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Vetternwirtschaft : Der irische Filz und die Banker

Anglo Irish: Ein Bankenskandal geht um die Welt. Bild: AFP

Die Veröffentlichung brenzliger Telefonate irischer Banker schlägt hohe Wellen in Irland und der Welt. Ein Kriminalreporter wird zum Star. Jetzt drohen den Führungskräften der Anglo Irish Bank Geldstrafen und Berufsverbote. Ein Blick hinter die Kulissen.

          Müde klingt der Reporter und aufgekratzt. Das hier war die Story seines Lebens: „Wir hätten niemals erwartet, dass das rund um die Welt solche Wellen schlagen würde“, sagt Paul Williams. Zeitungen aus 48 Ländern hätten seine Enthüllungsgeschichte über die skandalösen Telefonate irischer Pleitebanker aufgegriffen, berichtet der Journalist vom „Irish Independent“ in Dublin.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Paul Williams ist der Mann, dem die brisanten Aufnahmen zugespielt wurden. Die Quelle ist unbekannt. Seit sein Blatt am Montag mit der Veröffentlichung begonnen hat, machen sie rund um den Globus Schlagzeilen. Eigentlich ist Williams gar kein Wirtschaftsjournalist, sondern ein erfahrener Kriminalreporter. Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion haben ihm geholfen, sich in das komplexe Thema einzuarbeiten. „In diesen 30 Minuten Tonaufnahmen, die wir bisher veröffentlicht haben, hat das irische Volk mehr über die Hintergründe der Bankenkrise gelernt als in den fünf Jahren davor“, sagt Williams.

          Seine Geschichte hat inzwischen die Weltpolitik erreicht. Sie habe „nur Verachtung“ übrig für die Art und Weise wie sich die gescheiterten Banker über Politiker, Notenbanker und Bankkunden lustig machten, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einem EU-Gipfeltreffen in Brüssel. Die Telefonate bedrohten das Vertrauen in Demokratie und soziale Marktwirtschaft.

          Zentralbank bemüht sich um Schadensbegrenzung

          Irlands Zentralbankchef Patrick Honohan bemühte sich am Freitag in einem Gespräch mit F.A.Z. um Schadensbegrenzung. „Der Stil, die Einstellung und Kultur, die sich in diesen Telefonaten widerspiegeln, sind zutiefst abstoßend“, sagte Honohan. „Die deutsche Bundeskanzlerin hat das sehr klar auf den Punkt gebracht und ich kann dem nur zustimmen.“

          Die jetzt bekanntgewordenen Telefonate stammen aus dem Herbst 2008 und wurden zwischen Führungskräften der mittlerweile berüchtigten Anglo Irish Bank geführt. Der Finanzkonzern stand damals kurz vor der Insolvenz und brauchte dringend Hilfe von der irischen Notenbank. Zu hören ist unter anderem, wie ein Banker der angeschlagenen Großbank sich darüber lustig macht, dass deutsche Anleger seinem Konzern Einlagen anvertrauten. Dann stimmt er die historisch belastete erste Strophe der deutschen Nationalhymne an. „Deutschland, Deutschland über alles“ singt der Manager ins Telefon und bricht in Gelächter aus.

          Wiederholt spricht er von den „verdammten Deutschen“. In einer anderen Aufnahme witzelt der damalige Anglo-Chef David Drumm über die existenzbedrohend hohen Abflüsse von Kundengeldern aus seiner Bank: „Ein weiterer Tag, eine weitere Milliarde“, sagt Drumm in scherzhaftem Ton.

          Ausmaß des Finanzbedarfs bewusst heruntergespielt

          Notenbankchef Honohan droht den Bankern mit einem Berufsverbot. In den Mitschnitten entstehe der Eindruck, dass die Anglo-Irish-Banker gegenüber der Zentralbank das Ausmaß ihres Finanzbedarfs bewusst heruntergespielt hätten, um einen Notkredit nicht zu gefährden. „Das ist eine neue Dimension“, sagte Honohan. Die Notenbank prüfe rechtliche Schritte gegen die Banker.

