https://www.faz.net/-gqe-9173n

Dieselskandal : Vier neue Audi-Vorstände und ein altes Problem

Im Zuge des Abgasskandals gibt es Neuerungen im Audi-Vorstand. Doch der Chef bleibt. Bild: dpa

Tabula rasa bei Audi: Vier von sieben Vorstandsmitglieder müssen gehen. Vorstandschef Rupert Stadler hingegen darf weitermachen – und das, obwohl mehrere Strafanzeigen gegen ihn vorliegen.

          In München sitzt der frühere Audi-Motorentwickler Giovanni P. in Untersuchungshaft. Er soll über viele Jahre an der Manipulation von Audi-Dieselmotoren beteiligt gewesen sein, und gegenüber der Staatsanwaltschaft zeigt er sich in diesen Tagen offenbar sehr gesprächig. Er ist einer von jenen Audi-Ingenieuren, die mit ihren Aussagen womöglich den amtierenden Audi-Vorstand um den Vorsitzenden Rupert Stadler im Dieselskandal belasten können. Stadler selbst hat bislang jede Mitwisserschaft bestritten, auch hat die Staatsanwaltschaft (noch) kein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. Und die Eigentümerfamilien des Volkswagen-Konzerns halten zu Stadler.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Stattdessen wurde am Montag nach einer eineinhalbstündigen außerordentlichen Aufsichtsratssitzung der Vorstand an anderer Stelle umbesetzt: Mit Finanzvorstand Axel Strotbek, Vertriebsvorstand Dietmar Voggenreiter, Personalvorstand Thomas Sigi und Produktionsvorstand Hubert Waltl mussten gleich vier von sieben Vorständen ihre Posten räumen. Für sie rücken zum 1. September vier konzerninterne Kandidaten nach: Alexander Seitz, bisher bei VW do Brasil, übernimmt das Finanzressort, Wendelin Göbel, bisher Generalsekretär von VW in Wolfsburg, das Personalressort, Bram Schot, bisher bei den VW-Nutzfahrzeugen, das Vertriebsressort und der Leiter des Audi-Werkes im ungarischen Györ, Peter Kössler, das Produktionsressort.

          Signal des Neuanfangs

          Diskussionswürdig war allein die Berufung von Kössler. Aufsichtsrat und Familiensprecher Wolfgang Porsche wäre wohl ein anderer Produktionsvorstand lieber gewesen. Denn Kössler soll aus seiner Sicht zu arbeitnehmernah sein. Am Ende war es Porsche dann aber wichtiger, den Vorstandsumbau zügig und vollständig umzusetzen, als sich an einer einzelnen Personalie abzuarbeiten, hieß es im Konzernumfeld.

          Die Geschlossenheit war allen Beteiligten wichtig. Audi gilt als Keimzelle des Dieselskandals, wurde hier doch jene Betrugssoftware für die Drei-Liter-Dieselmotoren entwickelt, mit denen später auch die Marken Volkswagen und Porsche bei den Abgastests auffällig geworden sind.

          Und weil der Dieselskandal schon den gesamten Konzern zu lähmen scheint, sollte mit der Personalrochade im Vorstand ein Signal des Neuanfangs an die Belegschaft gesendet werden: Audi habe noch andere Themen, es gehe um den Aufbruch in das Zeitalter der Elektrifizierung und Digitalisierung, so die Lesart hinter den Personalien. „Die Familien versuchen, das Ganze zu stabilisieren. Das hat die höchste Priorität“, hieß es in Konzernkreisen.

