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Zentrum der Automobilindustrie : Volkswagen macht sich in Indien breit

Verkehrsmittel von gestern: Morgen kämpft VW gegen Fahrrad- und Autorikschas, aber auch gegen den Tata Nano Bild: AP

VW ist in Indien angekommen. Im Land des Monsuns und der schlechten Infrastruktur, in dem selbst Polos mit Chauffeur gefahren werden und der Tata Nano 1700 Euro kostet. Nahe der Industriestadt Pune baut VW nun ein neues Werk.

          Weiß Thomas Dahlem nicht weiter, dann blickt er gen Himmel. Dort, auf einem Hügel über der Hochebene, thront Shiva in seinem Tempel. „Der bleibt da. Wir bauen unser Werk um seinen Berg herum“, sagt Dahlem. Shiva, Hindu-Gott der Zerstörung und des Wiederaufbaus, reibt sich derzeit wohl täglich die Augen. Denn zu seinen Füßen stampfen fast 3000 Inder auf 230 Hektar ein riesiges Automobilwerk aus der staubigen Erde. Hier, in Chakan nahe der Industriestadt Pune, 170 Kilometer westlich der Wirtschaftsmetropole Bombay, will Volkswagen nach jahrelangem Hin- und Her endlich Fuß fassen. Dahlem soll als „Leiter Fertigungsplanung“ bis Ende des Jahres eine blitzsaubere Automobilfertigung hinstellen. Rund 580 Millionen Euro dürfte sie nach heutigem Stand kosten.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Bis zum Einsetzen des Monsuns im Juni müssen wir wetterfest sein“, sagt der 39 Jahre alte Dahlem im Gespräch mit der F.A.Z. Er hat es eilig, so wie das Unternehmen es eilig hat, für das er arbeitet. Nachdem sich der Markteintritt lange hingezogen hatte und mit vielen Wirren verbunden gewesen war, soll das neue Werk nun 2009 und damit ein Jahr früher als geplant arbeiten.

          Ambitionierte Ziele

          Pune wird das zweite Werk des Volkswagen-Konzerns in Indien. Denn die Marke Skoda sitzt schon mit einer Fertigung in Aurangabad. Dort soll auch künftig eine CKD-Montage, das Zusammensetzen von angelieferten Bausätzen, erhalten bleiben. In Aurangabad werden vier Skoda-Modelle, der Audi A 6, der Passat und bald A 4 und Jetta gebaut. Die Kapazität liegt bei rund 30.000 Einheiten im Jahr. Pune aber soll ein richtig feines Werk werden, in dem 2500 Mitarbeiter später einmal 150.000 Einheiten im Jahr fertigen.

          In Pune schrauben die Inder schon am Tata

          Wie hoch sich die Wolfsburger Autobauer die Latte auf dem Subkontinent nun gelegt haben, zeigt ein Blick auf das geplante Wachstum: Im vergangenen Jahr verkauften die Norddeutschen gerade einmal 20.000 Autos in Indien, in diesem Jahr sollen es 28.000 werden - ist Pune aber im nächsten Jahr fertig, stehen Kapazitäten für insgesamt 180.000 Einheiten zur Verfügung. „Wir wollen auf Dauer etwa 110.000 Volkswagen, rund 30.000 Skodas und 20.000 Audis im Jahr absetzen“, sagt Jörg Müller im Gespräch mit der F.A.Z., frisch gekürter Präsident von Volkswagen India Pvt Ltd.

          „Wir wollen auf einen lokalen Lieferanteil von 75 Prozent kommen“

          „Wir haben hier alle Komponenten: Presswerk, Karosseriebau, Lackierstraße und Montage“, frohlockt Dahlem. Genug Platz bietet das Gelände auch für ein später geplantes Motorenwerk. Die Lackierstraße für VW baut der schwäbische Anlagenbauer Dürr. Die Zulieferer sollen mit auf dem Volkswagen-Gelände angesiedelt werden. „Sie können mit Elektrowägelchen direkt ins Werk hineinrollen und genau zum richtigen Zeitpunkt ans Band liefern“, sagt Dahlem. Aus seiner Sicht mindern sich so die Infrastrukturrisiken der Zulieferer, denn hier haben sie Strom und Gas ohne Unterbrechung.

          Aus Kreisen der Zulieferer sind indessen Bedenken zu hören, dass sie sich durch einen solchen Standort auf Gedeih und Verderb Volkswagen auslieferten. Zugleich will sich der Autohersteller passende Lieferanten heranziehen. „Wir wollen auf einen lokalen Lieferanteil von 75 Prozent kommen“, gibt Dahlem ein ambitioniertes Ziel vor. „In China liegt der Anteil bei rund 45 Prozent. Hier aber treffen wir auf eine entwickelte Struktur. Die Zulieferer in Indien können weit mehr machen, als wir zu Beginn erwartet hatten.“ Zudem seien sie „deutlich billiger“ als diejenigen in Deutschland. Ein Wunder ist das nicht: Rechnet Volkswagen doch mit Lohnkosten am Band in Indien mit 2,50 Euro in der Stunde gegenüber 67 Euro in Deutschland.

          Die Preise für gute Mitarbeiter steigen im Tagesrhythmus

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