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Vodafone-Deal mit Telefónica : Kampfansage an die Telekom

Vodafone macht gemeinsam mit Telefónica Druck auf die Telekom. Bild: Reuters

Vodafone will Unitymedia übernehmen. Doch die EU-Kommission macht sich Sorgen um den Wettbewerb. Deshalb hat Vodafone jetzt einen Deal mit O2-Eigentümer Telefónica vereinbart. Der setzt die Telekom mächtig unter Druck und wäre gut für die Verbraucher.

          Und der Überraschungssieger ist: Telefónica Deutschland. Bisher vor allem bekannt für seine Handyverträge könnte der O2-Anbieter bald auch in größerem Stil schnelles Internet, Fernsehprogramme und Telefon über Breitband-Fernsehkabel anbieten und damit für mehr Konkurrenz auf dem deutschen Markt sorgen.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          So jedenfalls sieht der Plan aus, mit dem Vodafone die zögernde EU-Kommission von den Vorteilen der Kabelfusion mit Unitymedia überzeugen will. Im Mittelpunkt steht ein Großhandelsvertrag mit Telefónica: Die bekäme dadurch Zugriff auf das Fernsehkabel, könnte Anschlüsse bei Vodafone anmieten und über diesen für Telefónica ganz neuen Weg unter eigener Marke die Kunden bedienen.

          Vodafone schaltet auf Angriff

          Es wäre das erste Mal überhaupt, dass ein Kabelanbieter in Deutschland einen Konkurrenten auf sein Netz lässt. Anders als die Deutsche Telekom, die ihre Leitungen auf Geheiß der Marktaufsicht mit anderen Anbietern teilen muss, können die Kabelbetreiber in ihrem Netz bisher schalten und walten, wie sie wollen. Aber Vodafone muss sich etwas einfallen lassen. Sonst wird die geplante Milliardenübernahme, mit der die Briten in Deutschland voll auf Angriff gegen die Telekom schalten wollen, an einem Veto der EU-Kommission hängenbleiben.

          Der Zukauf soll Vodafone zum zweiten bundesweit tätigen Festnetzanbieter machen. In den meisten Bundesländern ist der Konzern nach der Übernahme von Kabel Deutschland bereits aktiv, mit Unitymedia würde das Netz in Zukunft auch Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg abdecken. So könnte Vodafone den Erzrivalen Telekom in Zukunft auf breiter Front mit Bündelangeboten aus Festnetz und Mobilfunk attackieren. Rund 7,5 Millionen Internetverträge für das Kabelnetz kämen nach der Fusion schon zusammen, potentiell erreichbar wären dann fast 25 Millionen Haushalte in Deutschland.

          Fernsehsender in Sorge

          „Unser Maßnahmenpaket hebt den Wettbewerb in Deutschland auf eine ganz neue Stufe“, sagte Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter. „Es ist gut für den Verbraucher, gut für den Wettbewerb und gut für die Fernsehsender“. Die aber befürchten bisher, dass das fusionierte Unternehmen zu mächtig wird und sie in eine Abhängigkeit zwingt.

          Diese Sorge versucht Vodafone zu zerstreuen. In den Zusage-Angeboten verpflichtet sich der Konzern gegenüber den Fernsehsendern, die Verbreitung ihrer Inhalte im Internet nicht einzuschränken und die Netzübergänge so aufzurüsten, dass stets ausreichende Übertragungskapazität über das Internet vorhanden ist.

          TV-Sender würden damit unabhängiger vom klassischen Fernsehkabel und könnten ihre Mediatheken und Streaming-Angebote via Internet weiter ausbauen, argumentiert das Unternehmen. Zuvor hatte Vodafone bereits erklärt, auf eine Erhöhung der Einspeiseentgelte zu verzichten, die die Sender für die Verbreitung ihrer Programme über das Kabel bezahlen.

          Die Kommission wird das Paket nun in einem „Markttest“ überprüfen und dazu Konkurrenten und Verbände befragen. Eine endgültige Entscheidung erwartet Vodafone im Sommer.

          Sehr positiv beurteilt der Düsseldorfer Wettbewerbsökonom Justus Haucap die Entwicklung. „Die Öffnung des Netzes und der Vertrag mit Telefónica werden den Wettbewerb im Bereich des schnellen Internet erheblich beflügeln“, sagte der frühere Vorsitzende der Monopolkommission FAZ.NET. Es komme nun ein dritter, sehr potenter Anbieter hinzu, der deutschlandweit an den Markt gehe. „Unangenehm ist das besonders für die Telekom, die nun einem noch härteren Wettbewerb ausgesetzt sein wird“.

          Die Sorgen der Kommission

          Im Mai 2018 hatte die Londoner Muttergesellschaft ihren Offensivplan angekündigt. Für 18,4 Milliarden Euro will sich Vodafone die deutschen Kabelnetze von Unitymedia und einige kleinere Unternehmen in Nachbarländern einverleiben. Der Vertrag mit Telefónica ist die Antwort darauf, dass die Kommission eine Beschränkung des Breitbandwettbewerbs befürchtet.

          Die bisherigen Fernsehkabelnetze überschneiden sich zwar nicht. Aber Vodafone bietet im Verbreitungsgebiet von Unitymedia auch schnelles Internet via DSL und VDSL an. Etwa 3 Millionen Anschlüsse werden bedient: über Leitungen, die von der Telekom angemietet und in Zukunft auf Kabel umgestellt werden sollen. Dadurch hätten Kunden in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg nach der Fusion weniger Auswahl, und die Preise könnten steigen. Deshalb bringt Vodafone, die auch mit anderen Interessenten verhandelt hatte, den Vertrag mit Telefónica ins Spiel.

          Der Mobilfunker könnte die Vodafone-Leitungen überall in Deutschland anmieten. Für das Unternehmen wäre es eine willkommene Möglichkeit, zu den beiden großen Rivalen aufzuschließen, indem es ebenfalls in der Fläche Bündelangebote aus Handyvertrag, Fernsehen und Festnetz-Internet vermarktet. Denn im Festnetz ist O2 bisher kaum präsent: Über angemietete Telekom-Leitungen werden nur etwa 2 Millionen Kunden mit schnellem Internet aus dem Wandanschluss versorgt.

          Ein Schönheitsfehler

          In der „langfristig“ angelegten Vereinbarung – üblich sind in solchen Fällen meistens wenigstens 10 Jahre – habe sich Telefónica verpflichtet, eine Mindestzahl von Kunden über das Fernsehkabel zu erreichen. Eine Obergrenze gebe es nicht, hieß es aus Unternehmenskreisen. Telefónica kann sowohl versuchen, eigene DSL-Kunden auf Fernsehkabel umzustellen als auch Vodafone Verträge abzujagen.

          Aber zunächst muss investiert werden: in Glasfaser und Übergabepunkte, um Zugänge und Schnittstellen zum Vodafone-Netz aufzubauen. Mindestens ein Jahr wird es dauern, bis es losgehen kann.

          Einen Schönheitsfehler hat der Vertrag: Er gilt jedenfalls in der Anfangsphase nur für Geschwindigkeiten bis zu 300 Megabit je Sekunde, während Vodafone für eigene Kunden schon auf Gigabit-Tempo ausbaut und dafür in den kommenden Jahren nach eigenen Angaben etwa 12 Milliarden Euro investieren will.

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