          Abberufung von Stadler wäre Schuldeingeständnis

          Diese Abwägung spielt auch im Falle Stadler eine Rolle. Der Manager habe sich „an der Spitze von Audi bewährt“, sagte Aufsichtsratsmitglied Porsche. Stadler besitze „alle Voraussetzungen“, um Audi gemeinsam mit den neuen Vorstandsmitgliedern „in eine erfolgreiche Zukunft zu lenken.“

          Das neuerliche Bekenntnis zu Stadler in einer Zeit, in der ständig neue Details über seine Rolle im Abgasskandal ans Licht kommen, überrascht nur auf den ersten Blick. Die Eigentümer sind offenkundig fest entschlossen, eine Personalrochade, die bis in den VW-Konzernvorstand reichen und damit noch viel höhere Wellen schlagen würde, zu vermeiden.

          Eine Abberufung von Stadler würde jetzt wie ein spätes Schuldeingeständnis gegenüber den amerikanischen und deutschen Ermittlungsbehörden gewertet. „Die Anschuldigungen gegen Stadler müssen erst einmal bewiesen werden“, sagte ein Intimus der Familien. Sollten handfeste Beweise vorliegen, könnten die Porsches und Piëchs schnell reagieren. „Ob Stadler in einem halben Jahr noch da ist, vermag im Moment niemand zu sagen.“

          Mit seiner Rückendeckung für Stadler zeigt Wolfgang Porsche, dass er in Personalfragen anders agiert als sein Vetter Ferdinand Piëch, der sich im April nach langem Streit weitgehend zurückgezogen hatte. „Wenn ein Manager sich verdient gemacht hat, dann wendet Porsche sich nicht so schnell von ihm ab“, hieß es in gut informierten Kreisen. Stadler habe Audi in den letzten Jahren gut geführt. Zudem gilt er als enger Vertrauter der beiden Familienstämme.

          Strafanzeigen gegen Audi-Chef

          Für Stadler kann es im Dieselskandal womöglich schon bald noch ungemütlicher werden: Mehrere Strafanzeigen könnten die Staatsanwaltschaft veranlassen, nun doch gegen ihn zu ermitteln.

          Man werde im Auftrag diverser getäuschter Audi-Kunden bei der Staatsanwaltschaft München II Strafanzeige erstatten, sagte Christoph Rother, Partner der amerikanischen Kanzlei Hausfeld. Die Anwälte werfen Stadler Betrug vor.

          Er soll wissentlich falsche Erklärungen zur Typengenehmigung abgegeben zu haben: Denn die mit der Abgaseinrichtung versehenen Audi A4 Diesel-Fahrzeuge stimmen nicht mit dem ursprünglich genehmigten Typen überein – und dafür steht Stadler laut Anwalt Rother mit seiner Unterschrift in der Verantwortung. „Herr Stadler hat die Kunden angelogen“, sagte Rother. Er verweist dabei auf Bescheinigungen, die von Stadler unterzeichnet sind.

          Weitere Themen

          So werden Hacker reingelegt Video-Seite öffnen

          Moderne IT-Sicherheit : So werden Hacker reingelegt

          Die Firewall, die Eindringlinge einfach abwehrt, reicht in der heutigen IT-Welt oft nicht mehr aus. Dror Sal’ee, Mitgründer von Guardicore, erklärt im Video, wie Hacker ausgetrickst werden - vor allem um zu verstehen, worauf sie aus sind.

          Topmeldungen

          Vielen Österreichern mit türkischen Wurzeln wird vorgeworfen heimlich wieder türkische Staatsbürger wieder geworden zu sein.

          Doppelte Staatsbürgerschaft : Die geheimnisvolle Liste

          Mahmuts Eltern kamen vor mehr als vierzig Jahren aus der Türkei nach Österreich und gaben die türkische Staatsbürgerschaft auf. Nun wirft die FPÖ den Bürgern mit türkischen Wurzeln vor, keine Österreicher zu sein. Doch „wie beweist man, dass man kein Türke ist?“

          Polizeiskandal in Frankfurt : Behörde aus dem Tritt

          Ein rechtsradikales Netzwerk innerhalb der Frankfurter Polizei nennt sich „NSU 2.0“. Es soll gedroht haben, die Tochter einer Anwältin „zu schlachten“. Warum wurde das Opfer so alleine gelassen? Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.