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Produktionserweiterung : VW plant in Wolfsburg neue Fabrik für E-Autos

Das VW-Markenhochhaus in Wolfsburg bekommt Zuwachs: Der Konzern expandiert in der Stadt. Bild: dpa

Eine endgültige Entscheidung über den Neubau ist noch nicht gefallen. Doch die Zeichen deuten auf eine Erweiterung des Stammwerks auf der grünen Wiese.

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          Volkswagen wird für die Produktion von Elektroautos wahrscheinlich eine neue Fabrik im Umland des Wolfsburger Stammwerks bauen. „Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, aber es spricht vieles dafür“, sagte der Vorstandschef der Marke VW, Ralf Brandstätter, am Dienstag in Wolfsburg. Anfang Dezember will der Aufsichtsrat des Konzerns über die Milliardeninvestitionen von Volkswagen in den nächsten Jahren entscheiden. In dem neuen Werk soll von 2026 an die nächste Generation von teilautonom fahrenden Elektroautos mit dem Namen Trinity vom Band laufen. In den bestehenden Werksstrukturen sei es bei laufender Produktion der Verbrennermodelle nicht möglich, so effiziente und wettbewerbsfähige Strukturen aufzubauen wie zum Beispiel der amerikanische Wettbewerber Tesla.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Überlegt wird deswegen, eine neue, reine Fertigungseinheit auf der grünen Wiese neu zu bauen. Später – wenn die Nachfrage nach den Erfolgsmodellen wie Tiguan und Golf wegen des Ausstiegs aus der Verbrennertechnik geringer wird – soll den Plänen zufolge auch im Stammwerk nach 2030 eine weitere Produktionslinie für Elektroautos kommen. Für 2023 sind für die Verbrenner noch einmal Nachfolgemodelle geplant, die auch in Wolfsburg gebaut werden sollen. Der Umbau des Werks mit seinen vier Produktionslinien ist im laufenden Betrieb geplant.

          „Mit der neuen Fabrik können wir Kapazitäten aufbauen, ohne in die laufende Produktion einzugreifen“, sagte Brandstätter. Dem Vernehmen nach soll die neue Werkseinheit rund 250.000 Trinity im Jahr produzieren. Rund vier Quadratkilometer Fläche müsste VW dafür im Umland kaufen, rund die Hälfte davon entfiele auf die Fertigungsstätte. Für das Stammwerk wäre es der erste Schritt für die Elektromobilität in Wolfsburg. „Wir haben ein gutes Team, das viel Erfahrung hat, neue Fabriken zu bauen“, sagte Brandstätter.

          Machtkampf zwischen Konzernchef und Betriebsrat

          Erste Spekulationen, dass VW für den Trinity eine neue Fabrik auf der grünen Wiese bauen könnte, waren bereits vor knapp drei Wochen in Wolfsburg zu hören gewesen. Im Stammwerk macht sich seit Monaten die Angst breit, bei der Wende zur Elektromobilität abgehängt zu werden. Nachdem Konzernchef Herbert Diess in internen Runden von einem möglichen Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen gesprochen haben soll, hat sich auch der Konflikt mit dem Betriebsrat wieder zugespitzt. Selbst ein Sturz von Diess wurde in dem in VW-Tradition abermals auf offener Bühne ausgetragenen Machtkampf zwischen Konzernchef und Betriebsrat trotz seiner erst vor wenigen Monaten beschlossenen Vertragsverlängerung wieder für möglich gehalten.

          Tatsächlich ist die Lage im Wolfsburger Stammwerk dramatisch. In den Jahren vor Corona war noch von rund einer Million Autos die Rede gewesen, die im Stammwerk produziert werden sollten. Im sogenannten Zukunftspakt von Betriebsrat und Management ist Ende 2016 noch mit mindestens 820.000 Autos geplant worden. „Auch bereinigt um die aktuellen Negativfaktoren Corona und Halbleitermangel sind wir von diesen gemeinsam verabredeten Plänen weit entfernt“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo. Im letzten Jahr wurden in Wolfsburg gerade mal knapp 500.000 Autos gebaut, in diesem Jahr zeigt der Pfeil weiter nach unten. Die Belegschaft ist verunsichert, sie „kennt solch lange Kurzarbeitsphasen nicht“, sagt Cavallo.

          Diess bleibt dennoch hart. „Wir müssen Wolfsburg endlich zukunftsfähig machen“, sagte er kürzlich bei einem Treffen mit Managern. Wiederum rief er dabei die geplante Fabrik des amerikanischen Konkurrenten als Maßstab beim Bau von Elektroautos aus. Im Tesla-Werk in der Nähe von Berlin sollen Elektroautos in zehn Stunden gebaut werden. Das ist deutlich schneller und effizienter als im VW-Werk im sächsischen Zwickau, in dem für die ersten rein elektrischen Modelle der Marke VW, den ID. 3 und den ID. 4 dreimal so lang gebraucht wird. Auch deswegen dürfte die Entscheidung des Aufsichtsrats darauf hinauslaufen, für die nächste Generation elektrischer, teilautonom fahrender Autos in Wolfsburg eine komplett neue Fabrik zu bauen. Wie zu hören ist, dürfte dann auch VW die zehn Stunden schaffen. Bei den neuen Elektroautos soll es eine gemeinsame Plattform geben und deutlich weniger Modellvarianten.

          Auch wenn der Betriebsrat in die Beratungen über die Pläne Brandstätters für ein Zielbild 2030 für das Stammwerk eingebunden war und der Markenchef die neue Fabrik als Zeichen der Stärke des Unternehmens wertet, dürfte eine neue Fabrik auf der grünen Wiese die Sorgen des Betriebsrats über die Auslastungsprobleme alleine nicht lösen. „Es ist an der Entwicklung der Zahlen schon abzusehen, dass der Trinity zur Auslastung des Werks nicht ausreichen wird“, hatte Cavallos Stellvertreter Gerardo Scarpino im Oktober gesagt. Der Trinity soll von 2026 an in der neuen Fabrik vom Band laufen, der Betriebsrat will bei der Planungsrunde im Dezember aber einen schnelleren Einstieg auch des Stammwerks in die Elektromobilität. Wie zu hören ist, laufen auch dazu noch Gespräche. Lösungen mit einer schnelleren Transformation zur Elektromobilität für die rund 14.000 Beschäftigen in der Produktion in Wolfsburg müssten aber auch wirtschaftlich sein. Konzernchef Diess hat in der Debatte um die Zukunft des

          Automobilbaus in Deutschland vor allem im Auge, mit Trinity „den Standort auf ein neues Wettbewerbsniveau zu heben“. Auch Diess bemühte sich am Dienstag, den Mitarbeitern ihre Ängste zu nehmen. „Angst ist ein schlechter Ratgeber. Es sollte keiner Angst haben“, beschwichtigte er in einem am im VW-Mitarbeiterportal veröffentlichten Video-Interview und wies auf die Beschäftigungssicherung bis 2029 hin. „Wir diskutieren und sprechen mit dem Betriebsrat über einen Zukunftsplan für Wolfsburg. Wie muss Wolfsburg aussehen im Jahr 2030, 2035, damit es zukunftsfähig ist?“

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