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Versicherungen für Ärzte und Hebammen : Die Tücken des medizinischen Fortschritts

Kleine Sachsen: Nachwuchs auf der Wochenstation der Universitätsfrauenklinik in Leipzig Bild: ZB-FUNKREGIO OST

Wer bei Geburten hilft, setzt sich auch einem Risiko aus. Deshalb steigen für Ärzte und Hebammen die Haftpflichtprämien. Versicherer ziehen sich zurück. Ein Deckungsnotstand ist die Folge.

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          Der Schweizer Aktienindex SMI kannte am 17. Oktober einen klaren Verlierer: Papiere der Zurich-Versicherung verloren 2,7 Prozent an Wert. Das Unternehmen hatte bekanntgegeben, dass es zusätzliche Reserven bilden musste - 550 Millionen Dollar überwiegend für Haftpflichtversicherungen in Deutschland, mit denen sich Ärzte, Ingenieure und Architekten gegen die Folgen beruflicher Fehler absichern. Bis zum 29. Oktober fiel der Kurs weiter um 6,7 Prozent. Innerhalb von knapp zwei Wochen verringerte sich der Börsenwert des Unternehmens um mehr als 3 Milliarden Dollar. Wegen eines kleinen Geschäftszweigs in einem Markt, der gerade mal 10 Prozent des gesamten Konzernumsatzes ausmacht.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Zwei Monate später in einem Kölner Hotel: Vor loderndem Kamin sitzt Ralph Brand, seit neun Monaten Deutschlandchef des Schweizer Versicherers. Er spricht von genauen Analysen, die seither laufen. „Ich bin zuversichtlich, dass die Rückstellungen ausreichen“, sagt er. Was genau schieflief, sei noch nicht zu beantworten. Er plane keine Sanktionen für die Verantwortlichen. Wichtige Konsequenzen hat das Management aber inzwischen gezogen. Nach dem Rückzug aus der Haftpflichtversicherung für Architekten wird zum 1. Januar auch das Geschäft mit Krankenhäusern eingestellt.

          Der Fall ist nur das auffälligste Beispiel für eine Herausforderung, mit der die gesamte Versicherungsbranche zu kämpfen hat. Die Langzeitfolgen von beruflichen Fehlern werden in einigen Berufen immer schwieriger zu kalkulieren. Und so steigen die Prämien für Berufsgruppen, die für Schäden mit besonders langer Wirkung oder spätem Eintritt verantwortlich sein können: Architekten, Ingenieure und Heilberufe wie Hebammen und Ärzte. Alle operierenden Ärzte klagen über wachsende Prämien. Am dramatischsten die Entwicklung, wenn sie mit Geburten zu tun haben. Versicherungsmakler warnen: Für Humangenetiker, die Föten auf Erbkrankheiten testen, gebe es einen Deckungsnotstand, der einem Berufsverbot nahekomme. Denn kein Arzt darf auf eine Haftpflichtversicherung verzichten.

          Viele Ärzte befürchten eine steigende Klagefreude

          Die Ursachensuche führt tief hinein in den Statistikkeller des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Seit 1991 haben sich die Kosten von Krankenhäusern um 3,3 Prozent im Jahr gesteigert, obwohl sie Betten abgebaut haben. In dieser Zeit legten die Verbraucherpreise nur um 1,8 Prozent zu. Wichtigster Treiber ist der Schadenaufwand je Einzelfall, der sich um 7 Prozent im Jahr verteuert. Patienten, die nach einem Arztfehler bei der Geburt früher schon in jungen Jahren gestorben sind, leben durch den medizinischen Fortschritt heute deutlich länger.

          Wohlbehütet: Hebamme steht neben einem Säuuglingsbett Bilderstrecke

          Gerichte sprechen ihnen ein fiktives Erwerbseinkommen zu, das ihnen durch ihre Behinderung entgeht. Kostentreibend wirken auch steigende Pflegekosten. Anders als bei Sachschäden dauert die Abwicklung lang: Erst nach fünf Jahren sind Personenschäden zu einem Viertel beglichen. Zudem machen Großschäden über 100.000 Euro mehr als die Hälfte des Schadenaufwands aus. Im Jahr, in dem der Schaden eintritt, liegt der Anteil nur bei einem Fünftel. Zudem hat sich das Verhalten der Krankenkassen geändert: Sie stehen unter Kostendruck und nehmen die Haftpflichtversicherer öfter als früher in Regress.

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