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Neue Automarke : Der VW-Käfer der Chinesen

Auch diese südkoreanischen Models fuhren auf den Jetta – das Modell, nicht die Marke – ab. Bild: dpa/dpaweb

Der VW Jetta ist in China so beliebt, dass er jetzt eine eigene Marke werden soll. Für manche ist das Modell Jetta der VW Käfer Chinas. Ein VW-Manager meint: „Er hat China auf vier Räder gestellt.“ VW wird immer chinesischer.

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          Volkswagen schafft in China unter dem Namen Jetta eine neue Automarke, mit der sich das Unternehmen gezielt an jüngere Kunden wenden will. In vielen chinesischen Millionenstädten jenseits der Metropolen Peking und Shanghai sei die Autodichte mit 100 Fahrzeugen je 1000 Einwohnern immer noch sehr gering, heißt es in Wolfsburg. Gleichzeitig strebe eine stetig wachsende Mittelsicht in China nach dem eigenen preiswerten Auto.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Hier schlummert also ein enormes Potential, das wir als Volkswagen aktuell nicht ausschöpfen“, sagte VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann am Dienstag bei der Vorstellung der neuen Marke in Wolfsburg. Jetta soll im dritten Quartal mit drei Modellen und einem eigenen Händlernetz an den Start gehen.

          Der neue Markenname, der vom VW Jetta übernommen wurde, ist ungewöhnlich: Warum Jetta? Der Jetta war das erste Modell von VW, das in den 1990er Jahren in China produziert wurde. Stackmann verglich die Bedeutung des Autos für die Mobilität breiter Massen in China mit der des VW Käfers in Deutschland. „Der Jetta hat China auf vier Räder gestellt und ist heute eines der populärsten Volkswagen-Modelle in China“, sagte er. Für Chinesen repräsentiere er den erreichbaren Traum eines besseren Lebens.

          Wenn also ein Fahrzeugmodell in China die Stärke habe, zu einer eigenen Marke zu werden, dann sei es der Jetta. „Deshalb machen wir mit dem Jetta erstmals in der Volkswagen-Geschichte ein Modell zur Marke und entwickeln dafür eine eigene Modell- und Markenfamilie“, sagte Stackmann. Im Markt werde die neue Marke eigenständig positioniert, aber mit erkennbarer Nähe zur Autowelt von Volkswagen.

          China als Machtzentrum

          Die neue Marke ist Teil der Strategie von VW-Chef Herbert Diess, den Regionen und vor allem China bei der Entwicklung neuer Autos mehr Gewicht zu geben. Diess, der als Konzernchef seit Januar auch die Zuständigkeit für den chinesischen Markt an sich gezogen hat, hat diese Entscheidung klar begründet: „In den nächsten Jahrzehnten wird das Machtzentrum der Automobilindustrie in China sein.“ Volkswagen will er deswegen „chinesischer“ machen.

          Die neuen Modelle von Jetta wurden in enger Zusammenarbeit mit dem chinesischen Joint-Venture-Partner FAW-Volkswagen entwickelt. Die Partnerschaft gibt es seit 30 Jahren, als VW als Vorreiter unter den westlichen Autokonzernen nach China ging – wo das deutsche Unternehmen bis heute der stärkste Anbieter ist.

          China ist mit einem Anteil von rund 50 Prozent an den globalen Auslieferungen der mit Abstand größte Einzelmarkt für VW. Im vergangenen Jahr hat allein die Marke VW dort 3,11 Millionen Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert, 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Auf dem um 4,6 Prozent rückläufigen größten Automarkt konnte das Wolfsburger Unternehmen seine Marktanteile trotz des eigenen Minus‘ ausbauen.

          Leitmarkt für Elektromobilität

          Auch wenn der chinesische Automarkt derzeit wegen des Handelskonflikts mit Amerika schwächelt, sehe er „weitere große Potentiale für uns in den kommenden Jahren“, sagte Stackmann. VW kommt auf dem chinesischen Markt derzeit von zwei Seiten unter Druck: „China ist das neue Powerhouse bei Elektromobilität, Digitalisierung, Konnektivität und dem autonomen Fahren“, sagte Stackmann. „Um in diesem Wandel ganz vorne dabei zu bleiben, muss sich Volkswagen verändern sowie schneller und fortschrittlicher werden, wenn es um neue Technologien und Strategien geht.“

          Diess hat darauf reagiert. „Die Zukunft von Volkswagen entscheidet sich auf dem chinesischen Markt“, sagt er – und will China vom reinen Absatzmarkt zu einem Land machen, in dem Autos auch entwickelt und geplant werden. Der VW-Chef erwartet, dass China zum Leitmarkt für Elektromobilität wird. Zentral für die Elektrifizierungsoffensive von VW ist das Werk von VW und FAW in Foshan, in dem 600.000 Autos im Jahr gebaut werden können. Bis 2025 will Volkswagen etwa 40 verschiedene elektrifizierte Modelle in China anbieten.

          Nicht nur die Wende zur Elektromobilität und zum vernetzten Auto treibt VW unter dem Druck des chinesischen Marktes voran. Volkswagen hat in dem ostasiatischen Land das Profil eins „Top-of-Volume“-Herstellers, also keine preiswerten Autos für Einsteiger anzubieten. Genau dort gibt es aber das größte Wachstumspotential. „Insgesamt wird aktuell ein Drittel aller PKW in China im Einstiegssegment verkauft“, berichtete Stackmann. 81 Prozent der Einsteiger in diesem Segment kauften sich zum ersten Mal ein Auto – und fast ausschließlich chinesische Hersteller kämen dabei zum Zug.

          Keine Billigmarke

          Mit Jetta will VW allerdings keine neue Billigmarke schaffen. Auch wenn gemeinsame Bauplattformen mit VW im Konzern die Kosten senken, muss die neue Marke genügend Rendite erwirtschaften. „Ich sage ausdrücklich, dass Jetta mit seiner hohen Qualität, Sicherheit, Emotionalität, Wertbeständigkeit und seinem frischen Design keine sogenannte Budget- oder Economy-Marke sein wird“, sagte Strackmann. Die Preise sollen bewusst über den in China üblichen Einstiegspreisen von 5000 bis 6000 Euro liegen.

          Beginnen soll Jetta im Herbst mit drei Modellen, einer Limousine und zwei SUV. „SUV werden in China immer beliebter, sagte Stackmann. Wie in anderen Weltregionen auch, wächst der Marktanteil der wuchtigen Sportlimousinen in China dynamisch – und macht derzeit schon rund 50 Prozent des Gesamtmarktes aus. Etwa 200 Jetta-Händler will VW zum Marktstart im Herbst in China unter Vertrag haben, kündigte der VW-Vertriebsvorstand an.

          Volkswagen plant, mit der neuen Marke für Einsteiger auch beim Vertrieb neue Wege zu gehen. Da Erstkäufer in China mit 25 bis 35 Jahren deutlich jünger seien als die europäischen oder amerikanischen Kunden, seien sie viel stärker vernetzt mit der digitalen Welt. „Der Verkaufsprozess wird nahezu vollständig digital ablaufen“, sagte Stackmann. So soll es digitale Schauräume geben. Die neue Marke soll in Einkaufszentren und mit mobilen Sales-Trucks zudem direkt auf ihre potentiellen Kunden zugehen.

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