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Versicherungen : Barmer GEK streicht jede fünfte Stelle

  • -Aktualisiert am

Steht mit seiner Versicherung vor einer Rosskur: Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK Bild: BARMER GEK

Der Wettbewerb der Krankenkassen wird härter. Um Kosten zu sparen, halbiert die mitgliederstärkste Krankenkasse ihr Filialnetz und streicht 3500 Stellen. Der Kundenservice soll dennoch besser werden.

          Deutschlands mitgliederstärkste Krankenkasse, die Barmer GEK,  steht vor einer Rosskur: Bis 2018 sollen 3500 von 16.900 Vollzeitarbeitsplätzen abgebaut werden. Das ist mehr als jede fünfte Stelle, aber noch längst nicht alles. „Nach Abschluss des Umbaus werden wir noch 400 Geschäftsstellen haben“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Ersatzkasse, Christoph Straub, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Zahl der Geschäftsstellen werde binnen vier Jahren halbiert. Das sieht ein Konzept des Vorstands vor, dem der Verwaltungsrat zugestimmt hat und über das nun die Belegschaft informiert wird.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Kasse steht damit ab Mitte des Jahres vor einer Neuordnung von Geschäftsstellennetz und Arbeitsorganisation. Das Ziel ist klar: „Damit wollen wir jedes Jahr Kosten im Umfang von 250 bis 300 Millionen Euro sparen“, sagt Straub. Gleichzeitig will er die Barmer GEK „kundenfreundlicher, schneller und effizienter“ machen. Das alles sei notwendig, „weil der Wettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung in den kommenden Jahren wieder härter werden wird“, wie Straub prognostiziert.

          Steigende Ausgaben, sinkende Zuweisungen

          Die Kassen müssten sich bei steigenden Ausgaben auf sinkende Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds einstellen. Die Folge seien steigende Zusatzbeiträge, die nach dem Willen der Koalition künftig als prozentualer Zuschlag auf den Beitragssatz vom Lohn erhoben werden.

          Straub geht nicht davon aus, dass seine Kasse einen Zusatzbeitrag verlangen wird, „der über dem durchschnittlichen Zusatzbeitrag aller Kassen liegt“. Doch ohne Reform wäre das Ziel weit entfernt. Deshalb will der 52-Jährige „die guten Jahre nutzen, um das Unternehmen auf die härteren Zeiten vorzubereiten.“

          Dabei waren auch die vergangenen Jahre für die Barmer GEK nicht immer leicht. Der Titel „größte Krankenkasse“ fiel im Januar an die Techniker Krankenkasse (TK). Die zog mit 8,7 Millionen Versicherten am langjährigen Primus vorbei. Trösten kann Straub sich damit, dass er mit 6,7 Millionen immer noch die meisten Mitglieder einer Krankenkasse in seiner Kartei hat. Das sind die, die einen Beitrag zahlen. Anders als die Konkurrenz von DAK und KKH musste er auch keinen Zusatzbeitrag verlangen, der diese Wettbewerber viele Mitglieder kostete.

          Keine großen Reserven

          Doch zum Aufbau großer Reserven, wie bei anderen Konkurrenten, reichten die zuletzt „fetten Jahre“ bei der Barmer nicht, trotz des Beschäftigungsaufbaus in der Volkswirtschaft, höherer Beitragseinnahmen und Kostenkürzungen im Gesundheitswesen.
          2013 dürfte bei einem Haushalt von 28,2 Milliarden Euro gerade einmal ein Plus von 91 Millionen Euro übrig bleiben. Mit 1,3 Milliarden Euro sind die Reserven zwar gut doppelt so hoch, wie es der Gesetzgeber verlangt. Doch in schlechten Zeiten wird das Polster schnell dünner. Auch fallen die Rücklagen weit hinter das zurück, was Straubs früherer Arbeitgeber, die TK, ausweist: 3,5 Milliarden. An Prämienausschüttungen, die der Hamburger Primus und ein paar andere Kassen ihren Kunden zukommen lassen, ist in der Zentrale der Barmer GEK nicht zu denken.

          Eine andere Kennziffer aus dem Zahlenvergleich des Ersatzkassenverbands bringt das Dilemma auf den Punkt: Bei den Verwaltungskosten je Mitglied lag die Barmer GEK mit knapp 95 Euro 2013 nach drei Quartalen leicht über dem Durchschnitt (92,30 Euro) aller Ersatzkassen. Sie ist auch effizienter als Kassen wie die DAK oder KKH, aber nicht so effizient wie die Wettbewerber TK und HKK, deren Kosten ein Fünftel unter denen der Barmer GEK liegen.

          Daran will Straub, der seit 2011 den Vorstand führt, arbeiten. Deshalb zündet er die zweite Stufe einer durchgreifenden Organisationsreform, für die er sich der Hilfe der Berater von BCG versichert hat. In der ersten Stufe hatte der Mediziner sich 2012 zunächst die Hauptverwaltung in Wuppertal und Schwäbisch-Gmünd vorgenommen. Der Markenauftritt wurde frisch gestylt, die Organisation gestrafft, Kompetenzen gebündelt. 400 Stellen fielen weg, die meisten Beschäftigten kamen anderswo in der Kasse unter.
          Nicht angetastet worden war dabei die Informationstechnik. Die hatte nicht nur die vor vier Jahren vollzogene Fusion der Barmer mit der Gmünder-Ersatzkasse technisch nachzuvollziehen. Sie musste auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass im „Backoffice“ alles richtig und möglichst automatisch verarbeitet wird: Leistungsanträge, Abrechnungen, Kontrollen.

          Der Barmer GEK steht eine Rosskur bevor

          Jetzt, wo die neue IT läuft, wird auch hier umgebaut und umgesetzt. Am Ende der Rosskur wird die Barmer GEK 3500 weniger Vollzeitstellen benötigen. Das ist ein harter Schnitt, aber Straub verspricht auch: „Der Personalabbau wird sozialverträglich ausgestaltet.“

          Die neue Welt der Barmer GEK sieht so aus: Zwar gibt es weniger Geschäftsstellen, dafür dort mehr Personal und bundesweit einheitlich lange Öffnungszeiten bis zum frühen Abend. Vor allem Versicherte mit „komplizierten Anliegen“ wie Schwerkranke, Multimorbide oder Pflegepatienten sollen von einem besseren Service profitieren. Dabei sei sichergestellt, dass in aller Regel kein Kunde „überlange“ Wege in Kauf nehmen müsse.

          Straub: Von „Kahlschlag“ keine Rede

          Den Vorwurf, er plane einen „Kahlschlag“, kann Straub mit dem Hinweis parieren, die Barmer GEK habe nach der Kürzung immer noch 130 Geschäftsstellen mehr als die Techniker Krankenkasse.
          Kunden, die nur eine schnelle Information oder Beratung wollten, sollten sich per Telefon, elektronischer Post oder Social-Media melden. Das sei ohnehin der Weg, auf dem die meisten Kontakt mit der Kasse suchten.

          Seinen Versicherten verspricht Straub viel Service und kurze Reaktionszeiten: „Wir wollen den Kunden, wenn überhaupt, möglichst nur einmal weiterverbinden.“

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