautos auf mehrere Schultern zu verteilen. „Wir investieren viel Geld in eine Technologie, die auf der Straße noch gar nicht richtig sichtbar ist“, sagte Vorstand Sommer. Er gab zu, dass auch die Frage, welche Zelltechnik sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durchsetzen wird, noch nicht komplett beantwortet ist. Die Anlagen in Salzgitter seien aber flexibel und könnten zu mindestens 50 Prozent weiterbetrieben werden, wenn sich zum Beispiel herausstelle, dass nicht die aktuelle Lithium-Ionen-Technik, sondern die sogenannte Feststoffzelle mehr Chancen am Markt habe.

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