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Vetternwirtschaft : Der irische Filz und die Banker

Denkbare Sanktionen sind unter anderem Geldstrafen und Berufsverbote. In den Telefonaten warnt einer der Banker, die Notenbank werde dem Notkredit nicht zustimmen, wenn sie das tatsächliche Ausmaß des Desasters vorab erfahre. Der Gouverneur Honohan räumte ein, die Mitschnitte seien auch Beleg für die mangelhafte irische Bankenaufsicht damals. „Es hätte niemals so einfach sein dürfen, die Aufseher hinters Licht zu führen“, sagte er. Irland habe seither seine Bankenaufsicht grundlegend reformiert. Der frühere Wirtschaftsprofessor ist seit dem Herbst 2009 Zentralbankchef in Irland. Die Ereignisse liegen also vor Beginn seiner Amtszeit.

Die Veröffentlichung der Telefonmitschnitte hat in Irland hohe Wellen geschlagen. „Jeder kann es mit eigenen Ohren hören. Zum ersten Mal haben die Leute den Beleg dafür, dass die Banker tatsächlich so gewissenlos waren, wie sie es immer vermutet hatten“, sagt der Journalist Williams. Allerdings werfen die Enthüllungen auch ein schlechtes Licht auf Regierung und Polizei: Die Notenbank hat zwar nach Angaben Honohans den Inhalt der Mitschnitte bisher nicht gekannt. „Aber die Polizei hat sie seit vier Jahren“, sagt der Reporter. Trotz insgesamt dreier staatlicher Untersuchungsberichte zur irischen Bankenkrise Jahren sind die verräterischen Tonaufnahmen erst jetzt von Journalisten publik gemacht worden.

Unter dem Druck der Veröffentlichung hatte der irische Ministerpräsident Enda Kenny diese Woche angekündigt, eine parlamentarische Untersuchungskommission einzurichten. Sie soll ihre Arbeit im Herbst aufnehmen. „Den bisherigen Untersuchungen fehlten die notwendigen Durchgriffsrechte, um wirklich die ganze Wahrheit aufzudecken“, sagt der Wirtschaftsprofessor und Bankenexperte Brian Lucey vom Trinity College in Dublin. Wird die neue Kommission endlich mehr Klarheit bringen? Lucey glaubt nicht daran. „Es gibt hier in Irland noch immer ein System von Insidern, eine gesellschaftliche Elite, die kein Interesse daran hat, dass diese schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit gewaschen wird.“ Die damalige Regierung wurde zwar abgewählt und auch die Chefs der großen Banken mussten gehen. „Aber in der zweiten Reihe der Banken und an den Schaltstellen des öffentlichen Dienstes sitzen noch immer viele Leute von damals“, sagt Lucey. „Das Ausland muss Druck machen, aus eigener Initiative wird Irland den Anglo-Skandal auch in Zukunft nicht vollständig aufarbeiten“, erwartet der Wirtschaftsforscher.

Das irische Rechtssystem behindere die Aufklärung zusätzlich, sagt der Ökonom John Fitzgerald vom führenden irischen Wirtschaftsforschungsinstitut ESRI in Dublin. „Unser Recht ist ein verdammter Alptraum, aber wir müssen uns an die Verfassung halten“, sagt Fitzgerald. Die Mühlen des Gesetzes mahlten extrem langsam. „Die Leute hier in Irland wollen, die Schuldigen hinter Schloss und Riegel sehen.“ Aber verurteilt wurde bisher noch kein einziger früherer Spitzenbanker. „Bisher gibt es kein erkennbares Handeln der Gerichte“, sagt der ESRI-Forscher. Er verweist auf das Beispiel des früheren Verwaltungsratschefs von Anglo Irish, Sean Fitzpatrick: Dem soll ab dem kommenden Jahr der Prozess gemacht werden - sechs Jahre nach dem Beinahezusammenbruch von Anglo Irish.

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