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„Vioxx“-Skandal : Risiken, Nebenwirkungen

  • Aktualisiert am

Von dem Medikament rät nun selbst der Hersteller ab Bild: AP

Das als „Superaspirin“ angepriesene Schmerzmittel „Vioxx“ wurde jetzt vom Markt genommen, weil es das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöhte. Die Suche nach wirklichen Alternativen ist nicht einfach.

          Die Börsianer erfuhren es wie stets früher als Ärzte und Patienten. "Verkaufen" lautete die Empfehlung der Analysten für die Aktien von Merck, Sharp & Dohme, kurz MSD, als am 30. September gegen Mittag die größte freiwillige Rückrufaktion in der Geschichte der Medizin begann.

          Patienten, Ärzte und Behörden dagegen hatten es schwerer zu erfahren, warum das beliebte Schmerzmedikament Vioxx plötzlich vom Markt verschwunden war. Im Bundesinstitut für Arzneimittel in Bonn war aus aktienrechtlichen Gründen morgens nur ein Hinweis angekommen, daß gegen Mittag eine wichtige Warnmeldung der Firma zu erwarten sei. Nach der Investorenkonferenz schrillten dann überall die Telefone in den deutschen Arztpraxen.

          Plötzlich galt es, weltweit zwei Millionen verunsicherter Patienten zu informieren und mit ihnen zu beraten, welche der alternativen Wirkstoffe sie nun statt Vioxx gegen ihren oft unerträglichen Schmerz einnehmen sollten.

          Angepriesen als „Superaspirin“

          Denn Vioxx war als "Superaspirin" gegen Gelenkschmerzen bei Rheuma angepriesen worden, weil es, anders als die klassischen Schmerzmittel Aspirin, Diclofenac oder Ibuprofen, seltener zu schweren Magenblutungen führt. In den Vereinigten Staaten gab der Konzern MSD schon mal 100 Millionen Dollar pro Jahr für Fernsehwerbung aus, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

          Vioxx-Tabletten seien als Schmerzmittel auch in Deutschland von einigen Ärzten "wie Lutschbonbons" verschrieben worden, empört sich Bruno Müller-Oerlinghausen von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: "Genau das war schon immer falsch und gefährlich." Die Arzneimittelkommission habe im Deutschen Ärzteblatt regelmäßig Warnungen veröffentlicht, die aber von den Ärzten im "Marketingnebel oft überhört wurden". Ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte werde in Fachkreisen seit Jahren intensiv diskutiert.

          Weltweiter Rückruf

          Der mögliche Schaden für Herz und Kreislauf war am Ende dann der Grund für den weltweiten Rückruf von Vioxx. In einer klinischen Studie an 2600 Patienten, vom Hersteller "APPROVe" getauft, war Vioxx langfristig als Mittel zur Prävention von Darmpolypen erprobt worden. Ziel war es also, ein neues Anwendungsfeld für das Mittel zu erschließen. Nach drei Jahren Einnahme von 25 Milligramm Vioxx täglich zeigte die Routineüberwachung der Daten aber, daß 45 der behandelten Patienten "schwere thrombotische Ereignisse" erlitten hatten - in der Kontrollgruppe waren es nur 25.

          Damit liegt erstmals ein handfester Hinweis für ein auf das Doppelte erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko vor. Wenn 400 Patienten ein Jahr lang Vioxx einnehmen, müßten laut Informationen der britischen Arzneimittelbehörde sechs statt drei mit einer schweren Thrombose rechnen. Allerdings sei dieser Effekt in der Studie erst nach einer mehr als achtzehnmonatigen Behandlungsdauer nachweisbar gewesen.

          Flut von Sammelklagen

          Die Firma MSD entschied sich nach Erhalt dieser Daten zum sofortigen Rückzug - möglicherweise auch wegen des strengen amerikanischen Haftungsrechts. Tatsächlich schalteten Opferanwälte in den Vereinigten Staaten sofort Websites frei, um die Firma Merck mit einer nie gesehenen Flut von Sammelklagen zu überziehen.

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