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Gewerkschaftschef Kirchner : „Viele Bahn-Mitarbeiter haben die Hoffnung verloren“

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Ein Lokführer fährt im Führerstand eines ICE zwischen Erfurt und Bamberg. Bild: dpa

Der stellvertretende Aufsichtsratschef und Vorsitzende der Gewerkschaft EVG rechnet hart mit dem Staatskonzern ab. Die Stimmung in der Belegschaft sei „katastrophal“, mehr Pünktlichkeit bis auf Weiteres „eine Illusion“.

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          Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sieht die Stimmung beim Personal der Deutschen Bahn durch die Probleme des Konzerns am Boden. „Die Lage ist katastrophal. Es herrscht Frust“, sagt Alexander Kirchner in den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom Samstag. „Nicht wenige denken: Es wird eh nicht besser. Viele Kollegen haben die Hoffnung verloren.“

          Kirchner, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Bahn ist, beschreibt die Lage so: „Die Bahn ist über Jahre auf Verschleiß gefahren worden. Es fehlen Kapazitäten bei der Infrastruktur, bei den Zügen und beim Personal. Das führt dazu, dass das System allmählich kippt.“ Genervten Kunden macht er keine Hoffnung auf schnelle Besserung. „Mit kurzfristigen Maßnahmen im nächsten Jahr wieder auf 80 Prozent Pünktlichkeit zu kommen, ist eine Illusion.“

          Die Probleme haben sich nach Kirchners Darstellung über viele Jahre aufgebaut. Konzernchef Lutz trage ebenso Verantwortung wie die übrigen Vorstandsmitglieder und die früheren Führungskräfte. „Auch die Politik ist verantwortlich für den desolaten Zustand, den wir jetzt haben“, sagt er. Sie habe es „über Jahre“ versäumt, das notwendige Geld für die Modernisierung der Infrastruktur bereitzustellen.

          Mehr Angriffe auf Bahn-Mitarbeiter

          Ebenfalls an diesem Samstag wurde bekannt, dass Mitarbeiter der Deutschen Bahn immer häufiger Opfer von gewalttätigen Angriffen werden. In diesem Jahr sind nach Angaben der Bahn allein in den ersten neun Monaten 1981 Körperverletzungen gemeldet worden und damit mehr als im gesamten Jahr 2015. 2016 sei die Zahl auf 2374 gestiegen und im vergangenen Jahr auf 2550. „Die Kollegen in den Zügen und auf den Bahnhöfen sind mit der Wut der Reisenden über Verspätungen direkt konfrontiert. Sie müssen sich permanent für Probleme rechtfertigen, die sie weder verursacht haben noch verhindern können“, berichtet Kirchner.

          Die Deutsche Bahn hatte zuletzt ihre selbst gesetzten Pünktlichkeits-Ziele klar verfehlt. Zudem mahnte Vorstandschef Richard Lutz im September wegen sinkender Gewinne in einem Brandbrief an die Führungskräfte des Unternehmens eine bessere Zusammenarbeit und strengere Kostenkontrolle an.

          Der Grünen-Verkehrspolitiker Matthias Gastel wirft der CSU vor, die Krise der Bahn durch falsche politische Weichenstellungen wesentlich mitverschuldet zu haben. „Es ist nicht damit getan, die DB mit einer Strukturreform zu beauftragen und in der Bahnpolitik sonst alles beim Alten zu belassen“, sagt Gastel. Die CSU stellt seit 2009 den Verkehrsminister und den Parlamentarischen Staatssekretär. Verkehrsminister ist seit einem knappen Jahr Andreas Scheuer, Staatssekretär seit 2009 Enak Ferlemann.

          Hofreiter gegen Pofalla als Bahnchef

          „Es ist absurd, wenn Ferlemann und Scheuer nun so tun, als sei das alles überraschend und neu“, sagte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ferlemann sei schließlich schon seit 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium. Es sei seit vielen Jahren bekannt, dass der Bund zu wenig Geld in die Bahn investiere. Unklar sei nur gewesen, „wann das alles wieder hochkommt“.

          „Aus meiner Sicht gibt es im Vorstand zu wenige, die wissen, wie das System Bahn funktioniert“, so Hofreiter weiter. Er halte es deshalb auch nicht für sinnvoll, Lutz an der Konzernspitze durch Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla zu ersetzen, den ehemaligen Kanzleramtschef. „Ich kann mir vorstellen, dass die CDU das will. Aber ich kann nicht erkennen, dass Herr Pofalla an der Konzernspitze der richtige wäre.“

          Der Bund ist als Eigentümer der Bahn auch im Aufsichtsrat vertreten und kontrolliert somit das Bahn-Management maßgeblich mit.

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