          Denkbare Sanktionen sind unter anderem Geldstrafen und Berufsverbote. In den Telefonaten warnt einer der Banker, die Notenbank werde dem Notkredit nicht zustimmen, wenn sie das tatsächliche Ausmaß des Desasters vorab erfahre. Der Gouverneur Honohan räumte ein, die Mitschnitte seien auch Beleg für die mangelhafte irische Bankenaufsicht damals. „Es hätte niemals so einfach sein dürfen, die Aufseher hinters Licht zu führen“, sagte er. Irland habe seither seine Bankenaufsicht grundlegend reformiert. Der frühere Wirtschaftsprofessor ist seit dem Herbst 2009 Zentralbankchef in Irland. Die Ereignisse liegen also vor Beginn seiner Amtszeit.

          Die Veröffentlichung der Telefonmitschnitte hat in Irland hohe Wellen geschlagen. „Jeder kann es mit eigenen Ohren hören. Zum ersten Mal haben die Leute den Beleg dafür, dass die Banker tatsächlich so gewissenlos waren, wie sie es immer vermutet hatten“, sagt der Journalist Williams. Allerdings werfen die Enthüllungen auch ein schlechtes Licht auf Regierung und Polizei: Die Notenbank hat zwar nach Angaben Honohans den Inhalt der Mitschnitte bisher nicht gekannt. „Aber die Polizei hat sie seit vier Jahren“, sagt der Reporter. Trotz insgesamt dreier staatlicher Untersuchungsberichte zur irischen Bankenkrise Jahren sind die verräterischen Tonaufnahmen erst jetzt von Journalisten publik gemacht worden.

          Unter dem Druck der Veröffentlichung hatte der irische Ministerpräsident Enda Kenny diese Woche angekündigt, eine parlamentarische Untersuchungskommission einzurichten. Sie soll ihre Arbeit im Herbst aufnehmen. „Den bisherigen Untersuchungen fehlten die notwendigen Durchgriffsrechte, um wirklich die ganze Wahrheit aufzudecken“, sagt der Wirtschaftsprofessor und Bankenexperte Brian Lucey vom Trinity College in Dublin. Wird die neue Kommission endlich mehr Klarheit bringen? Lucey glaubt nicht daran. „Es gibt hier in Irland noch immer ein System von Insidern, eine gesellschaftliche Elite, die kein Interesse daran hat, dass diese schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit gewaschen wird.“ Die damalige Regierung wurde zwar abgewählt und auch die Chefs der großen Banken mussten gehen. „Aber in der zweiten Reihe der Banken und an den Schaltstellen des öffentlichen Dienstes sitzen noch immer viele Leute von damals“, sagt Lucey. „Das Ausland muss Druck machen, aus eigener Initiative wird Irland den Anglo-Skandal auch in Zukunft nicht vollständig aufarbeiten“, erwartet der Wirtschaftsforscher.

          Das irische Rechtssystem behindere die Aufklärung zusätzlich, sagt der Ökonom John Fitzgerald vom führenden irischen Wirtschaftsforschungsinstitut ESRI in Dublin. „Unser Recht ist ein verdammter Alptraum, aber wir müssen uns an die Verfassung halten“, sagt Fitzgerald. Die Mühlen des Gesetzes mahlten extrem langsam. „Die Leute hier in Irland wollen, die Schuldigen hinter Schloss und Riegel sehen.“ Aber verurteilt wurde bisher noch kein einziger früherer Spitzenbanker. „Bisher gibt es kein erkennbares Handeln der Gerichte“, sagt der ESRI-Forscher. Er verweist auf das Beispiel des früheren Verwaltungsratschefs von Anglo Irish, Sean Fitzpatrick: Dem soll ab dem kommenden Jahr der Prozess gemacht werden - sechs Jahre nach dem Beinahezusammenbruch von Anglo Irish.

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